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Kevin Lavallee, Tobias Schwab (von links) und Kyle Piwowarczyk (rechts) haben einst beim EC Bad Nauheim für Torgefahr gesorgt. Inzwischen mischt das Trio mit Tabellenführer EG Diez-Limburg die Regionalliga West auf. 

Ex-Profis in der Regionalliga

Ex-Profis, Zuschaueransturm und Top-Spiel: "Ehemaligen-Treffen" des EC Bad Nauheim in Limburg

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Jan Guryca, Kevin Lavallee, Tobi Schwab und Kyle Piwowarczyk waren Sympathieträger beim EC Bad Nauheim. Jetzt mischen sie mit der EG Diez-Limburg die Regionalliga West auf. Ein Ortstermin.

Kevin Lavallee, Jan Gurcya und Pierre Wex bilden eine Fahrgemeinschaft. Rund 85 Kilometer sind’s von Bad Nauheim über Gießen und die B49 nach Limburg. Kyle Piwowacryk ist noch ein bisschen länger unterwegs. Etwa eineinhalb Stunden braucht er von Gedern, wo er mit seiner Familie wohnt, in die Domstadt. Übertroffen wird das alles aber noch von Tobi Schwab. In Eschwege-Besse ist er zuhause, fast 200 Kilometer einfache Strecke sind’s von der Haus- bis zur Kabinentür, mehr als zwei Stunden ist er unterwegs - zu jedem Training, zu jedem Heimspiel. Was für ein Aufwand! Die Liebe zum Eishockey und die Verbundenheit mit Bad Nauheim eint dieses Quartett - vier von gleich acht Spielern, die in der Vergangenheit für die Roten Teufel im Nachwuchs- und/oder im Profi-Bereich aktiv waren und nun beim Regionalligisten EG Diez-Limburg eine sportliche Heimat gefunden haben (siehe Info-Kasten). Arno Lörsch komplettiert als Sportlicher Leiter die Reihe der Ex-Nauheimer in der Lahnstadt.

Duschmünzen für Warmwasser und anderer fehlender Luxus

Keeper Jan Guryca stand in der vorherigen Saison noch als Nummer zwei hinter Felix Bick im Kasten des EC Bad Nauheim.

Jan Guryca und Kevin Lavallee kamen im Sommer 2019 direkt aus dem zweiten Liga in die Eishockey-Diaspora mit all ihren Besonderheiten. Nur zweimal wöchentlich wird abends trainiert, zu Auswärtsspielen reist die Fahrgemeinschaft aus der Wetterau mit dem PKW statt dem Mannschaftsbus an, Trainingslager, eine physiotherapeutische Rundum-Betreuung und vieles aus der Profi-Karriere Vertrautes gibt es nicht - und Warmwasser in der eigenen Kabine wird in Limburg ohnehin traditionell über Duschmünzen verrechnet. "An einige Dinge muss man sich erst gewöhnen. Eine Profi-Laufbahn ist eben zeitlich begrenzt. Jetzt liegt die Priorität auf Familie und Beruf. Wenn du aber erstmal auf dem Eis stehst, fühlt es sich noch genauso an wie immer und da hast du auch den gleichen Ehrgeiz", sagt Guryca, im Vorjahr noch die Nummer zwei in Bad Nauheim, in der zweiten Liga.

Die Ex-Teufel in Limburg

Jan Guryca (37 Jahre alt): 2001 bis 2003 sowie 2013 bis 2019 im Profikader. - Jan Philip Naumann (20): Bis 2019 in der Nachwuchsabteilung. - Konstantin Firsanov (37): 2012/13 im Profikader. - Pablo Gimenez (20): 2017 bis 2019 in der Nachwuchsabteilung. - Kevin Lavallee (34): 2007 bis 2009, 2011/12 und 2013/14 im Profikader. - Kyle Piwowarczyk (36): 2009 bis 2011 im Profikader. - Tobias Schwab (34): 2008 bis 2011 im Profikader. - Pierre Wex (28): bis 2013 im Nachwuchs und Profikader. - Arno Lörsch (58): Bis 1981 im Nachwuchs und Profikader.

Kevin Lavallee kam gar als einer der Topscorer vom Zweitligisten Heilbronn nach Limburg. Der 34-Jährige, der mit seiner Familie im Bad Nauheimer Stadtteil Rödgen zuhause ist, verknüpft im Limburg den Sport mit einer Ausbildung im Bereich Elektronik und Telekommunikation im Unternehmen von Willi Lotz, dem Mäzen der EGDL. Lavallee pendelt zwischen Arbeitsplatz und Eisstadion im Großraum Limburg und der Berufsschule in Lauterbach. Fast 30 000 Kilometer seien so in den letzten vier Monaten zusammengekommen. "Anfangs war ich müde. Aber man gewöhnt sich irgendwann daran. Und der Spaß am Eishockey ist da."

Kyle Piwowarczyk (r.) wohnt inzwischen in Gedern - und ist einer von zwei Vollprofis im Limburg.

Kyle Piwowarczyk ist neben R.J. Reed, dem zweiten Kontingentspieler, Vollprofi. Nach sieben erfolgreichen Jahren beim Süd-Oberligisten Selb ist der Kanadier im Vorjahr in Gedern, der Heimat seiner Frau, sesshaft geworden. Nach einer Saison beim Oberliga-Nord-Schlusslicht Berlin wollte der 37-jährige Vater einer kleinen Tochter wieder zu Hause wohnen. Die sportlichen Alternativen auf ambitioniertem Niveau in der Region sind rar. Piwowarczyk folgte seinen Ex-Teamkollegen Lavallee, Schwab und Wex nach Limburg. "Ich mag es hier. Und es fühlt sich gut an, auch mal wieder Spiele zu gewinnen", sagt er augenzwinkernd nach dem Pleitenjahr in der Hauptstadt. Die Umstände nimmt er gelassen. "Natürlich läuft in der Regionalliga einiges anders als im Profisport. Aber so funktioniert Sport auf diesem Level nun mal." Mit "Triebwerk Energie" - einem Vertrieb von Energie-Produkten - baut sich Piwowarczyk mit Geschäftspartnern derzeit ein zusätzliches berufliches Standbein auf.

Tobias Schwab (am Puck) fährt für jedes Training und jedes Heimspiel zweieinhalb Stunden quer durch Hessen - einfache Strecke.

Tobias Schwab muss der wohl "Eishockey-Verrückteste" der Ex-Teufel sein. Zweieinhalb Stunden lang fährt der 34-Jährige für eine Trainingseinheit quer durch Hessen - einfache Strecke. "Ich brauche den sportlichen Reiz. Den habe ich hier. Wenn’s keinen Spaß mehr machen würde, dann würde ich aufhören", sagt "Schwabi". Sein Privileg: Er muss nur das Abschlusstraining mit den "Rockets" bestreiten, geht dienstags in Kassel mit der Hessenliga-Mannschaft auf das Eis. "Nur Hessenliga - das wäre mir aber zu langweilig." Die Nordhessen-Fahrgemeinschaft umfasst mittlerweile gleich vier Spieler, die Wege zu den Auswärtsspielen nach Herford oder Hamm, die direkt von Kassel aus angesteuert werden, sind kürzer als nach Limburg. Nur über eine Teilzeitstelle (Montag bis Mittwoch) bei VW in Baunatal ist eine solch außergewöhnlich zeitintensive Konstellation denkbar. "Viele Jungs kennen sich von früher. Man trifft sich wieder, auch wenn das Kabinen-Feeling natürlich nicht mit Profisport vergleichbar ist, wo man quasi täglich viele Stunden gemeinsam im Stadion oder auf Auswärtsfahrten verbracht hat. Trotz der Fahrerei: Noch habe ich richtig Lust", sagt Schwab, Vater eines sechsjährigen Sohnes.

Das Ziel der Bad Nauheimer Ex-Profs: Den Standort Limburg wieder zum Leben erwecken

Ob Guryca, Lavallee, Piwowarczyk oder Schwab - sie alle sehen in der momentanen Konstellation auch viele Vorteile. "In der DEL 2 geht bei einem Auswärtsspiel ein kompletter Tag drauf und ein Großteil der Nacht. Hier setzen wir uns bei einem Abendspiel erst am Nachmittag ins Auto - und los geht’s. Ich habe viel mehr Zeit für die Familie", sagt Guryca.

Kevin Lavallee (r.) kam als Topscorer vom Zweitligisten Heilbronner Falken nach Limburg.

Hinter den Profis in der Provinz und deren Bereitschaft zum Pendeln steckt neben allen Bekundungen und der Begeisterung zum Sport natürlich auf ein erheblicher finanzieller Aufwand. Willi Lotz, ein Unternehmer mit großem Herz für Eishockey, will den Standort zu neuem Leben erwecken und lässt sich das auch einiges kosten. Die großen Erfolge des Limburger Eishockey liegen mehr als 20 Jahre zurück. In der Saison 1997/98 spielte der Klub - damals zusammen mit dem EC Bad Nauheim - in der 1. Liga Nord. Fünfmal schon wurde an der Lahn der Spielbetrieb eingestellt und ein Neuaufbau eingeleitet. Die jetzige EG Diez-Limburg nimmt seit 2007 am Spielbetrieb teil.

Mehr als 1300 Zuschauer beim Derby und Top-Spiel in der Regionalliga West

Der Modus

Die sieben Mannschaften der Regionalliga West (Limburg, Hamm, Herford, Neuwied, Dinslaken, Ratingen, Neuss) ermitteln in einer Doppelrunde sechs Teilnehmer für die Meisterrunde. Hier werden anschließend in einer Einfachrunde vier Playoff-Teilnehmer ausgespielt. Der Meister darf in die Oberliga Nord aufsteigen. Um die Zahl der Spiele zu erhöhen, bestreiten sechs der sieben Regionalligisten den sogenannten Inter-Regio-Cup mit sechs Klubs aus Belgien und den Niederlanden (drei Heim- und drei Auswärtsspiele).

Am vergangenen Freitag sehen 1301 Zuschauer das Derby gegen Neuwied. Die Eissporthalle ist proppenvoll. Cheerleader, Disco-Beleuchtung und eine Choreographie sorgen für eine tolle Atmosphäre. Der Tabellenführer wird seiner Rolle gerecht, gewinnt mit 4:2. Es ist Werbung für’s Eishockey - und eine Ausnahme. Meist kommen nur 250 bis 300 Zuschauer zu den Heimspielen, obwohl die Domstadt keine sportliche Konkurrenz zu bieten hat. "Das tut schon ein bisschen weh. Aber wir können nicht mehr tun, als den Erwartungen gerecht zu werden", sagt Guryca. 

Das geringe Interesse mag am unattraktiven Modus, am jahrelangen Dornröschenschlaf des Standorts oder an der noch fehlenden Identifikation mit den externen Spielern liegen, die von der Stadt nicht mehr kennen als den Weg von der Autobahn zum Stadion. Die EGDL ist Tabellenführer in der West-Gruppe aus der schon seit Jahren mehr kein Verein den Sprung in die Oberliga gewagt hat. Riesig ist der Schritt, zu groß die Gefahr, aufgrund sportlicher und infrastrukturelle Umstände nicht konkurrenzfähig zu sein. Eine Reihe externe Spieler auf semiprofessioneller Basis müsste geholt werden, um den erhöhten Trainings-, Zeit- und Reiseaufwand gewährleisten zu können. Und dass gerade die aktuellen Leistungsträger, die sich bewusst entschieden haben, Prioritäten zu verlagern und im Eishockey kürzerzutreten, diesen dann erhöhten Aufwand mitgehen würden, ist fraglich. Klar ist aber auch - und da sind sich Guryca, Lavallee, Schwab und Piwowarczyk einig: "Wir spielen, um den Titel zu gewinnen."

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