EC Bad Nauheim

Emotionale Rückkehr: So erlebte Jan Guryca sein Comeback im Tor des EC Bad Nauheim

  • Michael Nickolaus
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569 Tage. Mehr als eineinhalb Jahre. Eine gefühlte Ewigkeit im Profisport. Seit Freitag ist Torwart Jan Guryca vom EC Bad Nauheim zurück in der Deutschen Eishockey-Liga 2 - als sei er nie weggewesen.

"Das war sicher ein besonderes Spiel. Einer meiner emotionalsten Momente", sagt der Torwart, der aufgrund einer Kreuzbandverletzung in der Vorsaison nicht ein einziges Mal im Kader zu finden war. Guryca hielt gegen Dresden gleich 32 der 36 Schüsse und damit den ersten Sieg der Roten Teufel fest. Von den über 2000 Zuschauern wurde der 35-Jährige nach der Schlusssirene mit Sprechchören gefeiert.

Rückblick: Am 22. Januar letzten Jahres, beim 4:1-Heim-Erfolg gegen Crimmitschau, hatte sich der Torwart kurz vor Schluss verletzt. Das Kreuzband war angerissen. Guryca wurde konservativ behandelt, hielt bis Saisonende durch, war im Grunde aber nicht mehr spielfähig. Erst als der Klassenerhalt gesichert war, wurde das Geheimnis um die Verletzung gelüftet. Guryca quälte sich zwei Monate lang bis zu fünf Stunden täglich in der Reha - ohne den erhofften Erfolg. Anfang August wurde er von Dr. Hans-Jürgen Eichhorn in Straubing operiert.

EC Bad Nauheim: Jan Guryca wollte es nach Verletzung allen beweisen

"Realistisch musste ich mich damals als Fast-35-jähriger Torwart mit dem Karriereende befassen. Und natürlich gab es Höhen und Tiefen. Aber - auch wenn es wie eine Floskel klingt - ich hatte nie Zweifel, dass ich zurückkomme." Kleine Therapieerfolge stellten sich rasch ein. Radfahren, leichtes Joggen - Guryca lag im, oft sogar vor dem Zeitplan. Zu Jahresbeginn stand er wieder auf Schlittschuhen, zum Ende der vergangenen Spielzeit gar schon in Ausrüstung auf dem Eis. Dass so mancher ihn aufgrund der Kombination aus Verletzung, Position und seinem Alter schon abgeschrieben hatte, trieb ihn an. "Man spürt, wie die Menschen reagieren. Und natürlich will man das Gegenteil beweisen."

Manchmal kommt schnell alles anders als erwartet. Ich war und bin immer vorbereitet

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Die Testspiele in Zell am See und Herne durfte Guryca vor wenigen Wochen bestreiten. Die Rollen waren allerdings längst verteilt. Jonathan Boutin, dreifacher DEL2-Torwart des Jahres, ist die Nummer eins, Guryca der Stellvertreter. Das ist er gewohnt. Das war während seiner Karriere im Grunde genommen nie anders. Egal, ob in Regensburg, Bremerhaven oder Straubing. Und irgendwie hat er es geschafft, immer da zu sein, wenn er gebraucht wurde; in Bad Nauheim beispielsweise in den Playoffs 2015/16, als er - ohne eine Minute Hauptrunden-Spielpraxis - in den Playoffs plötzlich Mikko Rämö zu ersetzen hatte. Eine besondere Gabe? "Die Psyche spielt bei einem Torwart eine große Rolle. Das muss passen. Ich habe schon die außergewöhnlichsten Situationen erlebt. Manchmal kommt schnell alles anders als erwartet. Ich war und bin immer vorbereitet", sagt Guryca.

EC Bad Nauheim: Guryca als einziger Teilzeit-Profi im Kader

Christof Kreutzer schätzt Guryca als "den ruhenden Pol. Er ist ein smarter Typ. In der Kabine sitzt er recht zentral, seine Meinung ist gefragt", sagt der Trainer. Am Donnerstag signalisierte Kreutzer seinem Backup den Einsatz gegen Dresden. Eine ungewohnt frühe Entscheidung gegen die eigentliche Nummer eins. Die Anspannung sei schon ein wenig größer gewesen als sonst, aber im positiven Sinne, erzählt der Keeper im Rückblick. Gleich den ersten Schuss bekam er sicher zu fassen. Guryca hielt seine Mannschaft während der Druckphase der Gäste aus Dresden im Spiel und avancierte schließlich zum Matchwinner. In Freiburg, zwei Tage später, wurde er in der 45. Minute eingewechselt und blieb ohne Gegentreffer.

Boots ist ein sehr guter Mensch, der viel an sich arbeitet und sich in der Kabine einbringt. Nicht er hat Spiele verloren, sondern wir als Mannschaft

Jan Guryca

Werden die Rollen langfristig getauscht? "Das ist die Entscheidung des Trainers. Ich habe im Laufe der Jahre schon viele Konstellationen und Rollenverteilungen kennengelernt. Für Bad Nauheim ist sicher ein guter Konkurrenzkampf am besten. Ich versuche, bereit zu sein, wenn ich gebraucht werde, und lasse das auf mich zukommen", sagt Guryca, im übrigen der einzige Teilzeit-Profi im Kader der Roten Teufel. Zweimal wöchentlich ist der Kaufmann für Finanzen und Versicherungen bei einem Finanzdienstleister tätig. "Das ist gut für den Kopf. Mal wegzukommen vom Eishockey", sagt der zweifache Familienvater.

EC Bad Nauheim: Torwart Jonathan Boutin verletzt - Guryca am Freitag im Tor

In die Situation von Boutin kann er sich hineinversetzen. "Boots ist ein sehr guter Mensch, der viel an sich arbeitet und sich in der Kabine einbringt. Nicht er hat Spiele verloren, sondern wir als Mannschaft. Wir müssen in der Kabine ein positives Klima beibehalten. Eine gute Atmosphäre hilft, gute Leistungen zu bringen."

Am Freitag gegen Weißwasser wird Guryca zwischen den Pfosten stehen. Am Dienstag meldeten die Roten Teufel den verletzungsbedingten Ausfall von Boutin. Zugezogen habe er sich die Verletzung am Sonntag beim Zusammenprall mit einem Gegenspieler im ersten Drittel. Über die Ausfalldauer wurden keine Angaben gemacht.

Info

EC Bad Nauheim kurz vor Weihnachten mit Sonderzug nach Freiburg

Nächste Station: Freiburg. Der EC Bad Nauheim wird auch in dieser Saison einen Sonderzug rollen lassen. In diesem Jahr geht’s nach Freiburg; und zwar am 21. Dezember, einem Freitag. "Wir haben verschiedene Ziele geprüft. Freiburg ist für uns in der Summe aller Faktoren die beste Option", sagt Geschäftsstellenleiter Tim Talhoff. Die Abfahrt ist für 13.15 Uhr geplant. Morgens um 3.30 Uhr wird der Zug zurück in Bad Nauheim erwartet. Der Fahrpreis beträgt 83 Euro (mit Stehplatz im Stadion), beziehungsweise 90 Euro (mit Sitzplatz) und beinhaltet eine Weihnachtsmütze. Der Karten-Verkauf soll zeitnah starten.

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