Harry Lange will den EC Bad Nauheim als neuer Cheftrainer in die Playoffs führen.
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Einsatz, Wille, Leidenschaft: Diese Werte hatten einst die aktive Laufbahn von Harry Lange geprägt, und diese Werte will der 37-Jährige nun als Cheftrainer den Roten Teufeln vermitteln.

EC Bad Nauheim

EC Bad Nauheim: Wie Harry Lange und Patrick Strauch die Roten Teufel in die Playoffs führen wollen

  • Michael Nickolaus
    vonMichael Nickolaus
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Ihre Namen stehen für Emotion, Leidenschaft, Hingabe. Im Interview erzählen Harry Lange und Patrick Strauch, wie sie den EC Bad Nauheim in die Playoffs führen wollen.

Harry Lange trägt sein Herz auf der Zunge. Immer gerade heraus. Keine Ausreden. 2012 ist er als »No-name« nach Bad Nauheim gekommen. Mit ihm holten die Roten Teufel die Meisterschaft, er personifizierte Leidenschaft, Willen und Kampf, wurde zum Publikumsliebling. In der Wetterau hat man das Ende der aktiven Laufbahn mit einem Abschiedsspiel gewürdigt, hier hat er auch privat sein Glück gefunden. Zusammen mit Patrick Strauch, der ihn vor neun Jahren überhaupt erst vom EC überzeugt hatte, der als Kapitän vorangegangen war, für den die Roten Teufel ebenso eine Herzensangelegenheit geworden sind, will er Bad Nauheim als Nachfolger von Trainer Hannu Järvenpää nun in die Playoffs der Deutschen Eishockey-Liga 2 führen.

Es ist nicht der Trainer, der auf dem Eis steht und den Zweikampf verliert.

Harry Lange

Harry Lange, als bisheriger Assistenz-Coach können Sie die Entwicklung aus der Nähe beurteilen. Woran hakt es?

LANGE: Viele Faktoren spielen eine Rolle. Das beginnt bei der personellen Situation. Die unterschiedlichen Corona-Test-Strategien von DEL und DEL 2 erschweren einen ständigen Austausch mit Kooperationspartner Köln. Wir sind auch nicht gut aus der Quarantäne gekommen, waren defensiv zu dünn besetzt. Für das System von Hannu Järvenpää braucht man Verteidiger, die Situationen spielerisch lösen, braucht zudem Selbstvertrauen. Das hat zuletzt natürlich gelitten. Und dann ist da die Art und Weise der Auswärtsspiele. Es ist nicht der Trainer, der auf dem Eis steht und den Zweikampf verliert. Wir haben den Willen der Jungs nicht so gesehen, wie wir das eigentlich erwartet haben.

Schon im Sommer ist Ihr Name als Cheftrainer-Kandidat gefallen.

LANGE: Ich weiß, dass ich jetzt eine große Chance bekomme. Natürlich wünscht man sich, einer Mannschaft schon ab Sommer die eigenen Werte vermitteln zu können. Entscheidend ist: Das Herz muss am rechten Fleck sitzen, man muss sich für Bad Nauheim den Hintern aufreißen. Natürlich ist das bei minus acht Grad nicht immer einfach, und natürlich fehlen uns die Zuschauer; sicher noch mehr als anderen Klubs. Hier hat man beim Kaffee oder beim Bäcker eben Kontakt mit den Fans, bekommt auf der Straße ein Feedback. Da hört man als Spieler auch mal, dass man nicht gut war. Genau das macht den Standort aus, fällt aktuell aber weg.

Mit Ihnen und Patrick Strauch setzen die Roten Teufel auf eine sehr emotionale Schiene.

LANGE: Ich bin froh, ›Strauchi‹ an meiner Seite zu haben. Wir sind 2012 hierher gekommen, und keiner kannte uns. Ich hatte mir immer gewünscht, dass wir hierher kommen und etwas erreichen. Wir sind Meister geworden, haben uns unsere Positionen erarbeitet. Das hier ist doch für uns beide ein ganz besonderer Ort. Jetzt wollen wir das fortführen. Der Weg ist schwer. Aber wir wollen zeigen, dass es möglich ist, ihn zu gehen.

Wie ist die interne Aufgabenverteilung?

LANGE: Wir reden über alles und entscheiden grundsätzlich zusammen. Patrick wird sich sicherlich das Powerplay vornehmen. Was wir einimpfen müssen, sind Herz und Leidenschaft, auch wenn es wie eine Floskel klingt. Keiner verliert gerne, aber wir haben während des Spiels keine Fans, die uns helfen können, also muss das von innen heraus kommen. Daher bin ich froh, Patrick an meiner Seite zu haben.

Also ist die aktuelle Situation eine Frage der Einstellung?

LANGE: Ganz sicher! Wenn wir früher in einen Zweikampf gegangen sind, wollten wir diesen auch gewinnen. Ich hatte zuletzt das Gefühl, dass es eher darum geht, keinen Fehler zu machen. Das reicht nicht.

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Patrick Strauch, wie haben sich die letzten Tage aus Ihrer Sicht entwickelt?

STRAUCH: Turbulent. Uns erwartet jetzt eine intensive Zeit. Aber für uns beide ist das eine Herzensangelegenheit. Wir leben Leidenschaft vor, in allen Bereichen. Klar: Am Ende ist’s Ergebnissport. Wir müssen liefern, dafür hängen wir uns rein.

Was wollen Sie von Ihrer Mannschaft sehen?

LANGE: Die Prozentpunkte, die wir brauchen. Mehr Aggressivität, größere Bereitschaft, Schüsse zu blocken. Wir wollen selbst mehr schießen. Das ist alles eine Frage von Wille und Leidenschaft. Die Jungs müssen einfach bereit sein. Du kannst taktisch spielen, wie du willst, wenn die Jungs auf dem Eis nicht alles geben. Das müssen wir vermitteln. Die Zeit der Ausreden ist vorbei. Das meine ich überhaupt nicht als Drohung. Nur es gibt keine dritte, vierte, fünfte Chance mehr und keine Garantie für Eiszeit. Wer nicht mitzieht, der sitzt.

Die Mannschaft wirkte zuletzt im Schlussabschnitt regelmäßig platt.

LANGE: Ja. Natürlich willst du deinen besten Leuten so viel Eiszeit wie möglich geben. Aber wir können auch nicht fast ausschließlich mit zwei Blöcken spielen. Natürlich müssen die erfahrenen Spieler vorangehen, aber auch für die jungen Spieler ist das die Chance, sich im Profisport zu beweisen. Da darf sich jetzt niemand verstecken und muss sich seine Spielzeit mit kontinuierlichen Leistungen erarbeiten.

Der Formknick kam parallel zur WM-Vorbereitung der U 20. Das Fehlen von Förderlizenzspielern darf einem DEL 2-Klub aber nicht derart zusetzen, oder?

LANGE: Der Zeitpunkt passt sicherlich, aber das wäre in der Tat zu einfach. Wir haben gewiss nicht erwartet, dass sich die drei Kölner Verteidiger so gut entwickeln, dass sie bei uns tragende Rollen spielen können, dass uns Jan Luca Sennhenn beispielsweise gar nicht mehr zur Verfügung steht. Es kamen die Ausfälle von Huba Sekesi und Tomas Schmidt hinzu. Die U 20-Spieler kamen nach der Weltmeisterschaft nicht unmittelbar zurück, und Mark Richardson als Import-Verteidiger fehlte länger. Dass ein Daniel Ketter plötzlich 24 Minuten Eiszeit hat, war nicht angedacht. Und da ist es leicht, hinterher auf Spieler einzuprügeln. War deshalb die Kaderplanung schlecht? Verteidiger, die Situationen spielerisch lösen, sind die Basis des Spielsystems. Kritik, dass das System nicht angepasst wurde, muss man sich aber sicher gefallen lassen.

Hannu Järvenpää hat viele Dinge richtig angesprochen. Vielleicht brauchen wir mehr Nachdruck in der Ansprache.

Harry Lange

Inwiefern werden Sie das System verändern?

LANGE: Der Faktor Zeit limitiert uns. Wir haben ja mehr Spiele als Trainingseinheiten. Wir müssen Dinge eher in die Köpfe der Spieler bringen. Statt einen Pass der Hoffnung zu spielen, lieber die Scheibe zum Tor bringen, den Zweikampf suchen, ein dreckiges Tor schießen. Rebounds erzwingen, Checks zu Ende fahren - all das, was Patrick und ich als Spieler verkörpert haben, müssen wir vermitteln. Wir wollen weniger Zeit in der eigenen Zone verbringen, mehr schießen und brauchen den letzten Willen, das Spiel auch gewinnen zu wollen. Hannu Järvenpää hat viele Dinge richtig angesprochen. Vielleicht brauchen wir aber ein bisschen mehr Nachdruck in der Ansprache. Die Jungs müssen spüren, dass wir nicht spielen, um später schlafen zu gehen und uns am nächsten Tag wieder zu treffen, sondern um Spiele auch zu gewinnen.

Zuletzt ist die Mannschaft nach Gegentoren mental eingebrochen. Wie wollen Sie die Spieler stärken?

LANGE: Oliver Kahn sagte einst: Immer weiter! Er hatte recht. Das ist nunmal Profisport. Mal führt man mit einem oder zwei Toren, mal liegt man zurück. Und unabhängig davon hat man seinen Job zu machen. Natürlich ist der Gegner auch mal besser, aber das darf meinen eigenen Einsatz nicht beeinflussen.

Ein Kelsey Tessier als Schlüsselfigur spielt nach herausragenden ersten Wochen ohne Selbstvertrauen. Wie werden Sie ihn aufbauen?

LANGE: Er muss einfach weitermachen, sich durchbeißen - und das tut er auch. Natürlich fehlt an seiner Seite ein Freddy Cabana in Hochform, oder ein Stefan Reiter, der an der Bande auf- und abgaloppiert. Dennoch: ›Tess‹ geht immer voran. Mick Köhler an seiner Seite hat ihm gut getan. Er hatte am Wochenende so viele Chance wie lange nicht und wird auch wieder treffen. Da mache ich mir keine Sorgen.

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