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Ein Bild für die Ewigkeit: Die Mannschaft der Roten Teufel und ihr Trainer- und Betreuerstab stellen sich am Abend des 21. April 2013 und dem Sieg in Spiel fünf vor dem Gäste-Block in der Eissporthalle Kassel zum Meisterfoto auf. (Archivfoto: Chuc)

EC Bad Nauheim

21. April 2013: Bad Nauheim in Eishockey-Ekstase

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21. April 2013. Der EC Bad Nauheim schreibt Geschichte(n). In Kassel gewinnen die Roten Teufel den Titel der Eishockey-Oberliga und kehren in die zweite Liga zurück. Ein Rückblick voller Emotionen.

Chris Stanley wird tagtäglich an den Titel erinnert. X-fach. Immer, wenn der 38-Jährige auf sein Handy schaut. Ein Schnappschuss, der ihn, den damaligen Kapitän, mit dem Pokal zeigt, ist als Hintergrundfoto auf dem Mobiltelefon installiert. "Ich bin unglaublich stolz auf diesen Moment und auf diese Mannschaft, in der jeder für den anderen da war", sagt der damalige Topscorer über diesen Triumph, der Bad Nauheim in Ekstase versetzte, den Eissport in der Wetterau zurück auf ein anderes Level geführt und dessen Entwicklung einschneidend geprägt hat.

Trainer Frank Carnevale war der Trainer. Er hatte die Mannschaft im Sommer 2012 zusammengestellt und zum Jahreswechsel Puzzlesteine ausgetauscht; an entscheidender Stelle, wie sich zeigen sollte. "Wolfgang Kurz als Geschäftsführer hat mich meinen Weg gehen lassen. Ohne ihn hätten wir den Titel nicht geholt", sagt der Meistermacher und spricht heute rückblickend von "einem magischen Jahr".

Bad Nauheim war hinter Frankfurt und Kassel der krasse Außenseiter

Brad Miller, der Siegtorschütze, beispielsweise, schmiss seinen Job, um nach Deutschland zu kommen. "Eine reguläre Anstellung – das war einfach nichts für mich. Deshalb sagte ich nach zwei Monaten meinem Berater: Besorg mir einen Vertrag! Egal wo. Egal für welches Geld. Der Wechsel nach Bad Nauheim hat mein Leben verändert", erinnert sich Miller. Noch heute spielt er als Profi in Deutschland – in Peiting in der Oberliga. Einen Josiah Anderson hatte Carnevale während der Saison gar von einer Bohrinsel geholt, obwohl dort gutes Geld bezahlt wurde. "Seine Ausstrahlung, seine Einstellung, seine Präsenz – das hat er in der Kabine übertragen. Josiah war ein bedeutender Faktor", sagt Carnevale über den Deutsch-Kanadier, dem der Ruf eines "Boxers" vorausgeeilt war, der letztlich aber allein durch Leidenschaft und sein Herz überzeugte. Auf der Bank habe er gebetet, räumt der äußerst gläubige 31-Jährige ein. "Ich kannte meinen Gegenspieler Kyle Doyle als früheren Teamkollegen, wusste, dass er schneller ist. Das hat mir zu schaffen gemacht. Ich habe deshalb zu Gott gesprochen, dass er mich dorthin führt, wo es am besten ist. Und unmittelbar beim nächsten Wechsel habe ich den Puck auf den Schläger bekommen, mich gedreht und getroffen."

Dabei galt Bad Nauheim hinter den Ex-DEL-Klubs Frankfurt und Kassel als Außenseiter in den Playoffs. "Daniel Oppolzer hat unglaubliche Playoffs gespielt. Sven Schlicht und Tim May haben wichtige Tore geschossen. Thomas Ower war überragend, Daniel Ketter ein Playoff-Monster in der Abwehr. Ich könnte die Aufzählung noch lange fortführen", sagt Carnevale.

Riesen-Reflex von Torwart Thomas Ower ermöglichte erst die Verlängerung

Einer sei eben für den anderen da gewesen. "Wir hatten keine Stars. Aber wir sind für einander eingestanden, haben Verantwortung übernommen und Schüsse geblockt. Wir wussten, dass wir mithalten können und hatten das Selbstvertrauen", erinnert sich Chris Stanley. Als andere längst schon ihre Trikots gegen Meister-Shirts getauscht hatten, stand er immer noch in voller Montur auf dem Eis. "So ein Titel ist etwas Einmaliges. Ich wollte den Pokal im Trikot entgegennehmen. Mit dem C auf der Brust und den Sponsoren-Logos", erzählt der Topscorer, der in der Finalserie ohne Treffer geblieben war. Gerüchte um einen Wechsel, ausgerechnet nach Frankfurt, waren während der Playoffs durchgesickert. "Ich wäre sehr gerne in Bad Nauheim geblieben, aber zu viele Fragen waren offen. Keiner konnte mir sagen, wie es nach der Saison weitergeht", sagt Stanley und erinnert sich an Pfiffe gegen ihn, als er tags darauf während der Meisterfeier den Fans noch einmal den Pokal präsentierte. "Das war ein komisches Gefühl."

Ein Reflex von Thomas Ower, der kurz vor Schluss noch einem Schuss von Sven Valenti abwehren konnte, hatte Bad Nauheim überhaupt erst die Verlängerung ermöglicht. Mehr als 800 Fans hatten die Mannschaft nach Nordhessen begleitet, ebenso viele verfolgten die Partie per Livestream im heimischen Stadion. Die beiden vorherigen Finalspiele in Kassel hatten die Teufel in der Overtime verloren. "Wir hatten zuvor noch über diese Option gesprochen. Dann saßen wir in der Kabine und mussten schmunzeln", sagt der Keeper. Eine Strafzeit und ein Wechselfehler brachten Bad Nauheim in eine doppelte Unterzahl. Die Anspannung: nicht in Worte zu fassen. "Den Augenblick als Brad das Tor schießt, werde ich nie vergessen", sagt Ower über den Schlusspunkt im Finale und den Auftakt zum Partymarathon – nachts (als das Team bei seiner Rückkehr von mehr als 400 Fans gefeiert wurde) und am nächsten Abend im Colonel-Knight-Stadion sowie in den folgenden Tagen in den Kneipen der Innenstadt.

Die ganz persönliche Geschichte von Michel Maaßen

Michel Maaßen verbindet mit den Feierlichkeiten eine ganz besondere Geschichte. Der Stürmer hatte während des offiziellen Saisonabschieds seine heutige Frau kennengelernt. "Ich habe zwei Jahre in Bad Nauheim gespielt, und wir hatten uns nie gesprochen. Beim Halbfinale habe ich sie überhaupt zum ersten Mal gesehen", sagt Maaßen. Oft und gerne schwelge er deshalb in Erinnerungen. "Gerade um diese Jahreszeit. Das wird immer in meinem Herzen sein."

Das Siegtor / Brad Miller erzählt

In der Eissporthalle Kassel, wo die Roten Teufel in der Saison 2012/13 nicht ein einziges Mal gewonnen hatten, lief die zehnte Minute der Verlängerung im entscheidenden Spiel fünf des Oberliga-Finales, als Brad Miller das Siegtor erzielte. "Ich glaube, das klappt in 30 Versuchen nur ein einziges Mal. Da war schon ein bisschen Glück dabei", erinnert sich der US-Amerikaner an die entscheidenden Sekunden, in denen er zunächst Verteidiger Jan Loboda und dann Torwart Benjamin Finkenrath ausgespielt hatte. "Der wahren Bedeutung des Treffers für die Stadt und die Fans war ich mir an diesem Abend und den Tagen danach überhaupt nicht bewusst. Menschen sagten mir, dass man mehr als 20 Jahre auf ein solches Tor und einen solchen Tag gewartet habe. Das ist unfassbar. Es fällt mir noch heute schwer, dies zu realisieren."

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