Andreas Ortwein beweist im Eishockey-Geschäft einen langen Atem.
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Andreas Ortwein beweist im Eishockey-Geschäft einen langen Atem.

Herzenssache

Andreas Ortwein: »Mich gibt es nur zu 100 Prozent«

  • Michael Nickolaus
    VonMichael Nickolaus
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Geschäftsführer Andreas Ortwein vom Eishockey-Zweitligisten EC Bad Nauheim spricht zum Saisonstart über eine Herzensangelegenheit, über Kontinuität und strukturelle Grenzen.

Andreas Ortwein ist mit dem Eishockey in Bad Nauheim großgeworden. Und seit inzwischen neun Jahren ist er Geschäftsführer der Spielbetriebs GmbH. »Eine Herzenangelegenheit«, wie er sagt. Woher er die Energie für sein nebenberufliches Engagement zieht, warum ihm der Begriff »Kontinuität« so wichtig ist und ob er seine Tätigkeit von der Stadion-Frage abhängig macht, verrät er im Exklusiv-Interview.

Der EC Bad Nauheim hat in den vier Jahren nach dem Wiederaufstieg dreimal die angestrebten Playoffs verpasst. Wie lange lassen sich Playdowns auf Dauer verkaufen, ehe Zuschauer und Werbepartner die Geduld verlieren?

Andreas Ortwein: An erster Stelle steht für uns der Klassenerhalt. Wie schnell man in einen Strudel geraten kann und plötzlich absteigen muss, hat jüngst erst das Beispiel Rosenheim gezeigt. An einem Standort wie Bad Nauheim darf man die DEL2-Qualifikation deshalb nicht als Alltag und Selbstverständlichkeit betrachten, auch wenn bei Platz elf bei Außenstehenden natürlich ein Gefühl der Enttäuschung erstmal überwiegt. In der letzten Saison hat ein Punkt, im Grunde genommen ein Tor, zu Rang zehn gefehlt. Deshalb war aber doch nicht alles schlecht, schwarz oder weiß.

Das Vertrauen ist – bei aller Kritik im Vorjahr – ungebrochen groß. Erneut wurden mehr als 800 Dauerkarten verkauft.

Ortwein: Der Kern der Zuschauer weiß unsere Arbeit, egal, ob auf dem Eis, in der Kabine oder in der Geschäftsstelle und unsere Darstellung einzuordnen und zu schätzen. Diese 800 Menschen zeigen, dass unser Weg der Richtige ist und dass sie unsere Maßnahmen mittragen. Natürlich wird der sportliche Erfolg immer im Mittelpunkt stehen, aber wir wissen auch um unsere Basis derer, die auch in schweren Zeiten zu uns steht und um deren Bereitschaft zur Unterstützung.

Sie stehen für Kontinuität. Das betrifft die Zusammenarbeit mit Trainer, Werbepartnern, Ihr persönliches Engagement als auch Ihren beruflichen Weg. Welche Bedeutung haben die Begriffe Konstanz und Kontinuität für Sie?

Ortwein: Ich bin kein Hü-und-Hott-Typ. Ich gehe lieber mal durch Dick und Dünn und bewerte immer wieder die vielen Für und Wider. Wenn es aber nicht läuft, kann ich auch konsequent sein. Wenn Grenzen überschritten werden, die Veränderungen erfordern, werde ich auch handeln. Aber sicher nicht gleich beim ersten Wind, der mir entgegenweht. Ich denke, gerade Konstanz passt zu unserem Standort. Wir wollen ein verlässlicher Partner sein und spüren, wie wichtig es ist, Ruhe zu bewahren, was uns allerdings nicht von Kritik freisprechen soll.

Die Spielbetriebs GmbH wird von Wachstum geprägt. Aus anfangs vier sind nun sieben Gesellschafter geworden, die Zahl der Mitarbeiter hat sich vergrößert, und immer neue Projekte werden angegangen. Wo steht die GmbH in drei bis fünf Jahren?

Ortwein: Wir müssen, um das Projekt Zukunftsfähigkeit im Dialog mit der Politik nachhaltig angehen zu können, als Mitspieler auf stabilen und breiten Füßen stehen gegenüber der Stadt und möglichen Investoren. Daran arbeiten wir und schauen natürlich, was Klubs wie Straubing oder Iserlohn, die einst mit uns auf Augenhöhe agiert, gemacht haben. Wir schauen, wie dort gearbeitet wird, wie sich Strukturen dort entwickelt haben, wie aus alten Stadien DEL-Spielstätten geworden sind.

Schauen Sie auch ein neidisch nach Kaufbeuren, wo ein neues Stadion eröffnet wird?

Ortwein: Nein. Wir haben in den vergangenen Jahren immer wieder Eishockey-Städte verschwinden sehen, und insofern ist es eine gute Sache, wenn der Standort Kaufbeuren die nächsten 25 bis 30 Jahre infrastrukturell gesichert ist. Wir können von den Erfahrungen, die in anderen Städten gemacht wurden nur profitieren. Dass nun ein weiterer Klub eine moderne Spielstätte hat, zeigt aber auch, dass die Gespräche hier in Bad Nauheim intensiviert werden müssen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Man sieht, was aus der Oberliga anklopft: Duisburg, Hannover, Hamburg, Regensburg oder auch Landshut. Wenn in Bad Nauheim neben Breitensport auch Leistungssport auf DEL2-Level gespielt werden soll, werden wir diese Frage nach dem Stadion zeitnah stellen müssen. Wenn wir keine Perspektive aufzeigen ist es schwer zu prognostizieren, ob wir in fünf Jahren noch in der zweiten Liga spielen.

Die Stadion-Thematik begleitet Sie seit langer Zeit. Ist man heute denn weiter als beispielsweise vor zwölf Monaten?

Ortwein: Inhaltlich auf jeden Fall. Und auch die politische Situation hat sich verändert. Ich frage: Wenn nicht jetzt, wann dann? Allerdings müssen wir erstmal ein machbares Konzept aufstellen, um dann mit allen Seiten ergebnisoffen sprechen zu können. Unsere Ideen und Vorstellungen sind deutlich weiter als vor einem Jahr.

Die Einnahmen aus dem Bereich Sponsoring wurden nach dem DEL2-Aufstieg von 400 000 auf 900 000 Euro netto gesteigert. Lässt sich unter den gegebenen Voraussetzungen die Millionen-Grenze erreichen?

Ortwein: Wir stoßen an Grenzen. Wachstum ist nur bedingt möglich. Selbst wenn wir an der Tabellenspitze stehen würden, hätten wir nicht dauerhaft 3000 Zuschauer. Das lassen die Rahmenbedingungen nicht zu. Im VIP-Raum beispielsweise sind keine signifikanten Steigerungen möglich, attraktive Sitzplätze sind durch Partner oder Dauerkartenbesitzer belegt. Auch stehen keine neuen Parkplätze zur Verfügung. Irgendwann ist diese Schraube zu Ende gedreht. Andererseits, jeder kennt das, steigen die Kosten. Alles wird teurer. Wenn wir die Einnahmen nicht erhöhen können, müssten wir die Ausgaben reduzieren. Das ist derzeit aber nur auf dem Personalsektor möglich und wäre kontraproduktiv einer sportlichen oder inhaltlichen Entwicklung.

Sie sprühen noch vor Energie und Leidenschaft wie am ersten Tag?

Ortwein: Ich könnte meine Art, die Geschäfte zu führen, nicht auf einen anderen Standort übertragen. Ich bin hier mit dem Eishockey großgeworden. Das ist eine Herzensangelegenheit, wobei das Herz immer weiter hintenansteht, weil ich gefordert bin, wirtschaftlich nüchtern zu handeln. Meine Energie ziehe ich aus der Entwicklung der letzten zehn Jahre. Damals hatten wir eine Halbtagskraft in der Geschäftsstelle. Das muss man sich heute mal vorstellen! Und ich bin auch kein Typ für halbe Sachen. Mich gibt’s nur zu 100 Prozent.

Inwiefern beeinflusst die Stadion-Frage Ihre Zukunft?

Ortwein: Nach zehn Jahren habe ich mir ein gewisses Vertrauen aufgebaut. Und natürlich möchte ich den Weg ebnen und meine Netzwerke einbringen, um den Standort für die Zukunft wettbewerbsfähig zu machen. Wenn ich einmal den Staffelstab übergebe, dann will ich das mit einem guten Gefühl tun können. Wir sind gesellschaftlich und auch mit den Kollegen in der Geschäftsstelle zu dem Thema aber auf einem guten Weg. Viele Dinge erscheinen so einfach, wenn man sie von außen betrachtet. Mittlerweile habe ich eine andere Sicht. Hinter den wöchentlichen Heim- und Auswärtsspielen steht ein gigantischer Aufwand, und scheinbar klare Dinge sind weit komplexer als man glaubt. Und für viele entscheidet dann ein Tor, ob eine Saison gut oder schlecht gelaufen ist.

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