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Ticona macht Weg für neue Landebahn frei

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Kelsterbach/Frankfurt (dapd). Die Schornsteine sind bereits abgerissen, die Produktion in Kelsterbach weitgehend stillgelegt: Damit sind die letzten Hindernisse für den Ausbau des Frankfurter Flughafens beseitigt – rechtzeitig vor Inbetriebnahme der neuen Nordwestlandebahn in einem Monat.

Das Chemiewerk Ticona wird am Montag am neuen Standort im Industriepark Höchst in Betrieb genommen. Die alte Produktionsanlage in direkter Nähe zum Flughafen stand dem Bau der neuen Landebahn in der Quere und stellte eine ernsthafte Gefahr für die Pläne dar. Mit dem Umzug machte der Konzern den Weg für den Ausbau frei: Zur feierlichen Eröffnung des neuen Werks hat sich unter anderem Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier angekündigt.

Der Chemiekonzern hatte seit den 1960er-Jahren neben dem Flughafen technische Kunststoffe produziert. Mit dem Bau der neuen Nordwestlandebahn hätte der Abstand nur noch 700 Meter betragen. Nach Ansicht der Störfallkommission des Bundes war das Risiko eines Flugzeugabsturzes über der Anlage zu hoch. Der Konzern klagte auf Verlegung der Flugrouten, jedoch erfolglos. Statt Revision einzulegen, lenkte Ticona im Herbst 2006 ein und stimmte einem Umzug zu. Fraport ließ sich den Kompromiss 650 Millionen Euro kosten.

Die Ticona-Geschäftsleitung bezeichnete den Schritt damals als »schmerzhaft«, wollte aber endlich Planungssicherheit herstellen – und machte sich auf die Suche nach einem neuen Standort. Rund 50 Optionen seien geprüft worden, sagte der Sprecher des Mutterkonzerns Celanese, Jens Kurth. In die engere Wahl kam auch Wiesbaden. Doch die Entscheidung fiel auf den Industriepark Höchst. Vor drei Jahren war die Grundsteinlegung. Entstanden sei die »größte und modernste Anlage« zur Herstellung des Kunststoffs Polyacetal, sagte der Sprecher. Die Produktionskapazität wird seinen Angaben zufolge in dem Werk von 110 000 Tonnen auf 140 000 Tonnen jährlich gesteigert.

Produziert wird Polyacetal

Parallel zum Bau der neuen Anlage wurde am Standort in Kelsterbach weiterproduziert. »Man kann nicht einfach hier den Schalter an- und dort ausdrücken«, sagte Kurth. Am Pfingstmontag wurde die Produktion von Polyacetal im alten Werk eingestellt. Die meisten der 320 Mitarbeiter aus Produktion, Technik, Forschung und Entwicklung sind bereits nach Höchst umgezogen. »Wir befinden uns immer noch in der Phase der Inbetriebnahme«, sagte der Unternehmenssprecher.

Die Verwaltung der Ticona mit rund 100 Mitarbeitern ist im April nach Sulzbach umgezogen. In Kelsterbach läuft derzeit noch eine Fertigungslinie, die bis zum Monatsende nach Kaiserslautern verlegt wird. Der komplette Rückbau des Produktionsstandorts soll bis Ende 2013 fertig sein, so ist es mit Fraport vertraglich festgelegt. Im Juli und August seien bereits die »Flughindernisse« entfernt worden, berichtete Kurth, also Schornsteine und höhere Gebäude. Noch etwa 50 Mitarbeiter seien in Kelsterbach mit dem Rückbau beschäftigt. Sie reinigten die Anlage, entfernten Rohre und Leitungen.

Durch die Verlagerung fallen bei Produktion und Technik etwa 120 Stellen weg. »Primär, weil wir am neuen Standort keine Selbstversorger mehr sind«, erklärte der Konzernsprecher. In Kelsterbach habe sich das Werk selbst um Energieproduktion und Abwasserentsorgung gekümmert, in Höchst würden diese Leistungen eingekauft. Der Stellenabbau sei sozialverträglich gestaltet worden, sagte Kurth. Der Prozess laufe schon seit drei Jahren. Viele Mitarbeiter hätten neue Arbeitsplätze gefunden oder seien in Vorruhestand gegangen.

Auch die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) ist zufrieden. Der zuständige Gewerkschaftssekretär Jürgen Glaser hob hervor, dass es durch den Umzug keine betriebsbedingten Kündigungen gebe. »Wir sind unterm Strich sehr zufrieden mit der Ansiedelung in Höchst.« Er zeigte sich froh, dass die Arbeitsplätze in der Region erhalten bleiben. Zudem bedeute die Ansiedlung des neuen Werks im Industriepark Höchst für alle Mitarbeiter der Celanese-Gruppe eine Sicherung der Arbeitsplätze. »Das ist das Wichtigste«, betonte er.

Ganz und gar nicht glücklich über die Umsiedelung ist jedoch Kelsterbach. Die Kleinstadt verliert einen der größten Gewerbesteuerzahler. »Das tut schon weh«, sagte der Sprecher der Stadtverwaltung, Jochen Schaab. In guten Jahren seien Millionenbeträge geflossen. Er sprach von einem doppelten Schmerz: »Wir haben einen Ausbau, den wir nicht wollten, und wir verlieren einen der wichtigsten Steuerzahler und Arbeitgeber.«

Kathrin Hedtke, dapd

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