Aus der Seifenfabrik erwachsen

Frankfurt. »Zwischen 13 und 16 hatte ich keinen sehnlicheren Wunsch, als endlich erwachsen zu werden«, gesteht Niels Ewerbeck. Erwachsensein – das bedeutet für den 1962 Geborenen »bewusst Verantwortung übernehmen, sich einmischen, entscheiden und auch mit Haltung im Augenblick nicht klärbaren Fragen zu begegnen.«

Dazu wird er in den nächsten Jahren in der Mainmetropole reichlich Gelegenheit haben. Denn Ewerbeck, der seit 2004 künstlerischer Leiter und Geschäftsführer des Theaterhauses Gessnerallee in Zürich war, 1999 das FFT Düsseldorf gründete, ist der neue Intendant am Künstlerhaus Mousonturm und somit Nachfolger von Mousonturm-Gründer Dieter Buroch.

Um das Erwachsensein geht es auch einige Male bei dem langen Festwochenende vom 6. bis 9. September, mit dem der Mousonturm wieder öffnet. Erste bewusste Entscheidungen hat Ewerbeck schon längst getroffen und erste bewusste Handlungen schon längst ausführen lassen: Die Bühne im Saal hat er von zehn auf 14 Meter verbreitern und dafür die Säulen entfernen lassen, eine automatisch ein- und ausfahrbare Tribüne gibt es künftig auch. Außerdem hat er im Juni das »Lüften-Festival« an der Jahrhunderthalle initiiert, bei dem bekannte Bands und Künstler zu sehen waren – das von den Publikumszahlen allerdings weit hinter den Erwartungen zurückblieb. Angenehm, dass der offen, nahbar und begeisterungsfähig wirkende Ewerbeck nicht versucht, das schön zu reden. Angenehm auch, dass er nicht so tut, als würde der Mousonturm unter ihm völlig anders als früher: »Ich bilde mir nicht ein, das Rad neu zu erfinden.«

Einige gute Bekannte

Und tatsächlich finden sich auf dem Spielplan einige gute alte Bekannte, Künstler also, die auch schon in den vergangenen Jahren im Mousonturm zu sehen waren. Künstler allerdings auch, an denen man sich in der Szene eigentlich nicht herummogeln kann, wie beispielsweise das deutsch-britische Performance-Kollektiv Gob Squad, das sich mit der vielgelobten Performance »Before Your Very Eyes« mit dem Erwachsensein auseinandersetzt und dafür ein paar Jugendliche auf die Bühne holt. Ums Erwachsensein geht es aber auch in den Arbeiten der belgischen Theatergruppe Ontroerend Goed oder bei dem Gesprächskünstler Mats Staub aus der Schweiz. Als Motto, das demnächst in Neonlettern vom Mousonturm leuchten wird, hat Ewerbeck sich eine Feststellung vom britischen Performance-Künstler Tim Etchells auserkoren: »The future will be confusing« heißt dieser wenig Geborgenheit in Aussicht stellende Satz. Ewerbeck begreift ihn als »Aufforderung, den Versprechen der Politik lustvoll zu misstrauen.

« Dabei ist der neue Mousonturm-Chef überzeugt, dass Kunst tatsächlich etwas verändern kann, und sagt: »Wir müssen alles daransetzen, dass wir das Erkenntnispotenzial der Kunst ernst nehmen.« Und angesichts der Krise, in der sich die Welt seit ein paar Jahren befindet, scheint ihm das dringlicher denn je: »Wir haben uns in die Hände eines Systems begeben, das nicht mehr nach demokratischen Prinzipien funktioniert.« Selbstverständlich hat auch diese missionarische und kämpferische Haltung etwas mit Erwachsensein zu tun. Aber natürlich möchte Ewerbeck mit seinem Team in der ehemaligen Seifenfabrik auch eigene Duftmarken setzen, die einiges mit Frankfurt zu tun haben. Denn mit der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, der Hessischen Theaterakademie und dem im Dunstkreis der Mainmetropole gelegenen Gießener Studiengang Angewandte Theaterwissenschaften sieht er reichlich Potenzial.

Arbeit mit jungen Leuten

Zu seinem Vorhaben, auch verstärkt mit jungen Leuten zu arbeiten, passt da ein schöner Zufall: Vor Jahren war Ewerbeck von der Arbeit »Mannen« des Choreografen Ives Thuwis »zutiefst berührt«, da Jugendliche spielerisch, mutig und selbstbewusst die Frage nach dem Mannsein stellten. Die Jungs von damals sind heute Profis. Ewerbeck bringt sie und Thuwis zu einem neuen Projekt zusammen. »Für uns alle ist das wie eine Art Familienzusammenführung«, freut er sich über das Experiment mit offenem Ausgang, das möglich ist, da einige von ihnen in Frankfurt und andere in Gießen studierten. Doch jenseits von solchen künstlerischen Möglichkeiten gibt es noch einiges, das Ewerbeck an Frankfurt, das er als »angenehm normal« bezeichnet, schätzt: das anspruchsvolle, kenntnisreiche Publikum mit seinem bürgerschaftlichen Engagement sowie die Frankfurter Presselandschaft. Bezogen auf sein Metier freut er sich, dass er in Frankfurt trotz der schwierigen Bedingungen in den Medien Journalisten weiß, die etwas von der freien Szene verstehen und über Inszenierungen berichten und urteilen können.

Auch wenn er beruflich schon angekommen ist, viel Zeit fürs Frankfurter Leben blieb Ewerbeck, der im Schnitt 250 Vorstellungen national und international besucht, bisher noch nicht. Im Moment findet er zu seinem Bedauern nicht einmal genügend Zeit, um zu lesen. Die nimmt er sich auf seinen zahlreichen geschäftlichen Reisen: »Wenn ich in Bahn oder Flugzeug bin, nehme ich kein Laptop aus meiner Tasche, sondern ein Buch.« Außerdem liebt der Theatermacher Musik und würde gerne in einem Chor singen. Und er ist ein begeisterter Reiter. »Im Augenblick aber«, sagt er mit gut gelauntem und entspannt wirkendem leisen Bedauern, »sind diese Steckenpferde nicht wirklich tauglich für meinen Alltag.«

Astrid Biesemeier, pia

Der Mousonturm öffnet nach neunmonatiger Umbaupause mit einem Eröffnungswochenende unter dem Motto. »The future will be confusing« vom 6. bis 9. September wieder.

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