1. Wetterauer Zeitung
  2. Rhein-Main

Letzte Chance für ältere Betonklötze

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Frankfurt. Gerade in Städten mit besonders großer Wohnraum-Nachfrage stehen haufenweise seit vielen Jahren Büro-Immobilien leer, die keiner mehr haben will. Ein zeitgemäßer Umbau dieser Betonklötze könnte helfen, dringend benötigte Wohnungen zu schaffen.

Aber längst nicht alle Standorte sind geeignet, zahlreiche Hindernisse architektonischer wie ökonomischer Art stehen dagegen.

Günter Hägele, Geschäftsführer des Immobilienentwicklers Dreyer und Kollegen, ist mächtig stolz auf seine »Skyline Apartments« in der Bürostadt Niederrad. »Wir haben gemacht, wovon andere nur reden.« Nach jahrelangem Leerstand wurde der 14-stöckige Büroklotz in der Lyoner Straße komplett umgebaut und in 98 Wohnungen aufgeteilt, von denen nur noch sechs zu vermieten sind. Allerdings zum hohen Quadratmeterpreis von 13,20 Euro, was teils deutlich über den Büromieten an diesem Standort liegt. Etwa jeder dritte Quadratmeter in der angegrauten Bürostadt steht leer oder wird umgebaut.

In ganz Frankfurt gibt es fast zwei Millionen Quadratmeter Büro-Leerstand, rechnerisch die Fläche von fast 27 000 Wohnungen à 75 Quadratmeter.

Das Beispiel aus dem flughafennahen Frankfurter Stadtteil am Stadtwald ist aber keineswegs typisch: Am einfachsten lässt sich die baulich anspruchsvolle Umwandlung in innerstädtischen Gründerzeitvierteln durchziehen. Wo in den 1970er-Jahren die Frankfurter Spontis teils vergeblich gegen die weitere Zerstörung von Wohnraum demonstrierten, werden immer noch die höchsten Mieten der Stadt gezahlt. »Das Gebäude sollte in einer nachgefragten Lage stehen und eine gesunde Rohbaustruktur haben«, sagt der Hamburger Architekt Carsten Venus vom Büro »Blauraum«, der in der Bogenallee in Hamburg-Harvestehude aus einem nüchternen Büroblock eine preisgekrönte Wohnimmobilie gemacht hat.

Das Publikum ist anspruchsvoll: Aus Umwandlungen an guten Standorten – auch kleine Fabrikgebäude kommen infrage – entstehen nicht selten Luxuswohnungen mit spektakulären Raumhöhen und raumgreifenden Grundrissen. Hier sparen sich die Planer aufwendige Verkehrswege und teure Nasszellen für zahlreiche kleine Einheiten.

Den anderen Weg gehen Investoren »wohnähnlicher Nutzungen«: Ein Hostel oder ein Studentenwohnheim wie in der Frankfurter

Adickesallee entlasten ebenfalls den lokalen Wohnungsmarkt. Im vergangenen Jahr kamen immerhin neue 590 Wohneinheiten aus der Umnutzung auf den Wohnungsmarkt. Das war ein gutes Viertel aller neuen Wohnungen in Hessens größter Stadt.

Der Bodenwert eines Grundstücks sinkt bei einer Umwidmung von Gewerbe auf Wohnen meist drastisch. Das größere Hindernis ist aber ein psychologisches: »Die Eigentümer müssen sich erst einmal einen Ruck geben und sich eingestehen, dass ihr vielleicht 50 Jahre altes Gebäude als Büro nicht mehr zu vermieten ist«, sagt Michael Kummer, Chef der Bauaufsicht in der deutschen Büro-Hauptstadt Frankfurt.

Immer kürzer werden die Zyklen, nach denen eine Gewerbeimmobilie modernisiert werden muss, um den Top-Ansprüchen international agierender Unternehmen noch gerecht werden zu können.

Architekt Venus sieht zudem hausgemachte Probleme. »Die Struktur der Immobilienwirtschaft passt nicht für die Umwandlung von Gewerbe- in Wohnimmobilien«, sagt der Hamburger Umbauspezialist, der an einer bundesweiten Studie zum Thema mitgearbeitet hat. Die Immobiliengesellschaften seien meist einseitig auf Gewerbe ausgerichtet und wollten mit Endverbrauchern nichts zu tun haben. Um einen Umbau voranzutreiben, müsse daher meist ein Wechsel zu einem Eigentümer stattfinden, der dann das Projekt entwickelt. Wegen der fünf Jahre währenden Gewährleistungspflicht scheuten aber viele dieses klassische Bauträgergeschäft mit Altimmobilien.

Die Frankfurter verlassen sich bei Umbauanträgen nach Kummers Worten auf intensive Beratung und Problemlösungen im Einzelfall. Auf besonderes Entgegenkommen bräuchten die Bauherren aber nicht zu hoffen: »Wir geben keinen Schnaps obendrauf.« Ausnahmen sind Bürogebäude in Stadtsanierungsgebieten wie dem lange leicht anrüchigen Bahnhofsviertel. Hier lässt sich die Stadt zusätzliches Leben durch zurückgewonnene Wohnungen gerne ein bisschen was kosten.

Genug zu tun gibt es allemal, sagt Venus: »In der Masse geht es um kleine Bürogebäude in gefragten Wohngebieten. Solche drei- oder vierstöckigen Klassiker mit vielleicht 4000 Quadratmeter Nutzfläche gibt es in Deutschland ohne Ende.«

Christian Ebner, dpa

Auch interessant

Kommentare