Ein Kenner verlässt die Stadt

Frankfurt (pia). Wolf von Wolzogen geht in den Ruhestand – nach 22 Jahren. Mit dem Abschied von dem Museumspädagogen und Kurator der »Bibliothek der Alten« geht für das Historische Museum und die historisch interessierte Stadtgesellschaft eine Ära zu Ende.

Von Wolzogen hat den Umgang Frankfurts mit seiner Geschichte nachhaltig beeinflusst. Das Haus dankt ihm mit einer Verabschiedung am kommenden Dienstag, 28. August, um 18 Uhr im Rahmen der »Bibliothek der Alten«. Bei dieser Überlieferungs- und Gesprächsreihe, die er im Jahr 2000 mitbegründete, soll nach und nach bis zum Jahr 2105 ein für jedermann zugängliches »offenes Archiv« entstehen, das es eines Tages ermöglicht, auf mehr als 200 Jahre erinnerter Zeitgeschichte zurückzublicken.

Bei dem Generationen übergreifenden Projekt schreiben 65 Autoren aller Berufszweige und sozialen Schichten im Alter von 50 bis 100 Jahren, sowie 35 Autoren bis zu 50 Jahren. Die Teilnehmer sollten mit der Geschichte der Stadt Frankfurt verbunden sein und einen Rückblick auf das vergangene Jahrhundert geben. Die jüngeren Teilnehmer hingegen haben 50 Jahre Zeit, um »in die Zukunft hineinzuschreiben«. Inhaltliche und formale Gestaltung sowie die Wahl des Mediums bleiben den Teilnehmern überlassen. Jeder Beitrag bekommt ein eigenes Fach in einem offenen Schrank im Historischen Museum.

Seit von Wolzogens Übernahme der Projektleitung im Jahr 2005, hat er die Autoren der Bibliothek und das Publikum in über 100 Gesprächen, Vorträgen und Konzerten zusammengebracht.

Doch diesmal ist von Wolzogen ausnahmsweise nicht als Interviewer im Leopold Sonnemann-Saal. Diesmal wird er selbst interviewt. Hörfunk-Journalistin Ulrike Holler, die Hamburger Künstlerin Sigrid Sigurdsson, die die Idee zur »Bibliothek der Alten« entwickelt hatte, und Felicitas Gürsching vom Historischen Museum wollen mehr über seine Frankfurter Zeit erfahren. Denn der nun scheidende Historiker kennt die Stadt besser als die meisten Einheimischen. Zugleich wahrte er aber stets kritische Distanz zu ihr, bezeichnet sich selbst nicht als Frankfurter. Von Wolzogen setzte sich in seinem Berufsleben intensiv mit der Geschichte des Nationalsozialismus auseinander. So wirkte er an Ausstellungen wie »Die Synagogen brennen…! Die Zerstörung Frankfurts als jüdische Lebenswelt« (1988) oder »Anne aus Frankfurt. Leben und Lebenswelt Anne Franks« (1990) mit. Zudem war er maßgeblich an der Gründung der »Jugendbegegnungsstätte Anne Frank« beteiligt und langjähriges Mitglied in deren Vorstand.

Meilensteine in seiner Museumslaufbahn waren für von Wolzogen auch die Begleitung der großen Ausstellungen »Brücke zwischen den Völkern – 750 Jahre Frankfurter Messe« und »Die 68er – Kurzer Sommer – lange Wirkung« sowie die Gestaltung des Rahmenprogramms für »Von Fremden zu Frankfurtern« – Zur Geschichte der Migration« (2005).

Im Jahr 1990 übernahm er schließlich die Museumspädagogik und die Öffentlichkeitsarbeit des Historischen Museums. Auf dieser Position entwickelte er sogleich eigene Initiativen: 1991 war er Gründungsmitglied des Bundesverbandes Museums- pädagogik und wurde dessen erster Präsident. 1992 brachte er den Hessischen Arbeitskreis Museumspädagogik mit auf den Weg. Dort war er bis vor kurzem als Vorstandsmitglied aktiv. Außerdem trieb er die Vernetzung mit anderen pädagogischen Institutionen voran.

Krönung seiner beruflichen Laufbahn aber ist die »Bibliothek der Alten.« Er nennt die Reihe selbst »eine neue Variante des kulturellen Gedächtnisses mit der Intention, Licht in die Dunkelheit des kollektiven Beschweigens der deutschen Geschichte zu bringen«. Dieses Projekt, sein Projekt, wird er am Ende des Abschiedsabends an seine Nachfolgerin Angela Jannelli übergeben. Dann zieht es ihn nach Jahren des Pendelns endgültig in seine Wahlheimat Potsdam.

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