Grüne Altbauwohnung im Rotlichtmilieu

Frankfurt. Kreative erobern das berüchtigte Bahnhofsviertel. Die Stadt unterstützt diesen Prozess, richtet Plätze her und fördert Wohnraum mit einem 20 Millionen Euro. Björn Eckerl von der Werbeagentur »Vier für Texas« nennt das Bahnhofsviertel spaßeshalber den »Wilden Westen«.

DJ Ata Macias schwärmt vom großstädtischen Leben in dem von Bordells, Drogen und exotischen Läden geprägten Gründerzeitquartier. »Ich mag auch die Nähe zum Main, zum Bahnhof und zur Innenstadt.« Sein Nachbar aus der Münchener Straße, Arman Khoschbonyani, liebt die frischen Kräuter und Lebensmittel aus dem kurdischen Supermarkt um die Ecke. »Das Viertel ist lebendig, südlich und auch wie im Urlaub«, sagt der 40 Jahre alte Inhaber eines Kuriositätenladens.

Um fast ein Fünftel sei die Zahl der Wohnungen so seit 2005 gestiegen – auf insgesamt mehr als 2100, sagt Bürgermeister und Planungsdezernent Olaf Cunitz. Nun soll es Zuschüsse für die Begrünung von Hinterhöfen geben – gedacht sind an bis zu 150 Euro pro Quadratmeter. Neben der Verschönerung des Viertels soll damit auch das Stadtklima besser werden. »Die Voraussetzungen, um eine grüne Oase zu schaffen, sind allerdings nicht so weit verbreitet«, sagt Klaus-Peter Kemper vom Stadtteilbüro und verweist auf Stellplätze für Autos und Mülleimer.

»Das Bahnhofsviertel ist hipp geworden, es zieht viele junge Leute und Künstler an«, sagt Patrick Klingenschmitt, Projektleiter beim Frankfurt LAB, einer Bühne für moderne Tanzprojekte. »Aber es ist nicht wie Berlin-Kreuzberg oder Prenzlauer Berg.« Das glaubten jedoch viele junge Leute, die in das Viertel zögen. »Und wenn sie dann die Junkies vor der Tür haben, wundern sie sich, dass das doch kein Lifestyle ist, sondern harte Trivialität«, sagt der 26-Jährige.

Offene Drogenszene

Nördlich des einstigen Prachtboulevards Kaiserstraße hat sich eine Art offene Drogenszene gebildet, wie der Leiter des Drogennotdienstes im Viertel, Wolfgang Barth, berichtet. Gruppen von Junkies lungern vor Druckräumen herum. An mangelnden Anlaufstellen für die Suchtkranken liegt es nicht, betont Barth. Aber: Rund 4000 bis 5000 Rauschgiftsüchtige kommen regelmäßig, um sich in Bahnhofsnähe mit Stoff zu versorgen. Immer mehr Süchtige hätten nach jahrzehntelangem Rauschgiftkonsum massive psychische Probleme und verhielten sich entsprechend auffällig.

Anwohner hatten in einem offenen Brief Ende 2011 Alarm geschlagen und betont, sie fühlten sich nicht mehr sicher. Das Ziel, eine Diskussion über die Probleme im Viertel anzustoßen, sei erreicht worden, sagen sie jetzt. Der Dialog mit der Stadt sei auch im Gange. Aber: »Auch wenn wir uns im Klaren darüber sind, dass Maßnahmen zur Veränderung langfristig angelegt sein müssen, sehen wir bisher keinerlei grundlegende Veränderung der Situation.«

Bewohner des südlicheren Bahnhofsviertels wie Khosch- bonyani, Klingenschmitt und Gastronom Macias, der nach seiner Café-Bar Plank jetzt ein besonderes Restaurant, den Club Michelle, in der Münchener Straße eröffnet, fühlen sich dagegen sicher. »Es ist zwar manchmal laut, aber das liegt vor allem an den Besuchern, die sich hier schlecht benehmen, weil es eben das Bahnhofsviertel ist«, betont Khoschbonyani. An manchen Tagen fahre dreimal ein Bier-Bike vorbei, klagt Klingenschmitt. »Und die Junggesellen, die da mitfahren, grölen hier lauter als sonstwo.« Cunitz will sich für mehr Wohnraum stark machen. Mehr als 60 recht luxuriöse Wohnungen entstehen derzeit in zwei Häusern in der Kaiserstraße.

Auf dem Gelände des Hauptsitzes der städtischen Wohnungsbaugesellschaft ABG in der Elbestraße könnten Wohnungen für Studenten oder andere junge Leute gebaut werden, die sich nicht am Eros-Center direkt gegenüber stören. Um die Ecke hat die Stadt auch sozialen Wohnungsbau gefördert.

»Ehrliche Visitenkarte«

Trotzdem fürchten manche schon steigende Mieten. »Es gibt da sehr unterschiedliche Meinungen«, sagt Cunitz und plädiert für eine öffentliche Diskussion über die Ausgestaltung des Viertels. Einige Einzelhändler, die jetzt besonders laut klagten, müssten mit extremen Mietsteigerungen rechnen, wenn die qualitative Veränderung immer so weiter gehe, mahnt er. Der Grüne ist aber auch zugleich überzeugt: »Alles was wir hier machen, wird irgendwann an die Grenzen von Rotlichtmilieu und Drogenhilfe stoßen.« Beides könne nicht einfach an den Stadtrand in ein Industriegebiet verlagert werden. »In einer Großstadt wie Frankfurt gibt es dafür vielleicht keine Lösung.« Das Bahnhofsviertel sei eben eine ehrliche Visitenkarte der Stadt, sagt Cunitz. »Multikulturell, ein Ort von Kreativen, aber auch von massiven Problemen.

« Es werde nie gelingen, aus dem Bahnhofsviertel einen Stadtteil wie das edle Westend zu machen. »Die Dinge haben hier nebeneinander ihren Platz.«

Umbau der »Münchener«

Derweil wird das Diakoniezentrum an der Weserstraße modernisiert und die Freifläche an der dazu gehörenden Weißfrauenkirche wieder geschaffen und gestaltet – samt Übergängen zu einer angrenzenden Moschee und einem Atelierhaus. Der Karlsplatz im tosenden Verkehr im Norden soll schon bald grüner, größer und ruhiger werden und dort noch 2012 endlich auch das erste öffentliche Männer-Pissoir stehen – und die Pinkelei in Hauseingänge einschränken, deren Spuren vielerorts zu sehen und zu riechen sind. Zu den ambitioniertesten Plänen zählt Cunitz den Umbau der Münchener Straße, der kultigen Hauptachse des Viertels mit ihren Wohnungen, bunten Geschäften, Cafés und Imbissstuben. Die Stadt untersuche gerade, wie die Bürgersteige breiter und die von der Straßenbahn befahrene Straße schmaler werden könne.

Die Stadt unterstützt zudem die Kreativen, in dem sie einen Zuschuss zur Zwischennutzung leerstehender Räumen gibt – seit 2011 bereits 23 Projekte, wie Jakob Sturm von der Agentur »Radar – Kreativräume für Frankfurt« sagt, die Leerstände an Künstler vermittelt. »Frankfurt soll als Kreativstadt stärker auf der Landkarte etabliert werden.« Ira Schaible, dpa

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