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Steigende Preise, trotz Verwahrlosung: Warum ist das Bahnhofsviertel so teuer?

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Von: Niklas Hecht

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Die Sicherheit im Bahnhofsviertel ist nach wie vor ein Thema.
Die Sicherheit im Bahnhofsviertel ist nach wie vor ein Thema. © Renate Hoyer

Das Bahnhofsviertel gilt in Frankfurt als Problembezirk - und als beliebter Wohnort. Das könnte sich ändern, wenn die Stadt der Verwahrlosung keinen Einhalt gebietet.

Frankfurt - Trotz der vielen Probleme mit Drogen, Müll und Lärm gehört das Bahnhofsviertel in Frankfurt zu den teuersten Wohngegenden der Stadt. Ein Beispiel? Für eine standardmäßig ausgestattete 75-Quadratmeter-Wohnung zahlt man hier gemäß einer Anzeige auf einem großen Immobilienportal schonmal knapp 1.800 Euro Warmmiete. Kein günstiger Preis dafür, dass sich die Wohnung in der Niddastraße befindet, in der Anlieger erst vor kurzem einen privaten Sicherheitsdienst engagierten, um der Drogenszene und den wiederholten Gewaltausbrüchen vor der eigenen Tür Einhalt zu gebieten.

Das Frankfurter Bahnhofsviertel erinnert derzeit wieder etwas mehr an die berüchtigten 80er- und 90er-Jahre, in denen Kriminalität an der Tagesordnung war und der Drogenkonsum gänzlich öffentlich ausgelebt wurde. Auch heute kommt es in der Taunusstraße wieder fast täglich zu Polizeieinsätzen. Erst Anfang August erschoss ein Beamter in der angrenzenden Moselstraße einen 23-jährigen Mann, weil dieser zwei Prostituierte mit einem Messer bedroht hatte. Gastronomen und Hoteliers beklagen unterdessen den Dreck und den Gestank vor ihren Lokalen und die vielen Suchtkranken in den Straßen. Das Viertel kommt nicht zur Ruhe.

Ist das Bahnhofsviertel in Frankfurt besser als sein Ruf?

Dennoch rangiert das Quartier zwischen Hauptbahnhof Frankfurt, Mainzer Landstraße, Gallusanlage und Main bei den Immobilienpreisen im innerstädtischen Vergleich inzwischen im oberen Drittel. Laut einer Erhebung von immobilienscout24.de kostet der Quadratmeter im Bahnhofsviertel beim Kauf derzeit 7.624 Euro. Das liegt deutlich über den preiswerteren Gegenden Höchst (4.516 Euro), Oberrad (4.978 Euro) oder Niederursel (5.213 Euro). An der Spitze des Rankings steht das Westend mit einem Quadratmeterpreis von knapp 9.000 Euro.

Um die hohen Preise in Frankfurts Problembezirk zu verstehen, empfiehlt Makler Serdar Yildirim, Inhaber von Dornbusch Immobilien, den Blick auf das ganze Viertel zu erweitern. „Abgesehen von den ein, zwei einschlägigen Straßen ist das Bahnhofsviertel hip“. Die Lage sei zentral, es gebe moderne Restaurants und Cafés und der berüchtigte Ruf des Viertels sei vor allem ein Relikt aus vergangenen Tagen. Straßen, wie die Münchner Straße oder die Moselstraße seien grundsätzlich gepflegte Ecken, in denen die Bankangestellten der Stadt mittags zum Lunch gingen.

Frankfurt: Stadt investiert in die Wohnungsinfrastruktur im Bahnhofsviertel

Dass sich die Lage rund um den Hauptbahnhof in den vergangenen Jahren zeitweise verbessert hatte, lag neben der liberalen Frankfurter Drogenpolitik (siehe Infobox) auch an einem Förderprogramm der Stadt. Um die Drogen und den Schmutz aus dem Bahnhofsviertel zu vertreiben, investierte die Stadtverwaltung ab 2006 erhebliche Fördermittel in den Bau neuer Wohneinheiten, in die Begrünung von Innenhöfen und in die Anlegung von Spielplätzen. Zudem sei der massive Leerstand im Viertel behoben worden, schreibt die Stadt auf Nachfrage. So sei beispielsweise ein leerstehendes ehemaliges Polizeirevier am Wiesenhüttenplatz mit städtischer Förderung zu einem Studentenwohnheim umgewandelt worden.

Mit dem massiven Investitionsprogramm - nach Abschluss der Maßnahmen werden 30 Millionen Euro investiert worden sein - hat die Stadt für Wohnraum und moderne Unterkünfte im Bahnhofsviertel gesorgt. Eine Antwort auf die neu entfachten Probleme mit Suchtkranken, Schmutz und Lärm bleibt sie bislang schuldig. Gerade für Hotels und Gastronomien, deren Gäste sich in der Umgebung unsicher fühlen, ist die zunehmende Verwahrlosung ein Problem.

Bahnhofsviertel-Gastronomen schreiben Brief an hessisches Wirtschaftsministerium

Weil sie sich vom Frankfurter Magistrat alleingelassen fühlen, schickten die Bahnhofsviertel-Gastronomen kürzlich einen Brief an das hessische Wirtschaftsministerium. Die Stadt schaue weg, kritisierte damals der Hauptgeschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbandes, Julius Wagner. Die Gastronomie habe in den vergangenen Jahren enorme Anstrengungen unternommen, um das Bahnhofsviertel aufzuwerten. „Aber diese Investitionen stehen im krassen Gegensatz zur Untätigkeit der Stadt, das passt nicht zusammen.“

Mit dem „Stanley“ schloss erst vor Kurzem ein bekanntes Restaurant im Viertel mit dem Verweis auf die derzeit schwierige Lage im Quartier. Mit einer ähnlichen Begründung machte vor wenigen Tagen auch ein Fitnessstudio der Kette Kieser Training in der Niddastraße dicht. „Die Anzahl der Belästigungen vor unserem Studio hat in den letzten Monaten spürbar zugenommen“, hieß es vonseiten des Betreibers.

Der Frankfurter Weg

Als Frankfurter Weg wird der Umgang der Stadt mit den Suchtkranken im Bahnhofsviertel bezeichnet. Ende der 1980er-Jahre spitzte sich das Drogenproblem in der Stadt dramatisch zu. Zu Hochzeiten hielten sich in der kleinen Grünanlage zwischen Bankentürmen und Bahnhofsviertel rund 1000 Drogenabhängige und Dealer auf. Crack und Heroin wurden öffentlich konsumiert und verkauft. HIV und Hepatitis breiteten sich in der Szene aus. 1992 starben insgesamt 147 Menschen starben an den Folgen des Drogenkonsums. Da die Zerschlagung der Drogenszene in den Folgejahren nicht gelang, entwickelte die Stadt den unkonventionellen Frankfurter Weg. Er beruht auf den vier Säulen Prävention, Beratung und Therapie, Überlebenshilfe und Repression. Neben gängigen Maßnahmen zur Eindämmung des Drogenhandels, wie Razzien, zeichnet sich die liberale Frankfurter Drogenpolitik insbesondere durch den Versuch aus, die gesundheitlichen Risiken beim Konsum für Suchtkranke zu verkleinern. So organisiert die Integrative Drogenhilfe in Frankfurt einen Spritzentausch, damit Abhängige mit sauberen Utensilien ihre Drogen konsumieren können. Außerdem gibt es im Stadtgebiet insgesamt vier Konsumräume, in denen Heroin und Crack in einer geschützten Umgebung konsumiert werden können.

Bahnhofsviertel: Gastronomen und Hoteliers wünschen sich kurzfristige Lösungen

Um das Drogenproblem in den Griff zu bekommen, plant die Sicherheitsdezernentin der Stadt, Annette Rinn (FDP), die Eröffnung eines Steuerungs- und Koordinierungsbüro im Viertel, um eine Anlaufstelle für Anwohner, Geschäftstreibende, Partyvolk und Suchtkranke zu etablieren. Das Büro soll den Kommunikationsprozess zwischen den Beteiligten vereinfachen. „Daran arbeiten wir seit einigen Monaten dezernatsübergreifend“, erklärte sie vor einiger Zeit. Geschäftstreibende hoffen auch auf kurzfristige Lösungen. Genug Miete zahlen sie allemal. (Niklas Hecht)

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