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Symbolbild: Geiselnahme mit Orangen

Prozess

"Dämlichste Geiselnahme aller Zeiten" - Es waren Orangen im Spiel

Ein Großeinsatz der Polizei in einem Café entpuppt sich vor dem Amtsgericht Höchst als absurdes Theater und als ziemlich dumme Geiselnahme.

Frankfurt - Die Anklage, die am Mittwochmorgen vor dem Amtsgericht Höchst verlesen wird, klingt nach der dämlichsten Geiselnahme aller Zeiten. Am 14. Mai 2018 betritt Bogdan S. gegen 14 Uhr ein Café in der Bolongarostraße, das von seiner guten Freundin Amra G. geführt wird. 

S. ist voller Zorn, denn ihm sind Gerüchte zu Ohren gekommen, dass zwischen ihm und Amra G. eine delikatere denn rein platonische Freundschaft bestünde. Er trifft auf Amra G. in Begleitung ihrer Freundin und Kellnerin Elena J.

Frankfurt: Geiselnahme im Cafè 

Beide müssten sterben, droht Bogdan S., wenn sie nicht binnen einer Stunde den Urheber der üblen Nachrede ins Café zitierten, auf dass er über ihn richten möge. Bogdan S. präsentiert den staunenden Damen zum Beweis seiner Ernsthaftigkeit ein mitgeführtes Stahlrohr sowie zwei mit Alupapier umwickelte Orangen, die er zu Handgranaten erklärt.

Dann geht der Geiselnehmer zum Kiosk gegenüber, um zwei Whisky-Cola zu trinken. Die Geiseln, wohl im Banne der Orangen, warten derweil. Bogdan S. kehrt zurück und sagt, dass nun alle sterben müssten, bis auf Amra G. natürlich, die stattdessen ins Café nebenan schlendert und dessen Wirt bittet, doch mal den Bogdan anzurufen, der drehe gerade hohl. Der Wirt ruft aber die Polizei: Ein Irrer habe sich im Nachbarcafé verschanzt und halte möglicherweise eine Geisel.

Großeinsatz der Polizei

Die Polizei rückt mit 20 Streifenwagen an und umstellt das Café. Beide Seiten nehmen telefonischen Kontakt auf. Ob er eine Geisel bei sich habe, fragt die Polizei. Nein, antwortet Bogdan S. wahrheitsgemäß, die Elena habe auch keine Lust zum Sterben gehabt und das Café vor kurzem verlassen, aber er habe zwei Orangen und sei notfalls bereit, diese einzusetzen. Dann beginnt er, mit Aschenbechern nach Biergläsern zu schmeißen und Hocker umzutreten. Nach kurzem Risikocheck stürmt die Polizei das Café, verpasst Bogdan S. eine außerordentliche Tracht Prügel und nimmt ihn fest. Die nächsten drei Monate verbringt er in Untersuchungshaft.

Fast alles Lüge, sagt Bogdan S., ein 49 Jahre alter Prachtbursche mit freundlichen Augen und einem Kinn wie in der Kasperlfabrik geschnitzt, auf der Anklagebank des Amtsgerichts. Ja, er habe wissen wollen, wer die Gerüchtequelle gewesen sei, aber die Orangen habe er als Gastgeschenk mitgebracht. Ebenso wie den in der Anklage nicht erwähnten Stein vom Marmorgrab seines Vaters in Kroatien. Marmorstein bricht Frauenherz, und die Eisenstange sei letztlich eher eine Sache der Garderobe gewesen, denn diese habe er kurz zuvor aus einem Kleiderschrank vom Sperrmüll entnommen, nur so für alle Fälle.

Vor Gericht: Russenmafia sei Schuld

Die Anschuldigungen der beiden Frauen kann er sich nur dadurch erklären, dass Elena J. böse auf ihn ist, weil sie in ihn verliebt gewesen sei, er aber in ihre jüngere Schwester. Und Amra G. wolle wohl die Gunst der Stunde nutzen, um sich von ihm das damals schon marode Mobiliar des mittlerweile geschlossenen Cafés versilbern zu lassen – so wüst habe er nicht randaliert, und der eine Hocker sei schon vorher kaputt gewesen.

Da könnte sogar was dran sein: Amra G. präsentiert eine Rechnung über 3500 Euro, der Staatsanwalt schätzt den Schaden auf 300 – wenn’s hoch kommt. Angesichts der Tatsache, dass Bogdan S. bislang ein unbeschriebenes Blatt ist und bei der vermeintlichen Geiselnahme ein Kommen und Gehen wie im Taubenschlag herrschte, verurteilt das Amtsgericht ihn wegen versuchter Nötigung und Sachbeschädigung zu 90 Tagessätzen à fünf Euro. Er wisse nicht, was damals im Café genau passiert sei, gibt der Richter zu und scheint ganz froh darüber.

Auch der Staatsanwalt hat keine Einwände. Aus der U-Haft hatte Bogdan S. einen Brief geschrieben, in dem er gesteht, „einen Riesenfehler gemacht“ zu haben und um Gnade bittet. Adressiert war der Brief an den „Präsident“. Leider stand da nicht, was für ein Präsident, und so erhielt den Brief am Ende der Staatsanwalt, der nach Lektüre wohl der Ansicht war, der Verfasser habe nun genug gelitten.

Von Stefan Behr 

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