"Eine Zäsur und der Beginn einer neuen Ära"

Frankfurt (ach). Die Spatzen haben es schon seit einigen Wochen von den Dächern gepfiffen, doch seit gestern Vormittag ist es offiziell: Michael Quast wird ab der Spielezeit 2009/2010 neuer Künstlerischer Leiter des Volkstheaters im Großen Hirschgraben.

Vorher wird er bereits beratend tätig und kann so erste eigene Akzente setzen. In einer Pressekonferenz stellten Kulturdezernent Professor Dr. Felix Semmelroth und die Theaterchefinnen Gisela Dahlem-Christ und Bärbel Christ-Heß den hochkarätigen Nachfolger von Wolfgang Kaus vor. "Dies ist eine Zäsur, der Anfang einer neuen Epoche, der Beginn einer neuen Ära", überschlug sich Semmelroth mit lobenden Worten für den in Heidelberg geborenen Quast, der am kommenden Sonntag 49 Jahre alt wird und mit seiner Familie in Frankfurt wohnt. Seit 1974 habe Wolfgang Kaus mit seinen Inszenierungen das im Jahre 1971 von Liesel Christ gegründete Volkstheater geprägt. Quast setze sicherlich etwas andere Schwerpunkte, wie seine Aufführungen im Höchster Bolongaro-Palast deutlich machten. Im hessischen Molière von Wolfgang Deichsel beispielsweise habe er ein hohes darstellerisches Niveau bewiesen. Quast wolle die Potenziale der Mundartstücke ausloten und zeigen, wie spannend sie seien, sagte Semmelroth. Das habe der große Publikumszuspruch in der Freilichtsaison bewiesen, wo sich Alt und Jung aus allen Schichten eingefunden hätten.

Mit Quast, der als Schauspieler, Kabarettist, Regisseur und Produzent überzeuge, sich nicht eindeutig einem Genre zuordnen lasse und alle Facetten des Theaterlebens durch und durch kenne, werde ein Hochkaräter fest an das Volkstheater gebunden. Damit bleibe die Absicht von Liesel Christ, anspruchsvolle Literatur in Mundart auf hohem künstlerischen Niveau zu präsentieren, für die nächsten Jahre gewährleistet, ist sich Semmelroth sicher.

Mit vielen Ideen will Quast ans Werk gehen. So erläuterte er, dass man ganz im Sinne von Wolfgang Kaus, der bei seiner Verabschiedung gesagt habe: "Frischt Eure Tradition auf, macht sie lebendig!" das Theater weiterführen wolle. Dazu sei in den nächsten Monaten als nächstes eine Umstrukturierung erforderlich, solle der Trägerverein durch eine gemeinnützige Förderverein GmbH abgelöst werden, die sich dem Publikum und möglichen Sponsoren öffnen werde. Neben Gisela Dahlem-Christ und Bärbel Christ-Heß werde er auch Geschäftsführer des Theaters. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten könnten so überwunden werden, ist sich Quast sicher. Man wolle sich "mit Glanz erausbeiße", zitierte er aus dem "Datterich".

Künftig werde man sich strenger nach dem Budget richten müssen und dann sehen, was machbar sei, kündigte der "Neue" an. Die Stadt unterstützt das Theater jährlich mit 650 000 Euro. Der Gesamtetat beläuft sich auf 1,5 Millionen Euro, wovon die Personalkosten den größten Haushaltsposten ausmachen. Das Theater hat zwei festangestellte Schauspieler, der Rest des Ensembles besteht aus Stammgastspielern. In der Spielzeit 2006/07 wurden lediglich 75 000 Besucher gezählt. In besseren Jahren kam man laut Dahlem-Christ auch schon auf über 100 000 Zuschauer. Wegen des Rückgangs habe man vor zwei Jahren einen Kredit über 200 000 Euro aufnehmen müssen, von dem ein Teil bereits zurückgezahlt sei.

Derzeit befinde man sich in der spannenden Phase "sammeln und jagen", sagte Quast. Er setze auf gutes, unterhaltsames, deftiges Theater, das Spaß macht, erläuterte er. Im Mittelpunkt einer Inszenierung sollten stets Autor und Stück stehen und nicht eine Inszenierungsidee. Frankfurter Autoren sollen Vorrang erhalten: Friedrich Stoltze und sein Sohn Adolf. Gespielt werden sollen aber auch Ernst Elias Niebergall und Carl Rößler (in dessen "Die fünf Frankfurter" spielte Liesel Christ als Frau Gudula ihre letzte Rolle).

Zeitgenössische (Mundart)-Autoren sollen ebenso zum Zuge kommen, allen voran Wolfgang Deichsel, mit dem Quast seit Jahren zusammenarbeitet, und F. K. Waechter. "Falls Wilhelm Genazino ein neues Stück schreibt, dann wäre es schön, wenn die Premiere im Volkstheater stattfinden könnte", sinnierte Quast. Jungen Nachwuchsautoren, die auf Hessisch schreiben, wolle man ebenso ein Forum bieten, wie Kabarettisten, die in Mundart auftreten. Die Nachbarschaft mit dem Goethe-Haus solle intensiviert werden, das ein oder andere Stück von Goethe möchte Quast selber inszenieren. Er wird aber nicht nur inszenieren, sondern auch Regie führen und selber spielen. Darüber hinaus sollen die Öffentlichkeitsarbeit des Hauses verbessert und das äußere Umfeld des Theaters verschönert werden.

"Meine Karriere hat einen Knick bekommen, fragt sich nur in welche Richtung", antwortete Quast auf die Frage, was aus seinen anderen Engagements werde. Er betrachte die neue Aufgabe als eine langjährige Verpflichtung.

Quelle: Gießener Allgemeine

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