Das Bild vom »Kofferjuden« hat ausgedient

Frankfurt. Mit dem Bus waren sie oft tagelang unterwegs. Und mitgenommen wurde nur das Nötigste. Seit dem Fall der Mauer sind fast eine viertel Million Juden aus der früheren Sowjetunion nach Deutschland eingewandert. Erstmals wird nun in einer Ausstellung Bilanz gezogen. Das Jüdische Museum beschreibt unter dem Titel »Ausgerechnet Deutschland!« den Weg der Einwanderer und die Folgen für die jüdischen Gemeinden in der Bundesrepublik.

Frankfurt. Mit dem Bus waren sie oft tagelang unterwegs. Und mitgenommen wurde nur das Nötigste. Seit dem Fall der Mauer sind fast eine viertel Million Juden aus der früheren Sowjetunion nach Deutschland eingewandert. Erstmals wird nun in einer Ausstellung Bilanz gezogen. Das Jüdische Museum beschreibt unter dem Titel »Ausgerechnet Deutschland!« den Weg der Einwanderer und die Folgen für die jüdischen Gemeinden in der Bundesrepublik. »60 Jahre nach dem Holocaust ist jüdisches Leben in Deutschland wieder möglich«, sagte am Donnerstag der Ausstellungskurator Dmitrij Belkin. Der Historiker ist selbst 1993 aus der Ukraine gekommen.

Es waren die Repräsentanten der DDR, die sich nach der Wende plötzlich mit rund 2000 jüdischen Neuankömmlingen aus dem Osten konfrontiert sahen. Die letzten Regierungen des zerfallenden Staates unter Hans Modrow und Lothar de Maizière bekannten sich aber erstmals zur deutschen Vergangenheit und zur Schuld für die Vernichtung der Juden. Die Juden durften bleiben. Von 1991 an galten die russischen Juden als »Kontingentflüchtlinge« – darauf einigten sich die Innenminister der Länder in Absprache mit dem Zentralrat der Juden.

Erste Station für die Einwanderer war meist ein eingezäuntes Übergangswohnheim. »Das war für mich ein Schock«, zitiert die Ausstellung Jana Ostrowskaja. Die russische Jüdin wollte sofort wieder umkehren. Hinzu kamen die Probleme mit der Sozialbürokratie – vom »gelobten Land« war nicht viel zu spüren.

Inzwischen gelten die jüdischen Einwanderer aus den GUS-Staaten aber als gelungenes Beispiel für Integration. Rund 80 Prozent ihrer Kinder schaffen das Abitur. Und es gibt zahlreiche berufliche Erfolgsgeschichten. Bekannt wurde zum Beispiel der Schriftsteller und Moderator Wladimir Kaminer (»Russendisko«), der seit 1990 in Berlin lebt. Den Schwerpunkt aber widmet die anschauliche Ausstellung, die mit räumlichen Installationen arbeitet, den Folgen der Emigration für die jüdischen Gemeinden in Deutschland. Inzwischen stellen die russischen Einwanderer knapp 80 Prozent der derzeit etwa 120 000 Mitglieder in den jüdischen Gemeinden. Ein beträchtlicher Teil der Einwanderer ist gar nicht eingebunden, weil sie zum Beispiel keine jüdische Mutter haben. Damit gelten sie nach dem jüdischen Religionsgesetz nicht als jüdisch.

Die russischen Juden sind in Deutschland heimisch geworden, wie die Ausstellung dokumentiert, die bis zum 25. Juli zu sehen ist. Das Bild vom »Kofferjuden«, ständig unterwegs oder auf der Flucht, hat ausgedient. Belkin glaubt, dass es nach der Vernichtung der Juden in Nazi-Deutschland wieder ein »Judentum zwei« gibt. Doch die These vom »neuen deutschen Judentum« ist auch in den jüdischen Gemeinden nicht unumstritten. Überzeugt von dieser Aussage ist auf alle Fälle Dieter Graumann, Vizepräsident des Zentralrats der Juden. Es werde ganz anders sein als das große deutsche Judentum von früher, schreibt er im Begleitband. Der aus Frankfurt stammende Unternehmer, 1950 geboren, gilt als aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge der Zentralrats-Präsidentin Charlotte Knobloch. Gerade wegen des Einflusses der russischen Juden steht das Gremium vor einer historischen Zäsur.

Die Ausstellung ist dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr und mittwochs von 10 bis 20 Uhr geöffnet.

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