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Am Morgen werden in der Essensbank die Lebensmittel sortiert und die Stände aufgebaut.

Nidderau

„Armut kann alle treffen“

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Seit 10 Jahren versorgt die Essensbank Bedürftige. Auch im sogenannten Frankfurter Speckgürtel gibt es viele Menschen, die in Not sind.

Tomaten, Fenchel, Lauch und Packungen mit Reis und Linsen hat Bernd Hedderich in seine Stofftasche gepackt. „Wegen meiner Magenprobleme koche ich vegetarisch“, sagt er. Hedderich musste viele Rückschläge wegstecken: Als Selbstständiger konnte er die Pleite nicht verhindern, musste in eine enge Wohnung ziehen, den langsamen Tod seiner schwerkranken Eltern mit ansehen und wurde selbst krank.

„Ab dem 15. eines Monats habe ich oft kein Geld mehr. Wenn ich aufwache, ist halt nicht immer Sonntag in meinem Kopf.“ Kein Grund zu jammern oder gar aufzugeben, findet er: „Ich habe mich gefangen.“ Bevor er auf sein Fahrrad steigt, fügt er hinzu: „Hier ist alles super organisiert und die Leute haben für jeden auch aufbauende Worte übrig.“

Der offene und gesprächige Mann ist einer von 300 Bedürftigen, die die Angebote der Essensbank der evangelischen Brückengemeinde in Nidderau-Heldenbergen in Anspruch nehmen. Die Einrichtung besteht seit zehn Jahren. Ein Jubiläum, das Pfarrer Markus Heider, Leiter der Essensbank, und die ehrenamtlichen Helfer „mit einem weinenden und einem lachenden Auge“ begehen, sagt Heider. Sie freuen sich darüber, dass sie so vielen Menschen helfen konnten, und sind traurig, weil dies bitter nötig sei.

Die Essensbank
Seit 2009 werden in der evangelischen Brückenkirche im Nidderauer Stadtteil Heldenbergen Lebensmittel an Bedürftige verteilt. Ihre Zahl ist gewachsen, auf mittlerweile rund 300. Um die Organisation, Verwaltung, Ausgabe und andere Aufgaben kümmern sich etwa 30 Ehrenamtliche.

Wer das Angebot nutzen möchte, muss sein Einkommen transparent machen. Ein Lebensmittelkorb kostet einen Euro, für weitere Familienangehörige werden 50 Cent gezahlt. Die Einrichtung versorgt 150 Familien.

Zum zehnjährigen Bestehen findet am Sonntag, 20. Oktober, 10 Uhr, ein Festgottesdienst in der Brückenkirche statt. Zum Festprogramm gehört unter anderem der Auftritt einer Clownin und ein gemeinsames Essen. gha

Hier, im sogenannten Speckgürtel Frankfurts, wo vor allem Einfamilienhäuser stehen, würde man Armut kaum vermuten. Doch es gibt sie, und zwar reichlich, wie die kontinuierlich gestiegene Nachfrage nach der Essensbank zeigt. Seit etwa einem Jahr hat die Essensbank eine Dependance im Stadtteil Erbstadt, wo sie mit dem Foodsharing-Verein zusammenarbeitet. „Armut kann jeden treffen. Man sieht es vielen Betroffenen, die in Not sind, nicht an. Es kann ganz schnell gehen, zum Beispiel durch Krankheit, Arbeitsplatzverlust oder Scheidung“, erklärt Heider. Das spiegelt sich in den Biografien der Menschen, die die Einrichtung aufsuchen. Einheimische, Geflüchtete und Zuwanderer sind darunter, Alleinerziehende, Verheiratete und Geschiedene, Rentner, Erwerbslose, Beschäftigte aus dem Niedriglohnsektor, Erkrankte. Ein klarer Schwerpunkt lässt sich nicht ausmachen.

Die Geschichte der Essensbank begann damit, dass Hilfesuchende an die Tür des Pfarrhauses klopften und um etwas zu essen baten. Weil das immer häufiger vorkam, erklärten sich vier Frauen bereit, ein regelmäßiges, organisiertes Angebot aufzubauen. Zunächst passten die Lebensmittel in einen Schrank und wurden von etwa acht Bedürftigen abgeholt. Ihre Zahl wuchs stetig und die Ehrenamtlichen erweiterten das Sortiment und perfektionieren die Organisation.

In Heldenbergen wird jeden Donnerstag am Morgen alles vorbereitet und am Nachmittag das Essen ausgegeben. Ab circa 7 Uhr sind die Fahrer unterwegs, um die Lebensmittel in den Supermärkten, Cafés, bei den Bäckern oder Bauern abzuholen, die mit der Essensbank kooperieren. Darüber hinaus kauft die Einrichtung, die sich über Spenden finanziert, jeden Monat für etwa 1000 Euro ein. Morgens wird für jeden ein Korb mit Grundnahrungsmitteln gepackt. „Wir nehmen Rücksicht auf die individuellen Bedürfnisse und Vorlieben“, erzählt Sonja Balz, die von Beginn an dabei ist. Dementsprechend wird gepackt. Nachmittags können die Abholer zusätzlich unter anderem an den Obst-, Gemüse- und Gebäckständen Wünsche äußern, die, wenn möglich, von den Bedienenden erfüllt werden. Die Bedürftigkeit wird regelmäßig geprüft, jeder Kunde bekommt einen Ausweis, darf alle zwei Wochen kommen und bekommt eine bestimmte Zeit zugewiesen. Die Hilfe ist nicht auf die Verpflegung beschränkt. Die Ehrenamtlichen unterstützen beispielsweise beim Ausfüllen von Formularen oder Problemen mit der Wohnung.

Weshalb Balz sich engagiert? „Die Not der Menschen treibt mich an. Ich bin im Ruhestand und möchte etwas Gescheites machen.“ Außerdem „werden so viele Lebensmittel verschwendet“. Die Essensbank kann einen Teil davon retten und armen Nidderauern zugutekommen lassen. Das gibt Balz Auftrieb. Manfred Holzapfel und seine Ehefrau Agnes sind durch ihren Einsatz für Geflüchtete zur Essensbank gekommen. Sie begrüßen die Kunden, fragen, was gut und was schlecht läuft. „Wir schätzen den Kontakt und freuen uns, wenn wir helfen können.“ Noch mehr freuen sie sich aber, wenn jemand eine Arbeit gefunden hat und nicht mehr auf die Unterstützung der Essensbank angewiesen ist.

Von Gregor Haschnik

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