15. März 2013, 19:53 Uhr

Absturzbericht: 66 Sekunden bis zum Inferno

Wölfersheim-Melbach (en). Am Steuer der kleinen »Robin« saß nicht Lufthansa-Pilot Axel H., sondern seine Lebensgefährtin, und die Maschinen rasten in spitzem Winkel ineinander. Das sind die wichtigsten Erkenntnisse des Zwischenberichts zum Flugzeugunglück vom 8. Dezember, den gestern die (BFU) herausgegeben hat.
15. März 2013, 19:53 Uhr
Dokument des Schreckens: In der Piper sind fünf Menschen gestorben. (Foto: BFU)

Der etwa 20 Seiten umfassende Bericht enthält keine Angaben über die Ursache des Zusammenstoßes in der Luft, bei dem alle acht Insassen der beiden Maschinen, darunter vier Kinder, ums Leben gekommen waren. Aufgelistet sind jedoch eine Menge Details zu den Flugzeugen, Insassen, Flugrouten und Fundorten sowie den Wetter- und Sichtbedingungen.

Die »Piper Saratoga« mit der fünfköpfigen Familie aus Offenbach war demnach um 15.05 Uhr in Stadtlohn gestartet und wollte nach Aschaffenburg, gegen 15.35 Uhr war die kleinere »Robin« in Koblenz-Winningen nach Reichelsheim losgeflogen. Am Steuer saß hier – und das war bislang nicht bekannt – die 33-jährige Lebensgefährtin des Lufthansa-Piloten Axel H., der auf dem rechten Sitz im Cockpit Platz genommen hatte, dahinter saß die vierjährige Tochter.

Aus dem Zwischenbericht geht hervor, dass alle Erwachsenen in den Maschinen mit dem Fliegen vertraut waren und die notwendigen Lizenzen in der Tasche hatten. Allerdings auch, dass der 40-jährige Pilot der »Saratoga« offenbar Diabetiker war und dass er auch erst fünf Flugstunden und 40 Minuten auf der Maschine absolviert hatte – davon ohne Lehrer nur drei Flüge mit insgesamt 14 Minuten. Seine Ausbildung hatte er erst Ende September abgeschlossen, die Unglücks-Piper hatte er zum ersten Mal am 30. September geflogen, davor war er bei seinem Fluglehrer mehrfach als Fluggast außerhalb der Ausbildung mitgeflogen.

Erfahrene Piper-Crew

Die 33-jährige Pilotin der »Robin« hatte schon seit 2003 eine Lizenz für Privatpiloten, sie verfügte über eine Gesamtflugerfahrung von 582 Flugstunden, davon entfielen allerdings 446 auf Segelflugzeuge. Ihr Lebensgefährte hatte schon 1993 seine Lizenz für Verkehrspiloten und in diesem Zusammenhang auch eine Lehrberechtigung, sowie eine Kunstflugberechtigung für Segelflugzeuge.

Die sechssitzige Piper war 1981 in den USA gebaut worden, die letzte Prüfung der Lufttüchtigkeit erfolgte im Juli 2012. Die kleinere Robin (vier Plätze) ist ein einmotoriger Tiefdecker in Holzbauweise mit festem Haupt- und Bugfahrwerk. Ihr letzter »TÜV-Stempel« datierte vom 14. August 2012.

Die Wetterbedingungen wurden als optimal beschrieben: Am 8. Dezember lagen einige Zentimeter Schnee, aber es war klar und trocken, die einzelnen hohen und mittelhohen Wolkenfelder sollten die Piloten nicht beeinträchtigt haben, ebenso wenig wie der leichte Wind, die Sicht lag laut dem Bericht bei 15 bis 20 Kilometer, die tief im Westen stehende Sonne hatte mit dem Unglück entgegen erster Vermutungen wohl auch nichts zu tun, da beide Maschinen nach Südosten flogen.

Beide verfügten über Funknavigation und GPS. Aus den Radardaten geht hervor, dass sich genau um 16:03:01 Uhr die Piper nordwestlich von Wölfersheim in einer Höhe von 3500 Fuß geradeaus in Richtung Aschaffenburg flog, die Robin war im selben Moment nordöstlich von Bad Nauheim in exakt gleicher Höhe. Sie kam, obwohl in Koblenz gestartet gerade aus einer Rechtskurve. Zu dieser Sekunde waren die Flugzeuge noch 2,3 nautische Meilen (gut 4 Kilometer) voneinander entfernt. 27 Sekunden später betrug die Entfernung nur noch genau eine NM. Offensichtlich sah keiner der Insassen das jeweils andere Flugzeug, denn zwölf Sekunden später – und 27 Sekunden vor der Kollision – meldete sich der Robin-Copilot in Reichelsheim zum Landen an. Weitere zwölf Sekunden danach waren beide fast nebeneinander, von 0,42 NM (800 Meter) Abstand ist im Bericht die Rede.

Das Ende

»Gegen 16:04:07 Uhr kollidierten die Flugzeuge südlich von Melbach und stürzten unmittelbar danach zu Boden«, heißt es zum Ende der Rekonstruktion.

Die Wracks lagen laut dem Bericht 600 Meter voneinander entfernt. Im nördlichen Trümmerfeld hätten überwiegend Holzteile der Robin gelegen, aber auch Teile der Piper, nämlich das rechte Hauptfahrwerk und das Bugrad. An beiden Hauptwracks hätten sich Farbspuren des jeweils anderen Flugzeugs befunden.

In einem hinteren Seitenteil der Fahrwerkverkleidung der Piper steckte eine 30 Zentimeter lange Holzleiste der Robin. »Beide Teile waren in einem spitzen Winkel miteinander verbunden«, schreibt die BFU. Die linke Tragfläche sei ab dem Hauptfahrwerk »nicht vorhanden« gewesen, zahlreiche kleine Einzelteile davon, habe man in dem Trümmerfeld gefunden. Weiter heißt es in der Schilderung: »Das hintere Rumpfsegment mit dem Leitwerksträger war abgeknickt und lag westlich des Hauptwracks. Das Seitenleitwerk sowie der linke Teil des Pendelhöhenruders waren abgerissen. Der Cockpitbereich war zerstört, einzelne Segmente von Steuerorganen und des Instrumentenbrett waren um das Wrack herum verstreut.«

Im südlichen Trümmerfeld nahe der Hohen Straße steckte das Vorderteil der Piper mit Triebwerk, Cockpit und Luftschraube über zwei Meter tief im Ackerboden, Rutschspuren gab es keine. Die beiden Tragflächen waren bis 40 Zentimeter tief ins Erdreich eingedrungen, das hintere Rumpfsegment abgetrennt und mehrfach eingerissen.

Der Zwischenbericht der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung war für Februar angekündigt, bis zum Schlussbericht kann es laut einem Sprecher der Behörde noch einige Monate dauern.

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