07. Dezember 2015, 18:13 Uhr

Flugzeugabsturz: Vermeidbare Katastrophe

Wölfersheim (lk). Am 8. Dezember 2012 kommt es am Himmel über Wölfersheim zur Katastrophe. Zwei Kleinflugzeuge kollidieren. Acht Menschen sterben. Der Abschlussbericht zur Ursache des Unglücks liegt noch nicht vor. Die Ermittler haben aber herausgefunden: Keines der Flugzeuge hatte ein elektronisches Warnsystem an Bord.
07. Dezember 2015, 18:13 Uhr
Das Wrack eines Kleinflugzeuges, das am 8. Dezember 2012 bei Wölfersheim mit einem anderen Flugzeug kollidiert ist, wird geborgen. Bei dem Unglück sind acht Menschen gestorben. Heute scheint klar: Die Piloten haben die jeweils andere Maschine nicht gesehen. (Foto: dpa)

Drei Jahre ist es her, dass sich am Himmel über Melbach ein tragisches Unglück ereignet hat. Bei klarer Sicht rasten am 8. Dezember 2012 um 16.04 Uhr zwei Kleinflugzeuge im spitzen Winkel aufeinander zu. Die »Piper Saratoga« und die »Robin« kollidierten. Alle acht Insassen, darunter vier Kinder im Alter von zwei bis acht Jahren, starben beim Absturz. Das Unglück ist einer der schwersten zivilen Flugunfälle der vergangenen Jahre.

In den kommenden Monaten will das Bundesamt für Flugunfalluntersuchung (BFU) mit Sitz in Braunschweig den Abschlussbericht veröffentlichen. Die Ermittler des BFU waren am Tag des Unglücks nach Melbach gereist. Die Wrackteile, die über mehrere hundert Meter auf einem Acker verteilt waren, wurden geborgen.

Drei Monate nach dem Unfall veröffentlichte das BFU einen ersten Zwischenbericht. Die »Piper Saratoga«, darin saß ein Offenbacher Ehepaar mit seinen drei Kindern, war um 15.05 Uhr in Stadtlohn gestartet und wollte nach Aschaffenburg. Gegen 15.35 Uhr war die kleinere »Robin« in Koblenz losgeflogen. Ziel war der Flugplatz in Reichelsheim. Am Steuer saß die 33-jährige Lebensgefährtin eines erfahrenen Lufthansa-Piloten. Er hatte auf dem rechten Sitz im Cockpit Platz genommen. Mit an Bord war auch die Tochter des Paares aus Frankfurt. Alle Erwachsenen in den Maschinen waren mit dem Fliegen vertraut, verfügten über die notwendigen Lizenzen. Die BFU-Ermittler stellten fest, dass die Sonne zum Zeitpunkt des Unglücks tief stand. Sie fanden auch heraus, dass der 40-jährige Pilot der »Piper Saratoga« Diabetiker war und mit der Maschine erst wenige Flugstunden absolviert hatte.

Daraufhin wurde spekuliert. Hatte der auf Insulin angewiesene Pilot einen Zuckerschock? Durfte er mit seiner Erkrankung überhaupt fliegen? Oder wurden die Piloten einfach von der Sonne geblendet? Im kommenden Jahr wird es bezüglich der Unglücksursache Gewissheit geben. »Der Abschlussbericht ist in Vorbereitung«, sagt Klaus-Uwe Fuchs vom BFU auf WZ-Anfrage. Ein Fernseh-Team hat ihn und einige seiner Kollegen unlängst bei der Spurensuche begleitet. Der Film zeigt, wie die Ermittler feststellen, dass keiner der Piloten vor dem Zusammenstoß ein Ausweichmanöver einleitete und dass keines der Flugzeuge mit einem elektronischen Warnsystem ausgestattet war. »Ein solches Kollisionswarngerät ist bislang nicht vorgeschrieben«, sagt Fuchs.

Im Flugsimulator wurde die Situation kurz vor dem Zusammenstoß von ausgebildeten Piloten nachgestellt. Sie flogen die Route der »Piper Saratoga« nach. Nur zwei der 30 Testpersonen im Simulator erkannten die herannahende »Robin« so früh, dass sie noch reagieren konnten. Fazit: Die Piloten in den beiden Unglücksmaschinen hatten sich in dem Winkel, in dem sie sich zueinander befanden, mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit einfach übersehen. »Unsere Empfehlung wäre, dass alle Luftfahrzeuge die sich durch den Luftraum bewegen, über ein System verfügen, das den Konfliktverkehr anzeigt«, sagt Fuchs im Film. Doch vorschreiben kann das BFU dem Gesetzgeber nichts.

Die Staatsanwaltschaft Gießen hatte nach dem Absturz wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung gegen einen Fliegerarzt aus Niedersachsen ermittelt. Er hatte dem diabetiskranken Piloten der »Piper« ein Flugtauglichkeitszeugnis ausgestellt, obwohl er keine Lizenz hätte bekommen dürfen. Die Ermittlungen wurden eingestellt, es müsse von einem tragischen Unfall ausgegangen werden, »bei dem ein Verschulden eines der beiden Flugpiloten nicht feststellbar ist«, teilte die Staatsanwaltschaft im Dezember 2013 mit.

Anklage gegen Fliegerarzt

Das Luftfahrtbundesamt hat dem Fliegerarzt jedoch die Anerkennung widerrufen. Zudem wurde gegen den Mann von der Staatsanwaltschaft Oldenburg im Oktober 2014 Anklage wegen des Ausstellens unrichtiger Gesundheitszeugnisse erhoben. Es ist von 117 Fällen die Rede.

Das Verfahren gegen den Mediziner wurde Anfang des Jahres beim Amtsgericht Westerstede eröffnet, kurz darauf aber ausgesetzt. Jürgen Nienaber, Direktor des Amtsgerichts, begründet: Ein Gutachter sollte in weit über 100 Einzelfällen Ausführungen machen.« Der Mann sei wegen Besorgnis der Befangenheit abgelehnt worden. Das Gericht habe einen neuen Sachverständigen beauftragt. Nienaber: »Bis eine neue Hauptverhandlung stattfindet, können noch einige Monate vergehen.«

Schock und Betroffenheit

Der Absturz zweier Kleinflugzeuge im Dezember 2012 war für viele Wölfersheimer ein Schock. Die Trümmer der beiden Flugzeuge lagen über mehrere hundert Meter auf einem Acker verstreut – nur etwa einen Kilometer vom Ortsteil Melbach entfernt. Dutzende Helfer von Polizei, Feuerwehr und Technischem Hilfswerk waren im Einsatz. Mehr als 100 Menschen wurden von Notfallseelsorgern betreut. Am Rathaus wurde Trauerbeflaggung angebracht. Bei einem Gedenkgottesdienst in der Kirche in Melbach nahmen rund 300 Menschen Abschied von den acht Opfern. (lk/dpa)

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