10. Oktober 2013, 20:48 Uhr

Raststätten-Debatte: »Streichen Sie endlich dieses C«

Ober-Mörlen (hau). Rund 400 Menschen, und damit deutlich mehr als erwartet, strömten am Dienstagabend in die Usatalhalle zur Bürgerversammlung über die nach wie vor nicht ausgeräumte Umsiedlung der Raststätte Wetterau-Ost an den Ortsrand.
10. Oktober 2013, 20:48 Uhr
Wem das Mikro auch gereicht wird: Keiner bricht eine Lanze für die Raststätte am Ortsrand. (Foto: hau)

Neben Ober-Mörlens Parlamentsvorsteher Gerd-Christian von Schäffer-Bernstein hatte auch Bad Nauheims Parlamentschef Friedrich-Karl Feyerabend die Bevölkerung eingeladen. Weitgehend sachlich, mitunter aber auch hoch emotional, verliefen drei vollgepackte Stunden zum Thema Rastanlage. Die Fülle von Informationen, Fragen und Forderungen unterstrich: Ober-Mörlen will keine neue, größere Rastanlage am Ortsrand – und Hessen Mobil hat zwar derzeit den Auftrag, im Zehn-Kilometer-Radius nach Alternativen zu suchen, allerdings ohne die bislang favorisierte Möglichkeit auszuschließen.

»Wir fangen nochmal an und hoffen, neue potentielle Standorte zu finden«, lautete die zentrale Botschaft der drei Vertreterinnen von Hessen Mobil. Nachdem sich vor Ort großer Widerstand abzeichnete, habe man die Planung an der »Vorzugsvariante« zuerst gedrosselt und nun auf Null gefahren. »Sie auf Teufel komm raus weiterzuverfolgen, ist nicht im Sinn von Hessen Mobil«, sagte Katja Belhouch. Gesucht werde jetzt zwischen Friedberg und dem Gambacher Kreuz. Luftbilder vom Streckenabschnitt waren ausgehängt.

Alternativen schwer zu finden

Projektingenieurin Sabine Strumberger erläuterte, die Zahl der Lkw-Parkstände zwischen dem Frankfurter Nordwestkreuz und dem Reiskirchener Dreieck sei bis 2025 von 47 auf 243 hochzufahren. In der Wetterau seien 165 statt derzeit 31 geplant. Zunächst schaue man nach den Ausbaumöglichkeiten bestehender Anlagen, dann nach nahen und schließlich nach weiter entfernten Ersatzstandorten. Passende Areale zu finden, sei auf der gesamten Strecke nicht einfach.

Die bislang favorisierte Variante namens C.2 habe Vorteile in Sachen Flächenzuschnitt, Topografie, Kosten, Flächenbedarf und Erkennbarkeit, sagte Strumberger. Aus der bisherigen Untersuchung sei sie als »kompakte Anlage mit minimiertem Flächenverbrauch (85800 Quadratmeter)« hervorgegangen. Zur Überleitung in die Fragerunde räumte Belhouch ein: »Der Standort bleibt weiterhin in der Betrachtung«.

Damit traf sie genau den Nerv betroffener Bürger. »Warum geben Sie nicht zu, nur einen Zehn-Kilometer-Radius zugestanden bekommen zu haben, um möglichst schnell zu C zurückzukommen?«, echauffierte sich einer. Die Präsentation grenze an Verbrauchertäuschung. Ohne den »Gegenwind« aus dem Dorf, wären Alternativen gar nicht in Betracht gezogen worden, so die Vermutung.

»Wir beginnen doch heute erst mit der Variantenuntersuchung«, verteidigten sich die Damen und zeigten sich »guter Hoffnung«. »Streichen Sie endlich dieses C!«, rief ein anderer, und fügte hinzu: »Die Entscheidung in Ihrem Haus ist doch schon gefallen.« Ein anderer legte nahe, die vom Bund vorgegeben Entscheidungs-Kriterien zu überdenken, Mensch und Umwelt gingen vor Wirtschaftlichkeit.

Abstand: Keine festen Zahlen

Ein Aufreger war Belhouchs Aussage, einen Mindestabstand zwischen Bebauung und Raststätte könne man nicht in Zahlen ausdrücken. In Ober-Mörlen liege ja noch die Autobahn dazwischen. Von der A5 gingen die meisten Emissionen aus, die Rastanlage bringe nicht mehr Belastung. Das bezweifelten die Bürger lautstark, einige führten als Beispiel den morgendlichen Motorenstart von 165 Lastern vor Augen – in 500 Metern Entfernung zu den ersten Häusern und am Hang oberhalb des Dorfes gelegen. »Kohlendioxyd ist schwerer als Luft, es würde ins Dorf fließen und uns vergiften.«

Angesprochen auf einen vom Minister vorgegebenen »größeren Abstand« zur Wohnbebauung wollten sich die Gäste von Hessen Mobil nicht auf Zahlen festlegen. Vielmehr zählten emissionstechnische Gegebenheiten. »Wir hoffen, einen Standort zu finden, der so weit weg liegt, dass keine Belastungen zu erwarten sind«, betonten sie mehrfach.

Die Aussage zur Lage aller bislang erwogenen Standorte in Wasserschutzgebieten sei ihm zu lapidar, führte ein Bürger an. »Gibt es technische Schutzvorrichtungen, die ich noch nicht kenne?« Die Fragestellung habe man noch nicht detailliert behandelt, hieß es von Hessen Mobil. Eine Rastanlage am Ortsrand könnte der Todesstoß für das Dorf sein, befürchtete jemand und fragte nach der Möglichkeit von Autohöfen. Das seien Privatbetriebe, Hessen Mobil könne keine bauen, war die Antwort.

Jemand schlug vor, die Umgebung des jetzigen Standortes genauer zu prüfen. Dort habe der Bund viel Land. Mit einer Teilflurbereinigung könne man vielleicht Platz für eine Erweiterung schaffen. Seiner Vermutung, die Menschen dort seien vielleicht froh, verkaufen zu können, widersprach eine Anwohnerin. Sie müssten außerdem die Fläche für eine Ortsumgehung freihalten, gab Strumberger (unter viel Gelächter in der Halle) zu bedenken.

Mitnehmen wollten sie aber alle Anregungen, unterstrich auch Petra Kell-Recktenwald. Dazu dürften neben der Erweiterung am jetzigen Standort auch die Verteilung auf zwei Areale, ein Neubau südlich des Parkplatzes Schäferborn, Umweltaspekte und die Berücksichtigung möglicher »Knallpunkte« an sich kreuzenden Auf- und Ausfahrten gehören.

Nicht zuletzt interessierten die Zeiträume. Sie hofften, den neuen Streckenabschnitt bis zum Frühjahr 2014 auf Alternativen untersucht zu haben, stellte Belhouch in Aussicht. Mit der Schaffung von Baurecht könne man nicht vor 2017/18 rechnen. Erst danach könnten Grunderwerbsverhandlungen beginnen. Zwangsenteignungen seien möglich, verzögerten die Sache aber erheblich. Sobald man mit dem Bund im Konsens sei, gehe man auf betroffene Kommunen zu, sicherte Hessen Mobil Transparenz zu.

Die Sache gelassen sehen

Schließlich wollten Bürger wissen, ob die Gemeinde Ober-Mörlen gegebenenfalls einer Änderung des Flächennutzungsplans am dorfnahen Standort zustimmen würde. Variante C.2 kollidiere schließlich erheblich mit dem FNP. Dazu erklärte Norbert Bischoff, seit Jahren Berater der Gemeinde in Sachen Regional- und Flächennutzungsplanung, dass die Kommune hier keine unmittelbare Planungshoheit habe. »Solange sie sich auf ihre politische Vertretung verlassen können, werden Bürger hier mitreden dürfen«, empfahl der Planer, die Sache gelassen zu sehen.

Derweil Joachim Reimertshofer (SPD) in seiner Wortmeldung an die am Vorabend gefasste Resolution der Gemeindevertretung gegen die Verlegung der Rastanlage an den Ortsrand erinnerte, hielt sich Bürgermeister Jörg Wetzstein (CDU) zurück. Im Anschluss an die Versammlung betonte er gegenüber der WZ, dass auch der Gemeindevorstand gegen diesen Standort sei und die Gemeinde sich mit allen Mitteln gegen eine Durchsetzung wehren werde.

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