22. August 2013, 10:18 Uhr

»Ober-Mörlen sagt »Nein« zum neuen Raststätten-Standort

Ober-Mörlen (hau). Der Rittersaal im Schloss platzt aus allen Nähten. Selbst im Nebenraum und im Flur stehen Menschen, die sich für die geplante Verlegung und Erweiterung der Autobahnraststätte Wetterau-Ost an den Ober-Mörler Ortsrand interessieren.
22. August 2013, 10:18 Uhr
Der Rittersaal platzt aus allen Nähten – das Thema ist heiß, der Austausch bleibt sachlich. (Fotos: hau)

»Mit so viel Ansturm hatten wir nicht gerechnet«, sagt Herbert König in seiner Begrüßung von geschätzten 130 Bürgern aus Ober-Mörlen und Umgebung, darunter auch Vertreter aller örtlichen Parteien.

Das Thema sei heiß und verdiene gründliche Beachtung, stellte der Moderator einem sachlichen Informationsaustausch voran. Von den Argumenten gegen die geplante Anlage an der A 5 ließen sich am Dienstagabend viele Besucher überzeugen. Sie entschieden sich sofort für einen Beitritt zur Bürgerinitiative mit dem sperrigen Namen »Ober-Mörlen sagt Nein zum geplanten Standort der neuen Tank- und Rastanlage Wetterau-Ost«. Zusammen mit der 13-köpfigen Initiativgruppe, die die Gründungsversammlung vorbereitet hatte, waren es 52 Gründungsmitglieder. Weitere Beitritte folgten nach den Vorstandswahlen und der Verabschiedung der Satzung.

Im März habe man zufällig von den Plänen erfahren, erläuterte Moderator König zur Entwicklung der Initiative. Bis heute wisse man nur das, »was in der Zeitung stand«. Ein derartiges »Monstrum« gelte es zu verhindern. Das in der Amtsstube ausgedachte Projekt sei »menschen- und bürgerverachtend«, zeigte sich das Plenum enttäuscht von der Informationspolitik. »Wir hätten uns gewünscht, dass eine Welle der Ablehnung durch die politischen Gremien gelaufen wäre.« Um in Zukunft gehört zu werden, habe man sich zur Vereinsgründung entschlossen. Als Privatmann erhalte man von den Behörden keine Auskünfte.

Inwiefern die geplante 8,5-Hektar-Anlage am Hang über Ober-Mörlen mit Maßgaben aus dem Regionalen Flächennutzungsplan kollidiert, erläuterte Robert Scheibel. Erheblich betroffen sind demnach Vorranggebiete für Landwirtschaft (ein Drittel des geplanten Komplexes liegt darin) und für Natur und Landschaft (ein Viertel), außerdem Vorbehaltsgebiete für besondere Klimafunktionen und für den Grundwasserschutz. »Das oberste Ziel ist es, innerhalb der Vorrang- und Vorbehaltsgebiete für Natur und Landschaft jegliche Eingriffe zu unterlassen«, zitierte Scheibel aus dem Flächennutzungsplan. Die Funktion von Grünzügen dürfe nicht durch andere Nutzungen beeinträchtigt werden. Ausgeschlossen würden auch Verkehrsanlagen, die den Wasserhaushalt, die Freiraumerholung oder die klimatischen Verhältnisse beeinträchtigen.

Luft und Wasser betroffen

Die geplante Rastanlage werde wie ein Querriegel in einer Frischluft-Zufuhrschneise liegen, sagte Scheibel. Das für besondere Klimafunktionen ausgewiesene Gebiet soll aber laut Plan von »Bebauung und anderen Maßnahmen freigehalten werden, die die Produktion beziehungsweise den Transport frischer und kühler Luft behindern können«. Zudem liege der geplante Standort in der Zone III des Wasserschutzgebiets »Stockborn« und nur 300 Meter entfernt von Schutzzone I: dem Quellbereich und damit dem »Allerheiligsten« in Sachen Wasserversorgung. Der »Stockborn« liefere ein Drittel des gesamten Trinkwassers für Ober-Mörlen und Langenhain-Ziegenberg.

Aus der von der Rastanlage betroffenen Zone III fließe das Grundwasser der Quelle zu. Deshalb gebe es hier zahlreiche Verbote und Auflagen bezüglich des Umgangs mit wassergefährdenden Stoffen und der Versickerung von verunreinigtem Regenwasser. Scheibel: »Und davon gibt es auf Parkplätzen und Tankstellen jede Menge: Benzin, Öl, Reifen- und Bremsenabrieb, Gefahrgut-Transporter und mehr.« Zudem gehe durch die Versiegelung eine große Fläche für die Grundwasserneubildung verloren, die Ergiebigkeit des Brunnens könnte leiden. »Aus der Sicht des Natur- und Umweltschutzes kann man über diesen Standort nur den Kopf schütteln«, resümierte Scheibel. Für ihn kurios: Minister Jörg-Uwe Hahn (FDP) habe unlängst Gründe genannt, warum eine Erweiterung der jetzigen Raststätte nicht möglich sei. Ein Argument war, dass ein Trinkwasserschutzgebiet benachbart sei. »Also genau das Wasserschutzgebiet, in dem der Neubau liegen würde«, merkte Scheibel an.

Bemerkenswert fand die Versammlung die Pressemitteilung von CDU-Landtagspräsident Norbert Kartmann, in der er die Aufgabe des Vorhabens gefordert hatte. Weiter südlich seien genügend Fläche vorhanden, die weit weg vom Wohngebiet liege. »Wir sind komplett derselben Meinung«, sagte Dr. Matthias Heil von der örtlichen Union, die anderen Fraktionen sähen das seiner Information nach ähnlich. Er sei sich relativ sicher, dass das Thema bald vom Tisch sei. Von Parlamentsvorsteher Gerd-Christian von Schäffer-Bernstein habe er just erfahren, dass die Bürgerversammlung mit Vertretern von Hessen Mobil am 8. Oktober stattfinden werde.

Gründlich war im Vorfeld Rolf Müller der Rastanlagen-Frage nachgegangen. Nach dem Studium von Luftaufnahmen, einem Besuch auf beiden Wetterauer Raststätten und Touren zwischen Reinhardshain und Gräfenhausen kam er zu dem Schluss: »Auf der 49 Kilometer langen Strecke zwischen Frankfurt und Ober-Mörlen fehlt in Fahrtrichtung Norden eine Anlage auf der Höhe der westlichen Taunusblick-Anlage.« Wenn die neue Tank- und Rastanlage Wetterau-Ost zusammen mit einer Ortsumfahrung um Ober-Mörlen und einer neuen Autobahnauffahrt verwirklicht würde, würden sich seinen Berechnungen nach der ausfahrende Raststätten- und der Autobahn-Auffahrtsverkehr genau kreuzen. »Jeden Tag würde es dort knallen«, prognostizierte Müller.

Kritik an Gemeindepolitik

Unverständnis äußerte ein Besucher, dass überhaupt eine Bürgerinitiative gegründet werden müsse. »Ich finde es peinlich, dass wir hier sitzen müssen. Das ist doch eigentlich Gemeindesache«, wunderte er sich darüber, dass sich die Politik bislang so bedeckt gehalten habe statt Stellung zu beziehen. »Dafür haben wir doch unsere Vertreter gewählt.« Ein anderer Gast wies darauf hin, dass fast alle Rastanlagen aus gutem Grund »irgendwo in der Pampa liegen«. Bekannt sei, dass Einbrecher sie als Sprungbrett nutzten. Warum nun eine solche Anlage mitten zwischen ein Wohn- und ein Gewerbegebiet geplant werde, verstehe er nicht.

Andere wollten wissen, wo die letzte Entscheidungsinstanz liege oder ob bekannt sei, wem das für den Neubau benötigte Land gehöre und ob es schon Verkäufe gab. Der Bund verfüge über Land neben der bestehenden Rastanlage Wetterau-Ost, wusste schließlich jemand. »Da hätte man längst mehr Lkw-Stellplätze einrichten können«, vermutete er.

Mit einem Dank für jede Form der Unterstützung schloss Moderator Herbert König den Abend unter dem Motto »Wir machen mobil«.

Wer bei der Bürgerinitiative mitmachen oder sich informieren möchte, kann sich an die Vorsitzende Andrea Selbach (Telefon 0 60 02/2 51) oder an Schriftführerin Waltraud Neisel (Telefon 0 60 02/8 37) wenden.

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