10. Januar 2013, 17:33 Uhr

Bürgermeister Jörg Wetzstein seit 100 Tagen im Amt

Ober-Mörlen (hau). »Als ob’s gestern gewesen wäre«, blickt Bürgermeister Jörg Wetzstein auf den Beginn seiner Amtszeit vor 100 Tagen zurück. Seither ist viel passiert. Die WZ hat nachgefragt.
10. Januar 2013, 17:33 Uhr
Offensichtlich zufrieden nach den ersten 100 Tagen im Amt: Bürgermeister Jörg Wetzstein.

Was der Neue im Rathaus sauber skizziert hat, passt auf einen kleinen Spickzettel. Schon hinter Stichworten wie Akklimatisierung, Öffnungszeiten, Kartenlesegerät, Homepage, Geschäftsordnung oder Lehrgänge verbirgt sich ein gewaltiges Arbeitspensum, ganz zu schweigen von Haushalt, Autobahnraststätte, U2/U3 oder Sanierung. Voll des Lobes ist Wetzstein für seine Mitarbeiter, für ihre Fachkompetenz, ihre Flexibilität und das entspannte Verhältnis zu allen. »Die meisten kannte ich ja schon aus meiner ehrenamtlichen Zeit.«

Um die Abläufe im Haus geschmeidiger zu gestalten und Ressourcen zu schonen, wurde die Geschäftsordnung des Gemeindevorstandes dahingehend geändert, dass man sich nun wieder mittwochs am frühen Abend im Schloss trifft. »Dafür haben wir die alte Kasse neben meinem Büro umfunktioniert.« So seien die Treffen mit den neuen Öffnungszeiten synchronisiert, die Sachbearbeiter also noch im Haus. »Wir müssen nun auch nicht mehr die Aktenstapel in die Remise schleppen, blockieren nicht mit sechs Personen den großen Raum und müssen ihn nicht extra heizen«, geht Wetzstein auf abgeschaffte »Reibungsverluste« ein.

Mit den erweiterten Öffnungszeiten der Gemeindeverwaltung – der geschlossene Dienstag wurde durch Umstrukturierung und ohne Zusatzkosten abgeschafft – kam neuerdings ein Kartenlesegerät für bargeldlose Zahlungen ins Bürgerbüro. »In jedem Laden kann man inzwischen mit Karte bezahlen«, sagt Wetzstein und freut sich, dass beide ortsansässigen Banken die Anschaffung sponsern. Auch in die Umstellung der kommunalen Homepage (www.ober-moerlen.de) brachte Wetzstein seine Vorstellungen von Bürgernähe ein. Sein Motto: »Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.«

Netzwerke pflegen gehört offenbar zu Wetzsteins Stärken. »Mit Kirchturmdenken kommen wir nicht weiter«, ist er dankbar, viele Jahre Berufserfahrung in ganz Deutschland gesammelt zu haben. Auch bei seinen regelmäßigen Besuchen im Landtag oder seinem ersten »Bürgermeister-Lehrgang« zu Verwaltungsfragen habe er Kontakte zu Kollegen aus ganz Hessen entwickeln können. In Kürze folgt der Standesbeamtenlehrgang.

Der erste Besuch in Berlin liegt sechs Wochen zurück. Thema war im Zusammenhang mit der geplanten Verlegung der Autobahnraststätte Wetterau Ost die Ober-Mörler Ortsumfahrung. »Die große Lösung wird die nächsten Jahrzehnte chancenlos bleiben«, hat Wetzstein erfahren. Halbwegs vernünftige Aussichten sieht er für die »kleine Tangente« von der B 275 (Höhe Maiberg) bis zur neuen östlichen Raststätte. Die Tangente könnte in einem Zug mit der Verlegung der Rastanlage zwischen Friedberger und Nauheimer Straße gebaut werden, überlegt Wetzstein. Wenn das Land grünes Licht gebe, werde sich der Bund nicht sperren, habe er als Signal aus Berlin mitgebracht.

Wegen der Gesetzesvorgaben in Sachen U2/U3 sei man mit dem Wetteraukreis im Gespräch. »Bauliche Veränderungen brauchen wir nicht.« Zur Konzeptabstimmung setze man sich in Kürze mit allen Trägern an einen Tisch. Für ein vernünftiges Gesamtkonzept bis August brauche es Goodwill von allen. Verlässliche Anmeldezahlen fehlten noch. »Ich gehe davon aus, dass die ›Sternschnuppe» in den Osterferien wieder bezogen werden kann«, geht Wetzstein auf die Kita-Sanierung ein. Allenfalls im Außenbereich müsse dann noch gearbeitet werden. Sein vollstes Vertrauen gehöre Bauamtsleiter Ingo Linke. »Ich muss nicht alles zur Chefsache machen, wenn’s gut läuft.«

Das Bürgermeisteramt im Oktober anzutreten, sei »suboptimal«, räumt Wetzstein mit Blick auf den Haushaltsentwurf ein. »Dafür hatten wir knapp vier Wochen Zeit.« Dank der guten Vorarbeit von Hauptamtsleiter Michael Deubler sei das gerade so zu schaffen gewesen. »In diesem Haushalt haben wir so hohe Pflichtinvestitionen wie noch nie«, erinnert Wetzstein unter anderem an die Sanierung der Usinger Straße und an die Wasserversorgung. Neben 80 Prozent Pflicht- wolle man sich auch freiwillige Aufgaben leisten. Aber: »Maßhalten ist angesagt!« Der Rathauschef sieht noch Streich-Potenzial und betont: »Ich sitze nicht hier, um uferlos Schulden zu machen«.

Er habe nichts versprochen, was er nicht halten könne, greift Wetzstein seinen Wahlkampf auf. Sein roter Faden bleibe die Frage: »Mit welcher Entscheidung kann ich möglichst vielen gerecht werden«. Dass er auch unpopuläre Entscheidungen treffen müsse, gehöre dazu. »Das mache ich nicht aus dem hohlen Bauch heraus«, betont der Bürgermeister. Er verlasse sich auf Prüfungen durch seine Fachleute im Rathaus.

Gewöhnungsbedürftig sei vielleicht sein Tempo. Nach 20 Jahren als Einzelunternehmer sei er an eine schnelle Gangart gewöhnt. »Da muss ich aufpassen, dass ich alle mitnehme«, weiß Wetzstein. Er verlange aber nichts, was er nicht auch selbst bereit sei zu leisten. Ausgleich zur anstrengenden Arbeit finde er vor allem in der Natur, beim Jagen oder im Finnland-Urlaub. »Da kann man Gelassenheit lernen.« Sein Privatleben wolle er nicht aufgeben, sagt Wetzstein und hofft auf Verständnis, dass er erst montags zu runden Geburtstagen vom Wochenende gratuliert. Seine Naturheilpraxis hat er zum Anfang des Jahres auslaufen lassen.

Dankbar sei er immer für Verbesserungsvorschläge, sagt Wetzstein. »Ich bin ein Mann des offenen Wortes«, und er fahre lieber mal voll gegen die Wand als ein Leben lang mit angezogener Handbremse. »Mir geht’s immer um die Sache«, keiner werde bevorzugt. Natürlich sei nicht alles Neue besser, aber Argumente wie »Das haben wir immer so gemacht« brächten ihn auf die Palme.

Das Bürgervotum (über 50 Prozent im ersten Wahlgang) begreife er als Verpflichtung, nicht als Freibrief. Auch wenn es manchmal so anmute, »Gutsherrenentscheidungen sind nicht mein Ding.« Am Beispiel der Hallen-Diskussion zeige sich: »Niemand macht sich zum Depp, wenn er einen eingeschlagenen Weg als falsch erkennt und korrigiert.« Die im Dezember vom Parlament beschlossene Plausibilitätsprüfung der Hallenplanung sei in Auftrag gegeben, ihr Ergebnis noch nicht eingegangen.

Zu den positiven Erfahrungen zählt Wetzstein 65000 Euro Fördergeld für ein neues Löschfahrzeug. Im Gewerbegebiet habe man zwei Grundstücke verkauft, der Bauhof bleibe da, wo er ist und die Dorfkernsanierung mache Fortschritte. Die Schlosssanierung könne in diesem Jahre mit der Fassade abgeschlossen werden.

In Sachen Bücherei ist die Überlegung vom Tisch, sie nach Ablauf des Mietvertrages in der Zwetschengasse (Ende 2014) in der Remise »Gaulskopf« unterzubringen. Statt dessen soll mit der katholischen Kirche über eine gemeinsame Bücherei im Boni gesprochen werden. Die Vorzeichen stünden gut, die Raumfrage müsse noch geklärt werden. Bei der Jugendpflege werde bald ein Versuchsprojekt starten. Jugendpfleger Hans-Jürgen Strack werde einmal die Woche vormittags auch Senioren beraten.

Im Seniorenbereich freut sich Wetzstein über das ehrenamtliche Engagement. Dem springe die Gemeinde gerne mit den zur Verfügung stehenden Mitteln zur Seite. »Aber nicht mehr.« Die Gemeinde sei kein rundum selig machender Versorger. Mehr denn je sei die Kommune aufs Ehrenamt angewiesen. Als ihn kürzlich Viertklässler, warum Ober-Mörlen kein Schwimmbad habe. Niemand habe nach einer neuen Halle gefragt. Wetzstein: »Wir jammern auf hohem Niveau.« Als Ziel für seine Amtszeit habe er sich vorgenommen, »die Entwicklung und Zukunft unserer Heimatgemeinde in sachlicher Zusammenarbeit aller Verantwortlichen voranzubringen« – in Balance aus wünschenswert und machbar.

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