07. April 2016, 19:13 Uhr

In keinem guten Zustand

Wetteraukreis (jwn). Auf den ersten Blick scheinen die Nidda und ihre Nebenflüsse ökologisch wieder gesund, zum Teil sogar naturbelassen. Doch beim genauen Hinsehen kommen Experten zu einem ganz anderen Ergebnis.
07. April 2016, 19:13 Uhr
Wissenschaftler aus zahlreichen Forschungsbereichen und Instituten untersuchen derzeit die Wasserqualität der Nidda. Trotz der Renaturierungsmaßnahmen – etwa hier bei Karben – befindet sich der Fluss immer noch in einem mäßigen bis schlechten ökologischen Zustand. (Foto: Jürgen W. Niehoff)

In einem bundesweiten Forschungsprojekt, bei dem die nachhaltige Bewirtschaftung regionaler Gewässer untersucht wird, widmet sich ein Expertenteam unter Leitung der Goethe-Universität Frankfurt auch den Gewässern in der Wetterau. »Nidda-Man« (»Man« steht für Management) heißt das Projekt, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziell unterstützt wird. Ergründet werden soll, ob auch in der Nidda mit ihren Nebenflüssen Horloff, Nidder, Usa, Wetter und dem Erlenbach die EU-weiten Grenzwerte bei vielen Schadstoffen überschritten werden. Ein Indikator für den ökologischen Zustand der Gewässer ist die Anzahl der in den Bächen und Flüssen lebenden Tier- und Pflanzenarten. Und die ist immer noch nicht zufriedenstellend.

Das Einzugsgebiet der Nidda mit ihrem circa 100 Kilometer langen Flussbett ist recht groß: Im Oberlauf befindet sie sich noch in einem annähernd naturnahen Zustand, im Unterlauf mit der dichten Besiedlung bis an den Fluss und den vielen Einleitungen sieht es ganz anders aus. Weil Forschungsleiter Professor Jörg Oehlmann eine Datenbank aufstellen und so viele Informationen wie möglich sammeln will, wird auch die Bevölkerung in die Arbeit eingebunden.

Nach einer ersten Infoveranstaltung im November fand das zweite Treffen mit Bürgern nun im Alten Hallenbad in Friedberg statt. Da es Ziel des Forschungsauftrags ist, bis Mitte 2018 Strategien für ein nachhaltiges Wasserressourcenmanagement zu entwickeln, stand die Veranstaltung diesmal unter dem Motto »Maßnahmen an Gewässern – Motivationen und Hemmnisse«. So klärte etwa Harald Lütkenhaus-Kopp vom Regierungspräsidium Darmstadt darüber auf, warum die Behörden oft als übergroßes Hindernis bei Renaturierungsmaßnahmen angesehen würden. Weil seine Behörde bei einem derartigen Vorhaben die unterschiedlichen Interessen der Beteiligten gegeneinander abwägen, seien es die von Naturschützern, Landwirten, Denkmalschützern oder Anglern, könne am Ende immer nur ein Kompromiss herauskommen. Da an solch einem Prozess oftmals bis zu zehn Parteien beteiligt seien, brauche das Verfahren also Zeit. Bei größeren Maßnahmen sehr viel Zeit.

Auch Ralf Eichelmann von der Unteren Naturschutzbehörde des Wetteraukreises plädierte für Verständnis für die gelegentlich lang dauernden Verfahren. Schließlich dürften Renaturierungsmaßnahmen am Ende keine Verschlechterung der Situation herbeiführen. Deshalb müssten bei der Planung Arten- oder Biotopenschutz genau im Auge behalten werden. Für den Gewässerexperten Stefan Wallisch vom BGS Wasserwirtschaft-Büro Darmstadt stellen sich Renaturierungen als Wechselspiel von Konflikten und Synergien dar. Denn bei allen Maßnahmen, die auf die Herstellung des ursprünglichen Zustands abzielten, dürfe der Hochwasserschutz nie außer Acht gelassen werden.

Für Andrea Sundermann vom Frankfurter Senckenberg-Museum sind Renaturierungsmaßnahmen hingegen unverzichtbar, weil nur zehn Prozent der Gewässer in Deutschland sich in einem guten bis sehr guten ökologischen Zustand befänden. Schuld daran seien nicht nur die Begradigungen der Flüsse in den 50er und 60er Jahren, sondern auch die vielen Einleitungen durch die Landwirte. Ihrer Ansicht nach müssen für den Gesundungsprozess der Gewässer nicht nur Jahre, sondern Jahrzehnte angesetzt werden.

Einig waren sich alle, dass zur größeren Akzeptanz der Gewässerschutzmaßnahmen die Bevölkerung noch stärker miteinbezogen werden müsse. Das zeigte sich auch in der Diskussion mit den rund 50 Besuchern, bei denen die Angler offenbar in der Mehrheit waren. Für sie stellen vor allem die Wehre in Frankfurt ein Problem dar.

Weil das Nidda-Einzugsgebiet zum einen stark besiedelt ist, gleichzeitig aber vergleichsweise intensiv landwirtschaftlich und industriell genutzt wird, wurde es von einer Gruppe Wissenschaftler der Frankfurter Goethe-Universität als Forschungsobjekt erwählt. Ihr Ziel: Innerhalb von drei Jahren Strategien für ein nachhaltiges, kosteneffizientes und zielgerichtetes Management der Wasserressourcen entwickeln. Dieses Informations- und Managementsystem soll als Planungsinstrument für die wasserwirtschaftliche Praxis dienen – auch in anderen Regionen.

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