16. September 2015, 11:43 Uhr

Wildschweinjagd führt in Klinik: Jäger vor Gericht

Niddatal/Friedberg (en). Als Robert S. (Namen geändert, die Red.) an einem Julitag 2014 von einem Bekannten zur Saujagd eingeladen wurde, hätte er besser abgesagt. Denn sein Schuss ging offenbar gründlich daneben, und die fatalen Folgen brachten ihm am Montag den Platz auf der Anklagebank des Friedberger Amtsgerichts ein.
16. September 2015, 11:43 Uhr
Nicht vom Hochstand, sondern vom Feldrand schießen die Teilnehmer der Saujagd in Bönstadt. Dabei passiert ein Unfall: Statt einem Wildschwein bekommt eine Frau eine Kugel ab. (Foto: dpa)

Bei Bönstadt sollte am 17. Juli 2014 ein ansehnliches Rapsfeld gedroschen werden, und der Jagdpächter wusste, dass dort irgendwo in der Mitte die Wildschweine zu Hause waren. Also fragte er kurzfristig bei einem befreundeten Ehepaar aus Rosbach an, und auch bei Jörg K., der selbst erst am Spätnachmittag Zeit hatte, aber dennoch Robert S. anbot, sich an der Jagd zu beteiligen. Wie vorher verabredet, stellten sich S., die 53-jährige Jägersfrau Maria L. aus Rosbach und die Frau des Jagdpächters auf die eine Längsseite des über 200 Meter langen Rapsackers. Die andere Seite übernahm zunächst der Ehemann der Rosbacherin allein, bevor Jörg K. und der Assenheimer Jagdpächter das Sextett komplettierten.

Derweil verrichtete der Mähdrescher sein Werk, der Rapsstreifen wurde immer schmaler. Interessant würden solche Jagden immer erst zum Ende hin, versicherte Jäger L. am Montag im Zeugenstand. Denn solange die Wildschweine noch Raum zum Rückzug haben, tut sich nichts. Die Jäger stehen dann auf ihren zugewiesenen Posten – mit dem Rücken zum Raps, den Blick zunächst auf die Umgebung und dann auf die gemähte Ackerfläche gerichtet. Mit jeder Spur, die die Maschine drischt, rücken die beiden Reihen näher aneinander. Jedes darüber hinaus gehende Verlassen des zugewiesenen Standorts ist aus Sicherheitsgründen verboten.

53-Jährige fünf Tage im Koma

Erst wenn es eng wird, kommen die Schwarzkittel heraus. An jenem Tag in Bönstadt war das nicht anders: »Drei Schüsse hab ich hinter mir gehört«, berichtete der Angeklagte. Abgefeuert hatte sie Oskar L., nachdem eine Bache mit fünf (schon nicht mehr ganz jungen) Frischlingen auf seiner Seite aus dem Raps gekommen war. Den letzten Frischling traf er mit allen drei Schüssen. Praktisch gleichzeitig brach auf der anderen Seite ein mittelgroßer Überläufer aus dem Rapsdickicht und rannte in Richtung Bahndamm. Auf ihn will Robert S. geschossen haben, er sei seit acht Jahren Jäger und wisse, was er tue, beteuerte er mehrfach. So habe er sich auch in Bönstadt das Terrain genau angeschaut und auf einen sicheren Kugelfang geachtet, zum Beispiel einen Erdwall.

Diesmal freilich passierte ihm etwas »zum allerersten Mal«, wie er betonte: Sein Schuss traf mit allergrößter Wahrscheinlichkeit nicht das Wildschwein, sondern die etwa 100 Meter entfernt von ihm stehende Rosbacherin. Ein lautes »Nein« oder »net« wollen die anderen Jäger noch von ihr gehört haben, dann rief sie nach ihrem Mann und sackte zusammen. Einen mächtigen Schlag gegen die Hüfte habe sie verspürt, berichtete Maria L. am Montag Richter Dr. Markus Bange, dann habe das linke Bein keine Standfestigkeit mehr gehabt, sie sei zu Boden gegangen. Robert S. rannte sofort los, um der Frau zu helfen. Gegenüber allen Hinzukommenden räumte er ein, dass es wohl sein Schuss gewesen sei, zu L. sagte er laut dessen Zeugenaussage: »Ich habe deine Frau getroffen. Ich weiß nicht, wie so etwas passieren konnte.«

Längst war der Notarzt alarmiert, auch die Polizei war schon unterwegs, und in Reichelsheim stieg der Rettungshubschrauber auf, der Maria L. sofort nach Frankfurt in die Klinik flog. Fünf Tage lang lag sie im künstlichen Koma, dreimal musste sie allein in diesen ersten Tagen operiert werden. Eine Lungenentzündung kam noch dazu, und zu allem Übel auch noch ein äußerst unangenehmer Darmkeim, dann die Reha. Heute noch machten ihr die Operationsnarben zu schaffen, berichtete die Frau, zudem sei sie wegen Schlafstörungen und Albträumen in psychologischer Behandlung.

Das Quasi-Geständnis vom Tattag wiederholte Robert S. vor Gericht nicht. Ausschließen könne er nicht, dass die Patrone aus seinem Gewehr gekommen sei, erklärte er zwar, doch vorher seien ja noch drei Schüsse gefallen. Und mit absoluter Sicherheit wisse er, dass er das Wildschwein in seinem Zielrohr gehabt habe. Möglicherweise sei das Geschoss vom Schulterblatt des Tieres abgewiesen worden und habe als Querschläger die Frau getroffen.

Prozess wird fortgesetzt

Mit hundertprozentiger Sicherheit wollte auch der Gutachter vom Landeskriminalamt nicht bestätigen, dass S. mit seinem Gewehr die Patrone abgefeuert hatte. Doch sei das »in hohe Maße wahrscheinlich«. Alle allgemeinen Merkmale von Gewehr und Geschoss passten zusammen, lediglich einige individuelle Spuren könne er nicht verifizieren. Mit Sicherheit freilich sei es kein Abpraller gewesen, betonte der Fachmann vom LKA. Die Jäger arbeiteten mit Deformationsgeschossen, die absichtlich größere Wunden rissen als die Munition, die den Körper eines Tieres einfach durchschlage. Deformationsmunition gilt, da das Tier ja mit möglichst wenigen Schüssen getötet werden soll, als waidgerecht, als Kriegsmunition ist sie verboten. Die angeschossene Rosbacherin hatte die orangefarbene Warnweste vom Tattag dabei, anhand des kleinen und sauberen Einschussloches sah der Experte sofort, dass diese Patrone noch mit keinem anderen Ziel in Berührung gekommen war – weder mit einem Stein noch einem Knochen des angeblich von S. getroffenen Wildschweins. Außerdem war bei einer Nachsuche mit Hund wenig später keine Spur von einem verletzten Tier gefunden worden.

Ein Urteil wurde am Montag noch nicht gesprochen, das soll kommende Woche nach den Plädoyers von Staatsanwalt und Verteidigern folgen. (Symbolfoto: dpa)

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