11. Juli 2013, 10:48 Uhr

Vor 25 Jahren: Wirbel um Tiergottesdienst im TV

Glauburg-Glauberg (epd). »Julchen blieb gelassen und grunzte behaglich. Dabei zählte sie als leibhaftiges Hängebauchschwein neben dem Bullen Bernhard zu den Stars eines evangelischen Gottesdienstes.« So begann ein Agenturjournalist seinen Artikel über einen ungewöhnlichen ZDF-Fernsehgottesdienst, der vor 25 Jahren aus Glauberg übertragen wurde.
11. Juli 2013, 10:48 Uhr
Vor 25 Jahren ein Aufreger, heute fast normal: Tiergottesdienste, so wie neulich vor der St.-Bonifatius-Kirche in Bad Nauheim mit Pfarrer Michael Tomaszewski. (Archivfoto: cor)

Der erste TV-Gottesdienst mit Tieren löste eine Lawine von Zuschriften aus und trug dem Pfarrehepaar Christa und Michael Blanke Applaus, aber auch Kritik ein.

»Der Gottesdienst wurde von vielen sehr kritisch aufgenommen«, erinnert sich der damalige hessen-nassauische Kirchenpräsident Helmut Spengler. »Viele waren schockiert.« Zuschauer beschwerten sich beim Kirchenpräsidenten, weil sie die Tiere kirchlich überhöht und die Menschen abgewertet sahen.

Die evangelische Kirche habe versucht, den Gottesdienst zu verhindern, erinnert sich der damals verantwortliche ZDF-Redakteur Wolf-Rüdiger Schmidt. Aus der hessen-nassauischen Landeskirche habe es Druck auf das Pfarrehepaar Blanke und Anrufe in der Redaktion gegeben, die Kirchenkanzlei der Evangelischen Kirche in Deutschland habe im Fernsehrat interveniert. »Nach der Sendung habe die Redaktion waschkörbeweise Zuschriften von Zuschauern erhalten – sowohl Zustimmung als auch Empörung. Viele Kritiker fanden wohl ihre Lebens- und Ernährungsgewohnheiten infrage gestellt, vermutet Schmidt. Christa und Michael Blanke, engagierte Tierschützer, hatten für Kritik am Gottesdienst kein Verständnis. Seit 1980 hatten sie Tiersegnungsgottesdienste gehalten, 1986 protestierte Christa Blanke mit einem Gottesdienst unter dem Titel »Hoechst erbarme Dich« vor den Werkstoren des früheren Frankfurter Pharmazie- und Chemiekonzerns gegen Tierversuche. Im Frühjahr 1988, kurz vor dem Fernsehgottesdienst, formulierte das Pfarrehepaar ein »Glauberger Schuldbekenntnis« über den Verrat der Christen an den Tieren.

Der Wirbel, den der Gottesdienst auslöste, gab dem Ehepaar den Rückenwind zur Gründung des Vereins »Aktion Kirche und Tiere« (Akut). Der Verein mit derzeit rund 300 Mitgliedern in ganz Deutschland wolle das Bewusstsein in Kirche und Theologie für die Tiere als Mitgeschöpfe stärken, erklärt der Vorsitzende, der Leipziger Pfarrer Ulrich Seidel.

Die Konflikte des Pfarrehepaars in der Kirche führten dazu, dass Michael Blanke aus dem Dienst ausschied und Christa Blanke 2000 sogar aus der Kirche austrat, berichtet Seidel. Sie führen ihr Engagement mit dem 1998 von ihnen gegründeten Verein »Animals» Angels« gegen Tiertransporte fort.

Inzwischen habe sich der Wind gedreht, sagt Seidel. Auf dem Evangelischen Kirchentag im Mai in Hamburg habe »Akut« einen alternativen Kirchentag für Mensch und Tier veranstaltet, und vielerorts gebe es inzwischen Gottesdienste mit Tieren.

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