20. Januar 2018, 14:00 Uhr

Streit in Steinfurth

Zwei Kleingärtner ziehen vor Gericht

Erste Steinfurther Kleingärtner, die seit April 2016 mit dem Kreis um den Fortbestand ihrer Anlagen im Landschaftsschutzgebiet streiten, haben frustriert aufgegeben. Zwei andere ziehen vor Gericht.
20. Januar 2018, 14:00 Uhr
Die Familie von Bernhard Fend will ihren Kleingarten (Bild) nicht kampflos aufgeben und zieht vor Gericht. Die meisten anderen Eigentümern folgen dagegen zähneknirschend der Anordnung der Kreisverwaltung. (Foto: Nici Merz)

Seit 150 Jahren ist der Kleingarten von Andreas Thönges im Besitz seiner Familie, jetzt gilt die Anlage zwischen Friedhof und Wetter plötzlich als »illegal«, weil nicht genehmigt. Aus Sicht des Steinfurthers eine absurde Argumentation der Abteilung Strukturförderung und Umwelt des Wetteraukreises. Diese Behörde ist seit Monaten damit befasst, Grundstücke im Landschaftsschutzgebiet Auenverbund Wetterau entlang der Flüsse Horloff, Nidda, Nidder, Wetter und Seemenbach wieder in einen naturnahen Zustand zu versetzen.

Hauptbetroffene sind Kleingärtner wie Andreas Thönges, die Zäune und Hütten ebenso entfernen müssen wie Sitzbänke, Insektenhotels oder standortfremde Gewächse. Thönges und sein Nachbar haben als erste von sieben betroffenen Steinfurther Eigentümern an dieser Stelle schweren Herzens mit dem Rückbau begonnen. Um Beete oder Obstbäume könnte er sich weiter kümmern, das macht aber keinen Sinn, wenn er die Ernteerträge nicht mal durch einen Zaun schützen oder wenigstens eine Sitzgelegenheit aufstellen darf.

Auch Pferdekoppel soll weichen

Nach Auskunft von Thomas Berg, der seinen Kleingarten unter Ökogesichtspunkten ebenfalls direkt neben dem Friedhof angelegt hat, sind inzwischen wohl alle Steinfurther Kleingärtner, deren Parzellen zwischen Wetter und Bahnlinie liegen, von der Kreisverwaltung angeschrieben worden. Das gelte auch für den Betreiber der Pferdekoppel mit einigen Unterständen unweit der Kläranlage.

Bei Berg ist kürzlich ein weiteres behördliches Schreiben eingegangen. »Darin ist zwar von einem ›Vergleich‹ die Rede. Letztlich muss aber quasi alles weg, Hütte, Zaun und mein Insektenhotel.« Ihm sei eine Frist bis Oktober gesetzt worden. Komme er der Aufforderung bis dahin nicht nach, müsse er eine Geldbuße von 10 000 Euro zahlen.

Hohe Gerichtskosten

Berg hat sich anwaltlich beraten lassen, beurteilt es aber als nahezu aussichtslos, einen Rechtsstreit mit dem Wetteraukreis erfolgreich zu bestehen. »Meine Rechtsschutzversicherung will deshalb nicht einspringen. Allein an Prozesskosten kämen zwischen 2000 und 6000 Euro auf mich zu«, sagt der Steinfurther. Der Gang vor Gericht würde lediglich eine Gnadenfrist von zwei bis drei Jahren bringen. »Es ist niederschmetternd, aber ich werde mich wohl beugen müssen«, betont Berg. Er muss das Grundstück auf eigene Kosten oder in Eigenarbeit in einen naturnahen Zustand versetzen.

Einen anderen Weg geht die Familie von Bernhard Fend, der seit rund 35 Jahren im Kleingarten seines Schwiegervaters aktiv ist. Gemeinsam mit einer anderen Eigentümerin – beide haben denselben Anwalt – will er die Sache durchfechten. Fend kennt zwar die Argumentation des Kreises, der Hessische Verwaltungsgerichtshof habe die Rechtmäßigkeit der behördlichen Vorgehensweise bestätigt, sein Fachanwalt für Baurecht schätze die Chancen aber trotzdem »50 : 50« ein. »Die Kreisverwaltung ist so verbohrt, wir können nur noch auf einen Richterspruch hoffen.«

Kein Sitzplatz für betagte Schwiegermutter

Sein Schwiegervater sei mit seinen 81 Jahren immer noch im Garten aktiv. Ihm würde der Abschied von diesem Hobby sicher am schwersten fallen. Auch die Schwiegermutter unternehme mit ihrem Rollator gerne mal einen Spaziergang dorthin. »Sie könnte künftig nicht mal auf der Sitzbank ausruhen – auch die müssten wir wegräumen«, schüttelt Fend den Kopf.

Seine Familie betreibt den Kleingarten am Friedhof etwa seit dem Zweiten Weltkrieg. Besonders intensiv kümmern sich die Eigentümer heute um den Anbau von Tomaten und Paprika in kleinen Folientreibhäusern, die der Verwaltung auch ein Dorn im Auge sind. Ohne diese Folien würde die Ernte laut Fend kümmerlich ausfallen, weil Krankheiten und Schädlinge den Pflanzen zu sehr zusetzen würden.

 

Infokasten

Lebensraum Feuchtwiese

Die Kreisverwaltung setzt die 1989 erlassene Verordnung über das Landschaftsschutzgebiet Auenverbund Wetterau im Auftrag der Oberen Naturschutzbehörde beim Regierungspräsidium Darmstadt um. Wie Kreispressesprecher Michael Elsaß im Mai erklärt hatte, würden »illegale« Anlagen im Schutzgebiet planmäßig beseitigt, jetzt sei Steinfurth an der Reihe. Die dortigen Kleingärten seien nicht genehmigt. Wie Gerichte bestätigt hätten, gebe es für solche Anlagen keinen Bestandsschutz. Ziel der Naturschutzbehörden ist es, die Auenlandschaft mit ihren Feuchtwiesen als Lebensraum wiederherzustellen. Durch den Menschen verursachte Veränderungen sollen so weit wie möglich rückgängig gemacht werden. Die betroffenen Kleingärtner in der Gemarkung »In den Hellgärten« am Friedhof hatten im April ein erstes Schreiben der Kreisverwaltung erhalten. Es folgten Anhörungstermine und ein Gespräch mit der Stadt, die versuchte, im Streit zu vermitteln. Im August wurden die Eigentümer aufgefordert, sich innerhalb eines Monats mit der Beseitigung einverstanden zu erklären. Ansonsten erfolge eine Räumungsverfügung, die mit einer Gebühr von 820 Euro einhergehe. Im jüngsten Behördenschreiben wird an die Pflicht erinnert, die Kleingärten bis 31. Oktober zu beseitigen, ansonsten würden 10 000 Euro fällig. (bk)

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