08. November 2018, 19:02 Uhr

Zu was Menschen fähig sind

08. November 2018, 19:02 Uhr
Eine Studienreise nach Krakau hat Lehrerin Kristin Bode mit 40 Neunt- und Zehntklässlern ihrer Geschichts-AG unternommen. (Foto: pv)

»Wird ein Besuch im Konzentrationslager Auschwitz euer Leben verändern?« Diese Frage stellte Lehrerin Kristin Bode den 40 Neunt- und Zehntklässlern ihrer Geschichts-AG zum Thema »Verfolgung und Holocaust«, in der die Schüler auf eine Studienreise nach Krakau und Auschwitz vorbereitet wurden. In der AG konfrontierte Kristin Bode ihre Schüler mit den Gräueltaten der Nationalsozialisten, die letztendlich in einem der schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte endeten: der Ermordung von etwa 1,5 Millionen Männern, Frauen und Kindern, die meisten davon Juden aus verschiedenen Ländern Europas.

Ausgangspunkt war die Tatsache, dass immer weniger Jugendliche über die Gräueltaten der Nazis informiert sind. Sie kennen den Namen »Hitler« und Begriffe wie »Konzentrationslager« und »Holocaust«, doch wissen die wenigsten, was damals passierte. Jedoch sind die Jugendlichen von heute die Erwachsenen von morgen, die antidemokratische Strömungen erkennen und sich für eine Zukunft in Freiheit und Demokratie ohne Hass einsetzen sollen. Dies zu erkennen und den Schülern ihre Rolle in der Gesellschaft klar zu machen, war und ist ein erklärtes Ziel von Kristin Bode.

Die Studienfahrt führte die Schüler der Solgrabenschule in Krakaus Altstadt, in das jüdische Viertel Kazimierz und das jüdische Getto. Trauriger Höhepunkt der Reise war der Besuch der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Schon auf dem Weg zur Gedenkstätte ist es leise im Bus. Im ehemaligen Konzentrationslager angekommen, zeugen schreckliche Beweise von den scheußlichen Verbrechen der Nazis: zwei Tonnen menschliche Haare, metallene Beinprothesen stapeln sich, zurück gelassene Koffer mit den Namen der in den Gaskammern Ermordeten, Schuhe türmen sich, darunter Hunderte von Baby- und Kinderschuhen, Brillen, Wertgegenstände, Geschirr. Plötzlich verstehen die Schüler, dass Auschwitz einer der grausamsten Orte der Menschheitsgeschichte ist. Die Jugendlichen kämpfen mit ihren Gefühlen. Noch bis spät in die Nacht diskutieren sie, versuchen das Gesehene und Gespürte zu verarbeiten. »Ich war noch nie so ernst in meinem Leben.« »Ich konnte mir nicht vorstellen, zu was Menschen fähig sind.« »Ich bin traurig und geschockt.« »Ich kann gar nichts essen«, sind nur einige Aussagen, die zeigen, wie sehr die Schüler betroffen sind.

Zeitzeugin spricht

Nachdenklich machte die Schüler auch die auf dem Programm stehende Befragung der Zeitzeugin Rena Rach geborene Stern im Jüdischen Museum. Rena Rach erzählt vom Leben der Juden in Krakau während der Besatzung durch die Nazis. Sie schildert die Geschichte ihrer Familie im jüdischen Getto und wie sie als Kleinkind mit ihrer Mutter überlebt hat. Die Schüler sind berührt. Nun erleben sie es unmittelbar aus dem Mund einer Frau, die das Schreckliche überlebt hat.

Das Unbekannte muss begreifbar gemacht werden mit Gesichtern und den dazugehörigen Geschichten. Das funktioniert nicht allein in Klassenzimmern. »Genau hier ist es passiert, hier, wo ich jetzt bin.« Dieses Gefühl müssen junge Menschen womöglich haben, um das Vergessen aufzuhalten und die Erinnerung wachzuhalten. Kein Ort stellt das menschliche Gewissen so infrage wie Auschwitz.

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