14. April 2019, 18:00 Uhr

Vorstellung im Ausschuss

Wohnungsnot: Hilft das Viernheimer Modell?

Viernheim geht ungewöhnliche Wege, um Wohnungsnot zu lindern. Die Stadt mietet Wohnungen an und vergibt sie an Untermieter, die auf dem Markt chancenlos sind. Ein Modell für Bad Nauheim?
14. April 2019, 18:00 Uhr
Soll das Rathaus Wohnungen anmieten und untervermieten, um Personen ohne Chance auf dem freien Markt helfen zu können? Bürgermeister Klaus Kreß hält nichts von einer Übernahme des Viernheimer Modells. (Foto: Nici Merz)

Die Bad Nauheimer CDU hat vor geraumer Zeit den Mangel an bezahlbarem Wohnraum als Thema entdeckt. Deshalb hatte die Union die Prüfung der Frage beantragt, ob das Viernheimer Modell auf Bad Nauheim übertragen werden kann. Der Viernheimer Bauamtsleiter Reiner Schneider und sein Kollege Josef Benz (Sozialamt) waren ins Bad Nauheimer Rathaus gekommen, um in einer gemeinsamen Sitzung von Bau- und Finanzausschuss zu berichten.

Die südhessische Kommune ist in mancher Hinsicht vergleichbar mit Bad Nauheim. Viernheim hat 32 500 Einwohner, etwa so viele wie Bad Nauheim. Beide Kommunen liegen im Einzugsgebiet einer Großstadt, Viernheim nahe bei Mannheim. Dadurch hat sich der Druck auf den Wohnungsmarkt deutlich erhöht. In beiden Städten haben Ausländer, Großfamilien, Alleinerziehende oder Geringverdiener nur geringe Aussichten, eine Mietwohnung zu finden.

 

Auslöser Flüchtlingskrise

Wie Schneider schilderte, sei die Flüchtlingskrise Auslöser fürs Viernheimer Modell gewesen. Migranten seien zunächst in Sammelunterkünften untergebracht worden, teilweise in Hotels – mit horrenden Kosten. Das sei keine Dauerlösung. »Diese Leute leben oft von Hartz IV und haben keine Chance bei der Wohnungssuche«, sagte der Bauamtsleiter. Gleiches gelte für Bürger mit Schufa-Eintrag, ergänzte Benz. »Wer nicht für seinen Handyvertrag zahlt, hat schon einen Eintrag und stößt bei Vermietern auf Ablehnung.«

Die beiden Amtsleiter entwickelten die Idee, die Stadt Wohnraum anmieten zu lassen. Die Wohnungen werden dann an Untermieter vergeben. Die Verwaltung überweist an den Eigentümer die ortsübliche Miete, die zwischen 5,50 und 8,50 Euro pro Quadratmeter für Wohnungen mit Durchschnittsstandard liegt.

 

Große Akzeptanz

»Das Modell hat sich gut entwickelt, wird von Politik und Bürgern akzeptiert. Wir haben 53 Wohnungen untervermietet und 143 Personen versorgt«, erklärte Schneider. Die meisten Wohnungen seien mit Migranten belegt, die »sozial unauffällig« seien. Es kämen viele Angebote – von der Einliegerwohnung bis zum Mehrfamilienhaus. Schneider zufolge reagiert die Verwaltung sehr schnell. Nach der Besichtigung einigten sich beide Seiten oft innerhalb von zwei Tagen auf einen Mietvertrag.

Welche Kosten entstehen? Nach Angaben des Bauamtsleiters zahlt die Stadt für die 53 Wohnungen pro Monat eine Kaltmiete von 24 425 Euro, dieser Betrag werde nicht komplett refinanziert. »Wir leisten einen Zuschuss von 1190 Euro.« Aus Schneiders Sicht eine günstige Lösung, wobei Verwaltungskosten nicht berücksichtigt sind.

 

Keine sozialen Brennpunkte

Sozialamtsleiter Benz sieht das Einschlafen des sozialen Wohnungsbaus als Hauptproblem. »Früher hatten wir in Viernheim 1600 Wohnungen mit Sozialbindung, heute nur noch 400.« Nach wie vor lebten 400 Flüchtlinge in Sammelunterkünften – teilweise vier Personen in einem Zimmer. Ein Auslaufen des Modells sei deshalb nicht absehbar. »Wir wollen nicht weitermachen, wir müssen«, betonte Benz. Bei der Wohnungsbelegung achte die Verwaltung auf eine Mischung. Soziale Brennpunkte dürften nicht entstehen. »Das ist sehr gut gelungen, alles ist ruhig.«

Laut Schneider bietet das Konzept Vermietern einige Vorteile. Sie könnten sich auf die Mietzahlung verlassen. Müsse nach dem Auszug der Untermieter renoviert werden, sei die Stadt Ansprechpartner. Die Verwaltung werde auch aktiv, wenn ein Untermieter sich weigere auszuziehen. Zudem kümmerten sich Verwaltung und ehrenamtliche Helfer um die Flüchtlingsbetreuung.

 

Kreß: Modell passt nicht hierher

Nach dem Bericht von Schneider und Benz stellten die Ausschussmitglieder viele Fragen. Wie CDU-Fraktionschef Manfred Jordis nach der Sitzung sagte, will die Union das Konzept genau bewerten und dann beschließen, ob eine Übernahme – ganz oder teilweise – beantragt werde. Bürgermeister Klaus Kreß hat sich bereits entschieden.

»Die Situation in Viernheim ist nicht vergleichbar mit Bad Nauheim«, betonte er. Das Modell passe in keiner Weise hierher. Was Kreß nicht sagte, aber wohl meinte: In Bad Nauheim gibt es deutlich weniger Flüchtlinge, die so gut wie alle in Wohnungen untergebracht sind. Im Gegensatz zu Viernheim kann sich die Stadt auf die Wohnungsbau-Gesellschaft mit ihrem großen Bestand an relativ günstigem Wohnraum verlassen.

Info

Beitrag zur Problemlösung?

Die CDU hatte Ende Januar beantragt, eine Übernahme des Viernheimer Modells »Vermiete doch an die Stadt« zu prüfen. Nach kurzer Debatte im Stadtparlament war die weitere Beratung in den Fachausschüssen beschlossen worden. Nach Ansicht der Union fehlt in Bad Nauheim preisgünstiger Wohnraum. Besonders Familien und »schwer vermittelbare Wohnungssuchende« hätten Probleme und würden verdrängt. Die Stadt müsse weiter nach einer Problemlösung suchen. Dazu könne das Viernheimer Modell möglicherweise einen Beitrag leisten. (bk)

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