27. Dezember 2018, 11:00 Uhr

Unter einem Dach

Wohnen auf Berstädter Hofreite: Gemeinschaftlich und individuell

Sechs Menschen leben in der Bismarckstraße 9 unter einem Dach. Vor einigen Jahren haben sie sich dazu entschieden, eine Gemeinschaft zu gründen.
27. Dezember 2018, 11:00 Uhr

Es ist nicht so, dass die Gemeinschaft auf neue Mitbewohner angewiesen wäre. Ein bisschen frischer Wind in der Bismarckstraße 9 wäre dennoch schön – zumal noch bis März elf Leute dort auf der Hofreite gelebt haben. Zurzeit sind es sechs: zwei Frauen, vier Männer; ein paar Zimmer stehen leer. »Unsere Kinder sind inzwischen groß und ausgezogen«, sagt Pravahi Starck. Sie ist Mitbegründerin der Gemeinschaft Wetterau, einem Wohnprojekt in Berstadt.

2005 sind die ersten Bewohner eingezogen, damals fünf Kinder und fünf Erwachsene. »Wir haben erst mal angefangen, zu bauen«, sagt Tom Loose. Das Grundstück war perfekt: ein großer Hof, eine Scheune, ein geräumiges Wohnhaus, das vier Jahre lang leer gestanden hatte. »Wir haben etwas gesucht, wo wir genug Platz haben, um ökologisch anzubauen« – das Berstädter Anwesen passte bestens. »Wir«, das war damals (und ist immer noch) eine Gruppe Menschen, die sich dazu entschieden hat, gemeinsam zu leben.

 

Regeln? Es gibt keine

Also begann die Gruppe loszulegen auf dem rund 1300-Quadratmeter-Hof. Dachdecken, Heizungen installieren, den alten Boden restaurieren. Im ehemaligen Schweinestall ist heute eine Sauna und ein Meditationsraum. »Wir richten unser Leben hier spirituell aus, aber nicht dogmatisch. Jeder lebt seine eigene Spiritualität, zum Beispiel mit Meditations- oder Yogapraxis.«

Überhaupt spiele das Thema Individualität eine große Rolle: Gemeinschaft bedeutet nicht, dass es keine Eigenständigkeit gibt, sagt Prahavi Starck. »Im Gegenteil. Wir sind ja nicht, nur weil wir eine Gemeinschaft sind, alle gleich. Jeder ist ein Individuum.«

Hühner füttern ist eine der Aufgaben, die auf dem Hof anfallen – heute übernimmt Tom Loose.	(Fotos: sda)
Hühner füttern ist eine der Aufgaben, die auf dem Hof anfallen – heute übernimmt Tom Loose...

Gemeinschaft bedeute eher, dass die Bewohner miteinander teilen, einen Haushalt haben. Da gibt es zum Beispiel die große Küche; einkaufen geht, wer gerade Zeit hat und merkt, dass etwas fehlt. Abends essen alle gemeinsam – »jeder Bewohner hat einen Kochtag«. Das ist eine der wenigen Regeln, oder eher Vereinbarungen – »wir kommen ansonsten gut ohne aus.« Das Meiste ist selbstverständlich; zum Beispiel, dass ausschließlich vegetarisch gekocht wird (»wobei nicht alle Vegetarier sind«). Oder dass jeder seinen Teil beiträgt: die Hühner füttern, den Holzvergaser beheizen.

 

Wöchentliche Haustreffen

Nur eine weitere Regel gebe es noch: Die Teilnahme am wöchentlichen Haustreffen – dort wird zunächst Persönliches, dann Organisatorisches besprochen. »Wenn es einem von uns zum Beispiel nicht gut geht, reden wir darüber.« Denn auch das sei ein wichtiger Bestandteil des Wohnprojekts: Dass alle sich kennen und verstehen. »Jeder hat schon seine Biografie vorgestellt.«

Und jeder sorgt sich um den anderen, sagt Bernd Starck. Der klassische Fall: »Die anderen gehen ins Kino, man selbst hat keine Lust, aber jemand sagt, komm doch mit. Am Ende ist man froh, sich aufgerafft zu haben.« Und doch sei es nicht so, dass die Bewohner sich gegenseitig keinen Freiraum ließen. Jeder hat ein eigenes Zimmer. Manchmal, erzählt Andreas Rothstein, sieht man sich den ganzen Tag nicht, erst beim Abendessen. Zumal jeder seinen eigenen Tagesablauf hat. Manche arbeiten im Home-Office, manche fahren morgens zur Arbeit. So wie Claudia Stein – sie arbeitet an zwei Tagen zu Hause (für einen brasilianischen Kinderbuchverlag), an den anderen Tagen fährt sie nach Frankfurt, wo sie Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache ist. Prahavi Starck arbeitet teilweise zu Hause – sie ist Meditations- und Tantralehrerin.

 

»Eine Spur von Frieden«

Menschen, die sich das Projekt anschauen möchten, sind regelmäßig willkommen – etwa beim Sommerfest. Manchmal kommen Pilger vorbei, da der Lutherweg durch Berstadt führt, und übernachten in der Scheune. Und manchmal kommen ehemalige Mitbewohner – um die 20 Menschen haben in all den Jahren auf dem Anwesen gewohnt, schätzt Tom Loose. Sie kommen hin und wieder zu Besuch. »Wir möchten eine Spur von Frieden hinterlassen«, sagt Prahavi Starck, »uns geht es um das Miteinander – gerade in dieser Welt, in der wir zurzeit leben«.

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