30. August 2017, 05:00 Uhr

Trotzalter

Wenn das niedlichste zum nervigsten Kind wird

Über Nacht ist aus dem niedlichsten das nervigste Kind auf der Welt geworden. Willkommen in der Trotzphase! Jeannette Emmerich erklärt, was in Kindern vorgeht und wie Eltern ruhig bleiben.
30. August 2017, 05:00 Uhr
»Ich kann nicht mehr!« Mitten im Spaziergang weigert sich der Nachwuchs, auch nur einen Schritt weiterzugehen. Willkommen in der Trotzphase – die für das Kind unheimlich wichtig ist, um selbstständig zu werden, sagt Jeannette Emmerich. Wie auch Eltern diese Phase unbeschadet überstehen, erklärt die Therapeutin im Interview. (Foto: erysipel/pixelio.de)

Was genau ist die Trotzphase?

Jeannette Emmerich: Ich nenne es lieber die Selbstständigkeitsphase. Kinder sind in dieser Zeit in ihrer motorischen und kognitiven Entwicklung so weit fortgeschritten, dass sie beginnen, alles zu kopieren, was sie bei größeren Kindern und Erwachsenen sehen. Sie möchten die Welt entdecken und mehr und mehr Dinge selber machen und entscheiden. Gleichzeitig sind sie zu vielem, was sie tun möchten, noch nicht in der Lage. Das bereitet ihnen Frust. Zudem dürfen sie unendlich viele Dinge nicht, die sie unbedingt tun oder entscheiden möchten. Deswegen gibt es Streit, den es vorher nicht gab. Denn da waren die Kinder noch mit dem zufrieden, was ihre Bezugspersonen für sie bestimmt haben.

Manche Eltern sagen, die Trotzphase hält bis zum 18. Lebensjahr an. Wie lange dauert sie aus wissenschaftlicher Sicht?

Emmerich: Die sogenannte Trotzphase dauert so lange, bis Kinder in der Lage sind, die Dinge wirklich selber machen zu können, die sie schon sehr früh selbst machen möchten. Denn Eltern werden ihre Kinder erst dann nicht mehr ständig davon abhalten, diese Dinge selbst zu tun oder zu entscheiden. In der Folge müssen die Kinder nicht mehr so oft für ihr Bedürfnis kämpfen. Ihre Eltern erleben sie dann wieder ausgeglichener.

Auf keinen Fall böse sein und genauso wenig die Meinung ändern, um den Konflikt zu vermeiden

Jeanette Emmerich

In welchem Alter ist das ungefähr?

Emmerich: Abhängig vom Entwicklungsstand des Kindes findet die Selbstständigkeitsphase zwischen dem zweiten und vierten Lebensjahr statt. Bestimmt davon, wie dauerhaft Eltern versuchen, ihre Kinder in den meisten Angelegenheiten zu kontrollieren, kann es ihnen auch so vorkommen, als dauere die Trotzphase bis zur Pubertät. Denn dann werden sie mit ihren Kindern kämpfen, bis diese ausziehen.

Auch wenn sie Eltern bisweilen den letzten Nerv raubt: Welchen Sinn hat die Trotzphase für die Entwicklung?

Emmerich: Dieser Prozess ist unheimlich wichtig, um selbstständig zu werden und all die Dinge zu erlernen, die wir im Leben können müssen, um gut allein zurechtzukommen. Wir lernen durch Nachahmung und wie Forscher durch Versuch und Irrtum. So möchten Kinder Verschiedenes tun, schon bevor sie es können, und sie probieren es aus, bis sie es können. So funktioniert Lernen.

In welchen Situationen trotzen Kinder typischerweise?

Emmerich: In allen Situationen, in denen Eltern dem Drang ihres Kindes, es selbst zu entscheiden und selbst zu tun, entgegenwirken oder etwas von ihm verlangen, das es gerade nicht möchte. Sie tun dies, um das Kind zu schützen, es zu versorgen, weil der Tagesablauf es verlangt oder weil Eltern keine Lust auf den Mehraufwand haben. Ständig wird über Kinder bestimmt. Anziehen, essen, einkaufen, anschnallen, Zähne putzen, schlafen gehen... Alles gute Gründe für das Kind, um zu sagen :»So, mit mir nicht!«

Trotzen eher Mädchen oder eher Jungen?

Emmerich: Aufgrund der entwicklungsphysiologischen Relevanz der Phase beide Geschlechter gleichermaßen. Die Intensität des Kampfes liegt vielmehr an der Persönlichkeit des Kindes und im Verhalten der Eltern.

Was tun, wenn der Nachwuchs sich schreiend vor die Supermarktkasse wirft, weil er keinen Schokoriegel bekommt?

Emmerich: Ihm fest und freundlich sagen, dass Sie keinen Schokoriegel kaufen möchten. Den Einsatz Ihres Kindes für seinen Wunsch, den Riegel zu bekommen, als solchen anerkennen. Auf keinen Fall deswegen böse sein und genauso wenig Ihre Meinung ändern, um den Konflikt zu vermeiden. Gehen Sie weiter Ihrem Einkauf nach und nehmen Sie Ihr Kind dann verständnisvoll mit nach draußen, schließlich hat es mal wieder die Erfahrung gemacht, dass es nicht selbst entscheiden kann, was in seinem Leben passiert. Und das ist so frustrierend.

Vielen Eltern ist es peinlich, wenn Ihr Kind in der Öffentlichkeit einen Trotzanfall bekommt. Manche Umstehenden lassen Kommentare wie »schlecht erzogen« fallen, andere sagen zu dem Kind, es möge nicht so schreien, einige wenige versuchen, die Eltern zu stärken. Was ist richtig?

Emmerich: Es als vollkommen normal ansehen und die Kinder ebenso wie die Eltern mit einem mitfühlenden Lächeln beschenken. Diese Momente sind für beide Beteiligten anstrengend. Alles, was den Stress erhöht, ist nicht hilfreich.

Bewundern Sie den unermüdlichen Drang Ihres Kindes, genauso selbstständig zu werden wie Sie

Jeanette Emmerich

Sie gehen in dem Workshop auch auf Jesper Juul ein. Was unterscheidet ihn von anderen Pädagogen?

Emmerich: Genau die Haltung, die ich eben beschrieben habe, unterscheidet ihn von vielen anderen. Bei Jesper Juul habe ich gelernt: Das Verhalten von Kindern macht immer Sinn! Wenn wir in ihre Welt eintauchen und sie verstehen, heißt das nicht, dass wir immer tun müssen, was sie möchten. Doch wir müssen auch nicht böse mit ihnen sein, wenn sie nicht immer machen wollen, was wir von ihnen verlangen. Unsere Kinder und ihr Verhalten ernst zu nehmen und die Verantwortung dafür zu übernehmen, wie die Beziehung zwischen uns gelingt, ist Jesper Juuls Ansatz. Leider werden Kinder im Gegensatz dazu oft schuldig gesprochen, wenn es zu Hause oder in der Kita nicht rund läuft. Das bringt niemals Lösung.

Haben Sie einen Trost für Eltern, deren Kind mitten in der Trotzphase steckt?

Emmerich: Machen Sie eine Flasche Sekt auf und freuen Sie sich, dass Sie bald keine Schnürsenkel mehr binden, Brote schmieren, Jacken anziehen, Toilettengänge begleiten und Zähneputzen müssen. Bewundern Sie den unermüdlichen Drang Ihres Kindes, genauso selbstständig zu werden wie Sie. Es ist sogar bereit, dafür mit Ihnen zu streiten!

Jeannette Emmerich (39) hat das Trotzalter schon zweimal hinter sich gebracht: Sie ist Mutter von zwei Söhnen, Jahrgang 2008 und 2011. In ihrer Praxis in Himbach bietet sie Beratung für Familien und Pädagogen an. Emmerich ist ausgebildet als Betriebswirtin, Heilpraktikerin mit Schwerpunkt Psychotherapie, Familylab-Seminarleiterin und Sexualtherapeutin.

Info

Workshop im MüZe

»Das ›Trotzalter‹ meistern« heißt ein Familylab-Workshop, den Jeannette Emmerich am Samstag, 2. September, von 10 bis 13 Uhr im Mütter- und Familienzentrum Karben anbietet. Dabei wird sie den Eltern auch Anregungen und Inspiration für den Familienalltag mit auf den Weg geben, basierend auf den Wertgrundlagen Jesper Juuls. Anmeldung unter Tel. 0 60 34/5 09 89 74, info@mueze-karben.de.

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