18. Dezember 2018, 18:56 Uhr

Über die Einheit des Schönen und Guten

18. Dezember 2018, 18:56 Uhr
Prof. R. Lessenich

»Moral Sense« (moralischer Sinn): Um diesen Schlüsselbegriff kreist das Denken von Anthony Ashley Cooper, des 3. Grafen von Shaftesbury. Sein Leben währte nur kurz: 1671 in London geboren, starb er bereits 1713 in Neapel. »Sense«: Dieses englische Wort kann – je nach Kontext – sowohl Verstand beziehungsweise Vernunft wie auch Gefühl oder Sinnlichkeit bedeuten. Prof. Rolf Lessenich von der Universität Bonn porträtierte im Badehaus 2 bei der philosophischen Reihe diesen faszinierenden Denker, der eine eigenständige philosophische Position im Rahmen der englischen Aufklärungsphilosophie einnimmt.

Von Natur aus böse

Im Unterschied zur Lehre von Thomas Hobbes, der den Menschen als von Natur aus böse ansieht, vertritt Shaftesbury (u. a. in seiner Schrift »The Moralists« von 1709) die These vom angeborenen Sinn des Menschen für das Gute und Schöne. In der Nachfolge Platons sind Schönes und Gutes für ihn letztlich identisch. In diesem Zusammenhang spricht der Graf von »moral beauty«, das heißt, moralischer Schönheit. »Gut« ist ein Mensch für Shaftesbury dann, wenn er sich als Teil eines allumfassenden Ganzen, der schöpferischen Natur (»natura naturans«), versteht und sein Handeln am Wohl des Ganzen ausrichtet – z. B. in der Politik. Shaftesbury war nach der sog. »Glorious Revolution« von 1688 bis 1701 politisch aktiv. Obwohl adliger Herkunft, war er kein Anhänger der Tories, sondern der Whigs, die im Parlament die Interessen des gehobenen Bürgertums vertraten.

Lessenich, faszinierendes Beispiel klassischer Gelehrsamkeit, wies des Weiteren darauf hin, daß Shaftesburys Morallehre auf theologische Fundierung total verzichtet – was ihm bei so manchem Zeitgenossen den Ruf der »Freidenkerei« einbrachte. »The most ingenious way of becoming foolish is by a system« (dt.: Der beste Weg, ein Narr zu werden, ist das System): Der Schüler John Lockes bevorzugte in seinen Schriften den lebendigen Dialog gegenüber der trockenen systematischen Abhandlung. Diese undogmatische, anti-systematische, literarische Form seines Philosophierens faszinierte neben anderen auch bedeutende deutschsprachige Schriftsteller wie Wieland, Herder, Goethe und vor allem Schiller, dessen »Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen« von 1795 zum nicht geringen Teil in Shaftesburys Spuren wandeln.

In seinem »Letter concerning enthusiasm« (Brief über den Enthusiasmus) von 1708 ist der fiktive »Theokles« Sprachrohr von Shaftesburys Grundgedanken. Er stimmt einen ekstatisch-enthusiastischen Hymnus auf die Natur als Einheit von Ordnung und Schönheit an. Für ihn ist sie Inbegriff der universellen »Sympathie« alles Lebendigen. Der Versuch, sie rational begreifen zu wollen, muss scheitern und mündet in die menschliche Hybris, sich die Natur untertan machen zu wollen. Stattdessen ist sympathetisches Verstehen, Einschwingen in ihren ewigen Rhythmus gefragt. Dass solche scheinbar irrationalen Hymnen nur noch wenig mit aufklärerischer Philosophie gemein haben, hat – so Prof. Lessenich in seinem faszinierenden 75-minütigen Vortrag – den um eine Generation älteren Philosophen Leibniz nicht daran gehindert, Shaftesburys »enthusiasm« zu bewundern.

Nur: Wie lässt sich echter von falschem, verlogenem, lächerlichen Gefühlsüberschwang unterscheiden? Dies kann nur ein sogenannter »test by ridicule« erweisen, den Lessing frei mit »Probierstein der Wahrheit« übersetzt.

Vor allem geht es Shaftesbury dabei um eine klare Abgrenzung zwischen philosophischem Enthusiasmus und religiösem Fanatismus. Der überaus informative Vortrag von Prof. Lessenich wurde mit dankbarem Beifall quittiert. (Foto: gk)

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