02. Februar 2018, 20:32 Uhr

Spuren des Bösen sichtbar machen

02. Februar 2018, 20:32 Uhr
Fotograf Ansgar Gilster (r.) zusammen mit Jan Weckler bei der Eröffnung der Ausstellung »Tote Winkel. Die Tatorte der Judenvernichtung«. (Foto: prw)

Im Rahmen der kürzlich eröffneten Ausstellung »Tote Winkel. Die Tatorte der Judenvernichtung« zeigt Fotograf Ansgar Gilster auf 20 großformatigen Bildern Tatorte der Judenvernichtung im Osten Europas, die vielen Menschen unbekannt sind. »Wir wollen mit dieser Ausstellung einen Beitrag dazu leisten, die Erinnerung an die Opfer des Holocaust zu wahren«, sagte Erster Kreisbeigeordneter Jan Weckler.

Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz. Das Vernichtungslager Auschwitz ist ein Synonym für den massenhaften Mord der Nationalsozialisten an Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen, Behinderten, politischen Gegnern und Andersdenkenden.

Der Wetteraukreis unterstützt Fahrten von Jugendgruppen und Schulklassen zu Gedenkstätten für die Opfer des NS-Terrors. »Die Ausstellung, die wir heute eröffnen, zeigt aber, dass es eine Vielzahl von Stätten des Schreckens gibt, die in Vergessenheit geraten sind. Dem Fotografen Ansgar Gilster ist es zu verdanken, diese häufig unbekannten Orte wieder sichtbar zu machen«, sagte Weckler.

Grau von menschlicher Asche

Die Nationalsozialisten ermordeten im Osten Europas Millionen Menschen. In den Vernichtungsfabriken töteten sie mit Gas. Mindestens genauso viele Menschen erschossen und erschlugen sie: In Städten und Dörfern, im Wald und auf den Feldern. Wer heute zu diesen Orten im östlichen Polen, in Weißrussland, der Ukraine oder im Baltikum aufbricht, findet sie kaum. Das Gras über den Gräbern wächst nicht weniger grün. Wo früher Wald war, ist noch immer Wald, und aus Lagern ist Landschaft geworden. An Auschwitz erinnere man sich vor allem, weil es 1000 Überlebende gegeben habe, die von Auschwitz erzählen konnten, heißt es in einer Pressemitteilung. Diese Menschen überlebten, weil Auschwitz neben der Todesfabrik auch ein Arbeitslager war. Von Vernichtungslagern wie Treblinka, Belzec und Sobibor, wo rund 1,5 Millionen polnische Juden ermordet wurden, konnten hingegen nur wenige Dutzend Überlebende Zeugnis ablegen. Noch geringer ist die Zahl der Menschen, die zu Vernichtungsstätten wie Janowska in der heutigen Ukraine oder Maly Trostinez in Weißrussland deportiert worden waren und mit dem Leben davonkamen. Von dem Morden in den Erschießungsgruben konnte nahezu niemand berichten. Wo niemand überlebt hat, scheinen die Täter ihr Ziel der totalen Vernichtung erreicht zu haben: Verbrechen und Opfer für immer unsichtbar werden zu lassen.

Doch die Vernichtung hat Spuren hinterlassen, die Orte zeugen bis heute von dem Morden. Gebäude und Ruinen überdauern; Knochen, Schuhe und Gewehrkugeln haben sich in der Erde erhalten, und mancherorts kommen sie ans Tageslicht. An einigen Orten ist der Boden grau von menschlicher Asche. Die Landschaft erzählt. Die Fotografien von Ansgar Gilster zeigen die Tatorte der Judenvernichtung im Osten Europas, auf die man bei der historischen Spurensuche jenseits von Gedenkstätten stößt. Sie stammen von Orten, deren Namen heute bekannt sind, und auch von völlig unbekannten Orten. Brachflächen, Müllkippen, Wald – die Orte sind Zeugen von der Banalität des Bösen. Und sie zeigen, wie viele blinde Flecken es in der europäischen Erinnerung gibt.

Ansgar Gilster studierte Geschichte, Philosophie und Genozidwissenschaft in Berlin, London, Siena und Warschau. Vor über zehn Jahren begann er damit, NS-Erinnerungsorte zu fotografieren; seit 2011 dokumentiert er insbesondere Tatorte und Massengräber der Judenvernichtung in Osteuropa. Er arbeitet im Bereich Migration und Menschenrechte für die Evangelische Kirche in Deutschland. Fotos gibt es auch im Internet unter www.ansgargilster.de.

Die Ausstellung ist bis zum 9. März während der Öffnungszeiten des Friedberger Kreishauses montags bis mittwochs von 7.30 bis 16 Uhr, donnerstags bis 18 Uhr und freitags bis 12.30 Uhr zu sehen.

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