Spitzbübisch legt er los

14. Dezember 2017, 21:08 Uhr
Das ist weit mehr als eine Lesung: Wie ein wandelndes Ein-Mann-Theater erzählt und spielt Jo van Nelsen Episoden der Hesselbachs. (Foto: gk)

Ja, da ist wieder mal viel passiert im Alten Hallenbads: Jo van Nelsen, in Friedberg bestens bekannt, besteigt um 18 Uhr die kleine Bühne, zückt Wolf Schmidts Buch »Babba« aus dem Jahr 1967 und beginnt – nicht zu lesen, sondern zu spielen, perfekt mit zahlreichen Bällen zu jonglieren, indem er jeder der in den Geschichten »Die Kündigung« und »Die Spezialistin« vorkommenden Figuren ihr eigenes, unverwechselbares Gepräge gibt. Dazu gehören vorab Stimme, dann Gestik, Mimik und schließlich Körperhaltung. Wer, nicht wissend, wen er vor sich hat, die Augen schlösse, müsste einfach annehmen, hier mehrere Akteure zu erleben. Kurz: Der Mann aus Frankfurt ist ein wandelndes Ein-Mann-Theater at it’s best. Deshalb kann man ihm immer wieder zuhören, ohne dass es je langweilig würde. Im Gegenteil: Man sehnt den Tag, die Stunde herbei, wo er erneut, spitzbübisch lächelnd, loslegt.

Als Prokurist einer »bedeutenden Firma«, der Druckerei Müller, kam Babba sonst immer pünktlich nach Hause, nur nicht heute. »Da muss doch ebbes bassiert sei!«: Mamma wird immer nervöser, ihr Organ klingt zunehmend schriller, Sohn Willi versucht vergeblich zu beruhigen. Katastrophenszenarien werden durchgespielt. Als Gründe des Nichterscheinens kommen infrage: Kündigung, Tod oder Ehebruch (»Isch habs ja schon immer gewusst. Wer iss dieses Weibsstück?«). Dann klingelt’s, Babba tritt – souverän lächelnd – herein und verkündet, dass ihm Firmenchef Müller die Mehrheitseignerschaft und den Direktorsposten seiner Druckerei angeboten hat. Mamma ist einen – allerdings nur ganz kurzen – Augenblick sprachlos und beginnt dann sofort über einen dafür nötigen Hausverkauf zu räsonieren.

Showdown zum Schluss

Aber vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt. In der folgenden Episode »Die Spezialistin« tauchen zwei Damen auf – das Ex-Mannequin Fräulein Müller mit relativ niedrigem IQ (sie hat einen Teil der Firma ihres Onkels geerbt) und ihre Vertraute Fräulein Flockenbusch »hoch in den 35ern«. Die »Spezialistin« besteht auf Etablierung eines (gar nicht erforderlichen) Aufsichtsrats, wird dessen zweite Vorsitzende und beginnt während Babbas und Mammas dreiwöchigem Spanienurlaub den Laden mit seinem entspannten Arbeitsklima auf den Kopf zu stellen.

In immer kürzeren Abständen folgt beim Publikum nun eine Lachsalve der nächsten. Jo van Nelsen präsentiert diese Hysterikerin einfach grandios. Sie will rationalisieren, dekretiert u. a. das Abfassen von Tagesberichten und verpasst – ihrer Zeit weit voraus – jedem Angestellten einen Code aus Zahlen und Buchstaben. »Stift« Rudi (Codename SR1) ist besonders gewissenhaft mit seinem Bericht und listet sogar die Zeit für dessen Abfassen auf. Da er auch dafür wieder Zeit braucht, ließe sich das Ganze ad infinitum beziehungsweise absurdum fortsetzen.

Nach Babbas Rückkehr aus dem sonnigen Spanien kommt es zum Showdown, in dem scharf mit Paragrafen um sich geschossen wird und der mit dem Totalrückzug Frl. Flockenbuschs aus der Firma endet. Für seinen tollen Auftritt schlägt Jo van Nelsen lang anhaltender Beifall entgegen.

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