Kinocenter Friedberg

So lief der letzte Kino-Abend im Friedberger Roxy

Aus, Ende, vorbei: Das Kinocenter Friedberg ist Geschichte. Der Abschied war aber alles andere als traurig: Eineinhalb Stunden lang bog sich das Publikum vor Lachen.
26. Januar 2018, 06:00 Uhr

Von Jürgen Wagner , 1 Kommentar
Die Schaukästen sind leer, jetzt folgt der Abriss des Kinocenters in der Bismarckstraße. (Foto: Nici Merz)

Als alle nach dem Abspann aus dem Saal strömten, sahen sie die Bescherung: Zum letzten Mal hatte irgendein Dabbes sein Popcorn verschüttet. Das Kino-Center Friedberg ist Geschichte, 400 Zuschauer kamen am Mittwochabend zur letzten Vorstellung. Ein »trauriger Anlass«, wie viele sagten. Bei dem aber ein Film lief, dessen Gag-Dichte so hoch ist, dass man kaum aus dem Lachen rauskommt. So ist Kino: Die großen Gefühlen liegen dicht beieinander.

Solch einen Andrang hatte das Kinocenter lange nicht mehr erlebt. Die Zuschauer strömten nur so herbei, wollten dem Filmpalast nach über 35 Jahren »die letzte Ehre erweisen«, wie es Katja Augustin formulierte. »Und dass ich meinen Lieblingsfilm noch einmal auf der großen Leinwand sehe, das ist phantastisch.« Gezeigt wurde die Krimikomödie »Eins, zwei, drei« von Billy Wilder, die Kinobetreiber Hans-Albert Wunderer und Peter Schubert vom Bildungsforum Friedberg den Zuschauern zum Abschied bei freiem Eintritt schenkten.

Wichtige Kultureinrichtung

»Kino ist ein Medium, das einen ganz besonders einnimmt. Man erlebt die Filme viel prägnanter als im Fernsehen«, meinte Jutta Balser. Sie und viele andere Zuschauer wurden erst durch die Filmreihe des Bildungsforums dazu animiert, wieder ins Kino zu gehen. Karin Rogalsky hat früher in Altenstadt selbst ein Kino betrieben, jetzt sucht sie mit Schubert die (Kunst-)Filme der Reihe aus. »Es geht weiter mit unserem Programm, das ist ein Glücksgefühl«, sagte sie. Rogalsky erinnerte an viele Filmschaffende wie Thomas Heinze, Benjamin Herrmann oder Christoph Strunck, die als Platzanweiser im Kinocenter erstmals mit den laufenden Bildern in Berührung kamen. »Das zeigt, wie wichtig, diese Kultureinrichtung war.«

Ob sich für den neuen Standort im Süden von Friedberg ein Investor findet? »Abwarten«, meint Rogalsky und ist skeptisch. »Ich kenne ja die Filmbranche.« Lena Herget von der Wirtschaftsförderung der Stadt ist optimistischer: »Die Bewerbungsfrist läuft bis Ende März, und wir haben schon einige Gespräche mit Investoren geführt.« Aber die Gedanken waren an diesem Abend nicht bei einem eventuell neuen Kino, sondern beim alten. »Ich erinnere mich, wie wir als Kinder in die Filme für Ältere reinwollten und an der Kasse enttarnt wurden«, erzählte Mike Pelka. »Ich musste mit vier Leuten im Keller ›Der dunkle Kristall‹ angucken und die ein Jahr älteren Kumpels hatten oben im ›Roxy‹ bei ›Zurück in die Zukunft‹ ihren Spaß.«

Im Sommer wieder Open-Air-Kino

Vor dem Film gab es Abschiedsworte. Er werde die Kontakte mit den jungen Leuten vermissen, sagte Kinobetreiber Wunderer. »In 35 Jahren wurde hier viel und laut gelacht. Der heutige Film passt sehr gut.« Schubert erinnerte sich an Sonntagnachmittage mit Filmen wie »Wenn die Heide blüht«: »Das Kino war rappelvoll.« An Wunderer überreichte er eine Mappe mit den Infoblättern zu allen 64 Filmen der Bildungsforum-Reihe und einem Vorwort aus seiner Feder. »Einmal kam nur ein Zuschauer zur Filmvorführung. Der Film wurde trotzdem gezeigt.«

Stadtverordnetenvorsteher Hendrik Hollender (»Eine Ära geht zu Ende«) hatte Pralinen für Wunderer und Schubert dabei, nannte das Aus für das Kinocenter »wirklich schade«. Stadtrat Markus Fenske freute sich auf das Open-Air-Kino im Rathauspark. Dann ist Wunderer mit seiner Technik und seinem Know-how wieder dabei.

Die Stars von damals

Dann erschien der berühmte brüllende Löwe auf der Leinwand, es knisterte und rauschte ein klein wenig, und die restaurierte Fassung von »Eins, zwei, drei« startete filmisch mit einer Rundfahrt durch das vom Krieg zerstörte Berlin und musikalisch mit dem »Säbeltanz« von Chatschaturjan. Was er im Krieg denn gemacht habe, wird der Bürobote Schlemmer alias Hanns Lothar vom Berliner Coca-Cola-Niederlassungsleiter Mr. MacNamara (ein furios aufspielender James Cagney) gefragt: »Untergrund« antwortet der, schlägt (nicht zum letzten Mal) die Hacken zusammen und erläutert, er habe nämlich bei der U-Bahn gearbeitet.

Billy Wilders Komödie von 1961 lebt von aberwitzigen Dialogen, absurden Verwicklungen und einem rasanten Tempo. Die bezaubernde Liselotte Pulver, der draufgängerische Horst Buchholz, der steckensteife Karl Lieffen, der bösbubig dreinschauende Ralf Wolter und, und, und – für viele ältere Zuschauer war es auch ein Wiedersehen mit den Stars der 50er- und 60er-Jahre. Aber es geht ja weiter mit der Filmreihe, wenn auch in anderen Rahmen, und vielleicht meldet sich demnächst im Rathaus ein Investor.

 

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Filmreihe läuft weiter

Das Kinocenter schließt, die Filmreihe des Bildungsforums aber wird fortgesetzt. Wie Prof. Peter Schubert mitteilte, werden die Filme künftig im Central Studio in der Haagstraße gezeigt. Erster Termin ist der 28. februar. Informationen zur Filmreihe erhält, kann einen Newsletter abonnieren (freitag.schubert@t-online.de). (jw)

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