24. Oktober 2018, 11:00 Uhr

Elektrosmog

So lebt eine Wetterauerin mit ihrer Elektrosensibilität

Handy oder Internet ist für Klara Becker* Tabu. Die Rentnerin aus der Nähe von Bad Nauheim ist elektrosensibel. Im Interview spricht sie über Funkmasten, ihren Abschirmbaldachin und Selbstzweifel.
24. Oktober 2018, 11:00 Uhr

Frau Becker, Sie bezeichnen sich als elektrosensibel. Wie wirkt sich das auf Ihr tägliches Leben aus?

Klara Becker (*Name geändert): Ich habe kein Handy, kein Internet, kein schnurloses Telefon. Wenn ich bei Freunden eingeladen bin, kann es sein, dass ich nachher völlig erschöpft bin – wegen WLAN-Box, DECT-Telefon und Co. Es kann auch zum Problem werden, wenn ich mich in der Nähe eines Sendemastes aufhalte. Mittlerweile überlege ich mir, ob ich den gesundheitlichen Einbruch von zwei Tagen in Kauf nehme oder aufs Ausgehen verzichte. Das wirkt sich natürlich auf soziale Kontakte aus.

Was unterscheidet Ihre Wohnung noch von der anderer Menschen?

Becker: Ich habe einen Abschirmbaldachin mit Kupfer- und Silberfäden über dem Bett und eine Strahlen abschirmende Matte darunter. Wegen der Elektrosensibilität bin ich schon mehrmals umgezogen. Erst kürzlich bin ich innerhalb meines Wohnortes nahe Bad Nauheim ins Souterrain gezogen, weil dort mit weniger Strahlung zu rechnen ist. Bevor ich einzog, bin ich erstmal die Gegend abgefahren und habe geschaut, dass es dort keine Handymasten gibt.

Welche Symptome haben Sie?

Becker: Zittern am ganzen Leib, Lichtempfindlichkeit, Herz- und Schilddrüsenprobleme. Dazu können Panikattacken, Schlafstörungen, Kopfweh und ein Summen im Kopf kommen, ähnlich wie Tinnitus. Generell falle ich bei hochfrequenter Strahlung eher in eine depressive Verstimmung. Bei niederfrequenter Strahlung wie die im Haushalt bin ich eher überdreht.

Wegen der Elektrosensibilität bin ich mehrmals umgezogen

Klara Becker, Elektrosensible

Wie sind Sie darauf gekommen, dass die Beschwerden mit der Strahlung zusammenhängen?

Becker: Ich stellte zunächst fest, dass die Symptome nicht in jedem Raum meiner Wohnung gleich stark sind. Ich versuchte, mit meiner Matratze in unterschiedlichen Räume zu schlafen. Ich habe sogar schon im Keller, der Waschküche, im Gartenhaus oder auf dem Balkon übernachtet, um Schlaf zu finden. Gut ging das nur im Gartenhaus, wo es keinen Strom gab. Wir haben schließlich einen Baubiologen kontaktiert, der brachte uns auf Elektrosmog.

Erinnern Sie sich an eine Situation, in der Sie feststellten, dass Sie elektrosensibel sind?

In der Nähe dieser Masten in der Bad Nauheimer Parkstraße wird Klara Becker ihre Elektrosensibilität bewusst.	(Foto: N. Merz)
In der Nähe dieser Masten in der Bad Nauheimer Parkstraße wird Klara Becker ihre Elektrose...

Becker: Anfangs machte ich nur meine Wohnung verantwortlich. Eines Tages machte ich eine schreckliche Erfahrung in der Bad Nauheimer Parkstraße. Bei schönem Wetter setzte ich mich zum Lesen auf eine Bank. Als ich aufstand, hatte ich das Gefühl, keinen Boden unter den Füßen zu haben und fühlte mich elend. Später sah ich die Funkmasten auf dem nahe gelegenen Fortbildungszentrum – und verstand den Zusammenhang.

Hat ein Arzt die Elektrosensibilität bei Ihnen diagnostiziert?

Becker: Nein. Ich bin wegen der Symptome zu Fachärzten gegangen und alle sagten, ich sei gesund. Ich könne höchstens Psychopharmaka nehmen, um meine Nerven zu beruhigen, hieß es.

Macht Ihnen das zu schaffen?

Becker: Früher wäre eine Diagnose aus der Schulmedizin sehr hilfreich für mich gewesen. Jetzt habe ich gelernt, mit der Elektrosensibilität zu leben.

Lassen Sie sich behandeln?

Becker: Es gibt im Grunde nichts, was hilft. Man muss einfach aus der Situation raus. Ich bin aber bei einem Heilpraktiker in Therapie, der mit alternativen Methoden wie der Bioresonanztherapie arbeitet. Das kann die Elektrosensitivität etwas abmildern.

Was sagen Freunde und Bekannten dazu?

Becker: Anfangs hörte ich im Bekanntenkreis nur »Verstehe ich nicht« oder »Hast du nicht vielleicht nur psychische Probleme?«. Mein engerer Freundes- und Bekanntenkreis kennt mich aber gut genug, um zu wissen, dass ich nicht spinne.

Haben Sie manchmal selbst gezweifelt und gedacht, Sie werden verrückt?

Becker: Ja. Man steht ja oft total neben sich. Plötzlich kann man sich vorstellen, wie es Demenzkranken geht, also wenn sich im Kopf etwas verändert, und man Angst hat, langfristig in der Psychiatrie zu landen. Da bekommt man schon Zweifel an sich selbst.

Was empfehlen Sie Betroffenen?

Becker: Für mich waren die Informationen und Buchtipps der Selbsthilfegruppe sehr hilfreich. So merkt man, dass man mit dem Problem nicht allein ist, und es anderen auch so geht. Wer ähnliche Symptome hat, sollte einfach mal versuchen, Handy und WLAN auszuschalten und ein schnurloses Telefon nur mit ECO-DECT-Standard benutzen.

Info

Vortrag der Selbsthilfegruppe

»Elektrosmog und seine gesundheitlichen Folgen« ist das Thema eines Vortrags der Selbsthilfegruppe »Elektrosensibilität« am 25. Oktober im Friedberger Kreishaus. Redner ist der Elektrobiologe und Ingenieur Olaf Scharf aus Ronneburg. Der Vortrag beginnt um 19.30 Uhr am Europaplatz, Gebäude B, Raum 101. Die Selbsthilfegruppe trifft sich alle zwei Monate, in der Regel am ersten Mittwoch in geraden Monaten. Derzeit hat sie acht Teilnehmer, nicht nur aus der Wetterau. Die Gruppe wird unterstützt von der Selbsthilfe-Kontaktstelle des Wetteraukreises. Informationen und Kontakt unter Anette.Obleser@Wetteraukreis.de, 06031/832345 oder selbsthilfe.wetterau.de.

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