06. Februar 2019, 20:38 Uhr

»So entsteht ein Geschichtsbuch«

06. Februar 2019, 20:38 Uhr
Den bislang letzten Hausnamen bringt Helmut Weitz in der Obergasse an – bei »Lebolds«, wo einst ein Leopold Klein der Hausherr gewesen ist. (Foto hh)

»Zu meiner Kindheit war es gang und gäbe, dass jedes Haus seinen eigenen Namen hat«, erinnert sich Helmut Weitz. Der Vorsitzende des Musikvereins Harmonie leitet damit zu einer letzten Initiative über, die er im vergangenen Jahr anlässlich der Feiern zum 700-jährigen Dorfjubiläum gestartet hatte: Er will die alten Hausnamen lebendig halten. Wer dieser Tage im alten Ortskern unterwegs ist, entdeckt an vielen Häusern blaue Emailleschilder mit jeder Menge Historie. »Wir haben eine Idee aus Melbach aufgegriffen und dort entsprechend nachgehakt« erzählt Weitz. Auch ein Hersteller war schnell gefunden, nachdem sich in der Bevölkerung reges Interesse herauskristallisierte.

In der Untergasse aufgewachsen, erinnert sich Weitz gerne an seine Nachbarschaft. »Die Leute hat man gar nicht anders gekannt. Da wohnten ›Linde‹, ›Schorsche‹ und ›Gugggls‹. Sein Vater war der ›Petersch’ Ernst‹.« Die »echten« Namen kenne er selbst gar nicht. Weitz begab sich für das Projekt auf Spurensuche, ging mit Ilona Böhm und Christa Hobler Straßen ab. So kamen rund einhundert Namen zusammen, die er nach dem Festgottesdienst zur 700-Jahr-Feier an eine Wand pinnte. Viele Bürger brachten sich ein, Weitz erhielt Änderungsvorschläge, weitere Namen kamen hinzu. Letztlich wurden 60 Schilder angefertigt. Besucher hatten dafür gespendet; die Mehrkosten steuerte die Stadt aus dem Jubiläumsbudget bei.

Selbst Neubürger bestellen

Hausnamen entstanden der Überlieferung nach zu einer Zeit, als es noch keine Straßennamen oder Hausnummern gab. Nur so waren Anwesen eindeutig zu kennzeichnen. Ein anderer Ansatz lautet: Im 18. Jahrhundert wurden die Familien größer, die nächsten Generationen bauten neue Häuser. Es entstanden Hausnamen, um die jeweiligen Personen zur Familie oder dem Hof zuzuordnen. So ist es auch zu erklären, dass viele der Namen auf eine Historie von lediglich zwei bis fünf Generationen zurückblicken. Dabei sind die Ursprünge die gleichen: Es sind meist Vor- und Familiennamen, Berufe, Eigenschaften oder Herkunft. Der »Kurdebauer« beispielsweise habe seine Wurzeln »zwar nicht im wilden Kurdistan«, scherzt Gerhard Rack, wohl aber in Kohden bei Nidda. Auch sei lange Zeit einer Person der Hausname dem Rufnamen vorangestellt worden – und somit quasi zum zweiten Familiennamen.

Dass man die alten Namen jetzt wieder sichtbar macht, freut Weitz: »Die Häuser treten aus ihrer Anonymität heraus. Es entsteht ein keines Geschichtsbuch.« Viele Personen hätten die Bezeichnungen überhaupt nicht gekannt. Und so mancher Neubürger habe die historischen Blickfänge bereits nachgeordert, obwohl kein familiärer Bezug besteht.

Viele Schilder lassen auch Schlüsse auf die einstige Infrastruktur im Dorfkern zu. Da trafen sich die Bewohner bei »Rasiererschs« (dem Dorfbabier) oder beim »Eckschuster«. Und noch vor wenigen Jahren trank man seinen Schoppen nicht im Gasthaus Zur Krone, sondern ging zu »Ausdiens«. Vermutlich hieß einer der Vorfahren August, während bis vor über 100 Jahren auch das Lokal Zur Rose zum Verweilen einlud. Dort hinter der Theke standen die »Ruse-wirts«. Und vis à vis verbindet ein Name Generationen von Schafzüchtern: der »Schofess«.

Das letzte Schild in seinem Fundus brachte Helmut Weitz in die Obergasse. Hier ist die Dichte der historischen Namen besonders groß. ›Adams‹, ›Kallse‹, ›Lissas‹, ›Mierdes‹ und ›Ruppe‹ weisen noch heute auf eine illustre Runde hin: nämlich Adam, Karl, Elisabeth, Matthias und den alten Herrn Rupp.

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