25. Januar 2019, 21:45 Uhr

Sie schreibt, um frei zu sein

Sie kommt ihrem Idol einfach nicht nah genug. Also beginnt Lilli sich eine Geschichte auszudenken. Über ihr Idol und dessen Frau. Wie fesselnd diese Geschichte ist, weiß Autorin Michèle Minelli. Sie hat »Der Garten der anderen« geschrieben. Warum die Schweizerin sich sehr auf die Lesung in Bad Nauheim freut und was sie mit der Stadt verbindet, erzählt sie im Interview.
25. Januar 2019, 21:45 Uhr
»Soziale Kontakte und Freizeit bleiben leider oft auf der Strecke. Ich bin mit meinen Projekten verflochten«, sagt Autorin Michèle Minelli. Dennoch versucht die Schweizerin, viel in der Natur unterwegs zu sein. (Fotos: Anne Bürgisser/Verlag)

Sie sind eine bekannte Autorin in der Schweiz. Jetzt werden Sie in Bad Nauheim Ihren neuen Roman »Der Garten der anderen« vorstellen. Wie kam es zum Kontakt nach Bad Nauheim?

Michèle Minelli: Das Ehepaar Römer hatte 2012 mein Buch »Die Ruhelosen« gelesen und mich daraufhin kontaktiert und gefragt, ob ich mir eine Lesung in Bad Nauheim vorstellen könnte. Und ich konnte.

Das heißt, Sie kommen nach über sechs Jahren erneut in die Wetterau. Freuen Sie sich?

Minelli: Ja, sehr. Die Reihe »Erlesenes« ist besonders. Es sind oft nicht so bekannte Autoren mit feinen Büchern. Ich freue mich auch sehr, die Römers wiederzusehen.

In Ihrem Roman »Der Garten der anderen« schreibt die Protagonistin Lili einen Roman. Es ist ein Roman im Roman. Wie sind Sie darauf gekommen?

Minelli: Ich wollte etwas anderes machen und die Leser überraschen. Lili beginnt heimlich, einen Roman über ihr Idol, den Schriftsteller Noah Berger, und seine Frau zu schreiben. Flurin und Cristina – wie die beiden in der Fiktion heißen – durchlaufen eine mehrfach gebrochene Liebesgeschichte, beide kämpfen sich aus ihren alten Leben und Lieben frei, um ihrem neuen, fragilen Glück Raum zu schaffen.

Was ist das Überraschende daran?

Minelli: Lili füllt die Dinge, die sie über das Paar nicht wissen kann, mit Ereignissen und Gefühlen aus ihrem eigenen Leben. Wenn Lili wütend ist, werden es auch die fiktiven Protagonisten. Das ist nicht immer eindeutig erkennbar. Manche Leser merken das, andere lesen einfach zwei Geschichten in einer.

Lili macht also das, was man als Autor versucht nicht zu machen. Das eigene Leben zu offensichtlich in den Roman bringen. Wie ist das bei Ihnen?

Minelli: Das mache ich auch nicht. Wenn ich morgens schlecht drauf bin, schreib ich nicht. Dann mache ich andere Sachen, die für meine Bücher wichtig sind: Material abtippen, recherchieren oder so. Denn mit schlechter Laune schaffe ich nur schlechte Texte. Das weiß ich aus Erfahrung.

Wie muss man sich Ihren Schreiballtag vorstellen?

Minelli: Ich plane immer mehrere Schreibtage. Kann aber flexibel variieren und schieben, wenn es mal nicht läuft.

Schätzen Sie diese Freiheit?

Minelli: Ja. Das war einer der Gründe, warum ich Schriftstellerin werden wollte. Ich wollte frei sein.

Haben Sie diesen Wunsch schon immer gehegt?

Minelli: Es klingt zwar nach Klischee, aber ja. Schon seit meiner Kindheit wollte ich Bücher schreiben. Als Mädchen habe ich kleine Geschichten verfasst, die meine Eltern liebevoll zu kleinen Heftchen gebunden haben.

Sind Sie gleich nach der Schulzeit Schriftstellerin geworden?

Minelli: Nein, zunächst bin ich zum Film gegangen und habe Produktionsleitung gelernt. Außerdem Drehbücher geschrieben und Regie geführt. Das habe ich gemacht, bis ich 30 wurde, dann habe ich den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt.

Wie ist das bei Ihren Eltern angekommen?

Minelli: Mein Vater hat gesagt: »Manchmal muss man sich selbst beweisen, dass man ein freier Mensch ist«, und hat mich unterstützt. Er ist Journalist und kann die Leidenschaft fürs Schreiben verstehen.

Und Ihre Mutter?

Minelli: Die versteht es noch mehr. Sie ist Schauspielerin und hat auf diesen Moment gewartet. Als ich es dann gewagt habe, sagte sie nur: »endlich«.

Dennoch stelle ich es mir schwer vor, einen festen Beruf aufzugeben, mit den eigenen Ideen weiterzumachen und, wie in Ihrem Fall, einen Verleger zu finden.

Minelli: Das war es auch. Daher habe ich zuerst zwei Sachbücher im Auftrag geschrieben.

Worum ging es?

Minelli: Im ersten Buch um Abtreibung in der Schweiz, damals ein Tabuthema. Im zweiten Buch um Schulkinder, die für immer von der Schule ausgeschlossen werden, da sie als nicht beschulbar gelten.

Wann kam der erste Roman?

Minelli: Das war 2009. Er heißt »Adeline grün und blau«. Es geht um häusliche Gewalt.

Sie sind im letzten Jahr für »Passiert es heute? Passiert es jetzt?« mit dem Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet worden. Ein Buch über Gewalt in der Familie und Waffenbesitz. Werden Sie ein weiteres Jugendbuch schreiben?

Minelli: Daran arbeite ich, denn der Preis aus Oldenburg hat mich sehr motiviert. Parallel schreibe ich an einer Geschichte über das Sterben und recherchiere zugleich für einen neuen Roman.

Haben Sie bei so vielen Ideen und Arbeit noch Zeit für andere Unternehmungen?

Minelli: Soziale Kontakte und Freizeit bleiben leider oft auf der Strecke. Ich bin mit meinen Projekten verflochten. Es ist meine Passion. Ich arbeite nach dem Lustprinzip, und es ist ein Glück, dass ich das machen darf.

Schreiben Sie auch, wenn Sie auf Lesereise sind?

Minelli: Nein, das geht nicht. Die Lesungen sind schön, aber auch anstrengend. Da gehe ich vorher lieber spazieren oder schlafe noch ein wenig.

Sie werden also am 6. Februar durch Bad Nauheim spazieren und sich umsehen?

Minelli: Ja, das werde ich. Und mit Herrmann und Agnes Römer werde ich nach der Lesung noch eine Pizza essen.

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