17. August 2018, 14:00 Uhr

100 Jahre

Seit 100 Jahren: Familien-Praxis feiert seltenes Jubiläum

Seit 100 Jahren praktiziert in Friedberg die Zahnarzt-Familie Brächer. Ein Rückblick auf den Umgang mit Schmerzen, alte Methoden und rentable Schlägereien.
17. August 2018, 14:00 Uhr
Unter dem strengen Blick von Vater Paul Allfeld behandelt Tochter Liselotte Brächer einen Patienten in der eigenen Praxis. Ihre Nachfahren feiern nun den 100. Geburtstag des Familienbetriebs. (Foto: pv)

Habe meine Tätigkeit wieder aufgenommen.« Mit diesen fünf Wörtern meldete sich Paul Allfeld per Zeitungsanzeige zurück. Im August 1918 hatte er ein Zahnarztpraxis eröffnet, kurz danach wurde er bei der letzten Mobilmachung im Ersten Weltkrieg eingezogen. 100 Jahre später wühlen zwei seiner Nachfahren in einem Hefter mit alten Dokumenten. Sie sitzen in der Mainzer-Tor-Anlage 7 in Friedberg, dort baute Allfeld einst sich und seiner Praxis ein Zuhause. Heute wohnen hier Enkel Joachim Brächer und Ur-Enkelin Tanja und leiten die 100 Jahre alte Praxis.

 

Die Wiedergeburt des Lachgases

»Mir ist eher zufällig aufgefallen, dass wir dieses Jubiläum feiern dürfen«, sagt der 78-Jährige. Mit seiner Tochter blättert er im Wohnzimmer, direkt neben dem Empfangsbereich der Praxis, durch den Hefter. »Das fand ich kurios«, sagt die 49-Jährige und hält ein Zertifikat eines Lachgas-Kurses ihres Ur-Opas hoch. »Früher war Lachgas ein gängiges Schmerzmittel, ab den Siebzigern ist es in Vergessenheit geraten«, sagt sie. Zu viel Lachgas und zu wenig Sauerstoff war das Todesurteil auf dem Behandlungsstuhl. Die Technik macht solche Unfälle heute unmöglich, es ist wieder gängige Praxis.

Früher wurde kein Geschiss um die Zähne gemacht

Tanja Brächer

 

Ein großer Unterschied zu den Zeiten ihrer Vorfahren ist für Brächer der Sinneswandel: »Früher wurde kein Geschiss um die Zähne gemacht. Die mussten raus. Heute wird um jeden Zahn gekämpft«, sagt sie. Auch die Sache mit der Angst vor dem Gang auf den Behandlungsstuhl habe sich gewandelt. Bei den Brächers gibt es einen Fragebogen, auf dem Patienten ihre Angst von eins bis zehn skalieren sollen. »Manche schreiben noch Zahlen dazu«, sagt Brächer.

 

Alternativen waren da

Ein eingespieltes Team: Tanja Brächer und ihr Vater Joachim Brächer.	(Foto: har)
Ein eingespieltes Team: Tanja Brächer und ihr Vater Joachim Brächer. (Foto: har)

Sie betreut hauptsächlich Kinder- und Angstpatienten, der psychologische Aspekt ist elementar. »Am Ende wissen die Patienten: Es ist nicht der Friseur, aber es ist machbar. Für viele ist das eine Befreiung«, sagt sie. »Bei uns wurde betäubt, und die Sache war erledigt«, wirft der Vater ein. »Es gab ja auch keine Alternative«, kontert die Tochter.

Alternativen zum Zahnarzt-Beruf gab es für beide durchaus. »Im Studium wollte ich erst Medizinerin werden, habe mir auch alles anerkennen lassen. Im praktischen Teil habe ich aber festgestellt: Zahnarzt ist das Richtige für mich. Aber du ...«, sagt sie und blickt zum Papa, »du hättest ja den Schleifmittelbetrieb von deinem Vater übernehmen können.« »Ja, hätte ich. Wollte ich aber nicht. Meine Mutter war ein erstklassiger Extrakteur. Deswegen bin ich auch Oralchirurg geworden. Ich habe alles von ihr gelernt«, sagt Brächer. Als Mutter Liselotte im Alter von 32 Jahren zu studieren begann, war der Zweite Weltkrieg gerade vorbei. »Um 4 Uhr ist sie mit dem Güterwagen nach Frankfurt zur Vorlesung gefahren«, erzählt der Senior.

 

Beeindruckende Harmonie

Er und seine Tochter strahlen eine beeindruckene Harmonie aus. Manchmal sprechen sie gleichzeitig über verschiedene Themen, manchmal beenden sie sogar Sätze des anderen. Selbst der Zahnarztbesuch bleibt in der Familie. »Wir machen das gegenseitig«, lachen beide, »das kommt aber gottlob nicht so oft vor«, fügt Tanja an. Dass es über all die Jahre nicht nur harmonisch zuging, lassen die Brächers im Ansatz durchblicken – normal, wenn Generationen unter einem Dach wohnen und arbeiten.

Kieferbrüche nach Schlägereien waren das beste Geschäft

Joachim Brächer

Fehlende Harmonie auf Volksfesten war dagegen eine Auftragsmaschine. »Kieferbrüche nach Schlägereien auf dem Herbstmarkt waren das beste Geschäft für uns. Da hätten wir aber gerne drauf verzichtet«, sagt Joachim Brächer. Mittlerweile sind über 20 Mitarbeiter in der Praxis mit Labor und der Prophylaxe-Praxis, die es seit vier Jahren auf der anderen Seite des Häuserblocks gibt, beschäftigt. »Mein Großvater hatte einen Mitarbeiter. Da wurde aber auch noch in Naturalien bezahlt«, sagt Joachim Brächer. Papierkram gab es zu dessen Zeit nicht. »Allein der Verwaltungsapparat heutzutage braucht zwei Mitarbeiter«, unterstreicht Tanja Brächer.

Ob ihre Tochter irgendwann die paar Schritte vom Wohnhaus über den kleinen Teich im Garten zur Praxis gehen wird und die Praxis in der fünften Generation übernimmt, steht noch nicht fest. »Sie ist jetzt in der siebten Klasse. Das ist noch weit weg.«

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