29. Mai 2017, 18:32 Uhr

Schreibend das Leben erkunden

Irgendwann kommt die Erinnerung hoch, doch wie soll man das dann alles aufschreiben? Wo fängt man an? Und wo hört man auf? Das weiß Heidrun Schatanek. Die 50-jährige Friedbergerin bietet Schreibkurse an, die nicht bei Tipps zur Rechtschreibung stehen bleiben. Und es muss auch nicht gleich ein Buch erscheinen, wenn Hobbyautoren ihr Leben zu Papier zu bringen.
29. Mai 2017, 18:32 Uhr
Mit Reizwörtern und Schreibübungen setzt Heidrun Schatanek in ihren Schreibwerkstätten Impulse, aus denen kleine Geschichten entstehen. (Foto: Wagner)

Frau Schatanek, ihr jüngster VHS-Kurs trug den Titel »Du weißt ja gar nicht, wie gut du es hast!« Den Satz dürften auch Sie in ihrer Kindheit oft gehört haben.

Heidrun Schatanek : Ja, aber es war mir dabei nicht klar, worin das Gute in meiner Kindheit bestand. Es wurde immer nur angedeutet, in Halbsätzen hingeworfen, so dass ein diffuses Gefühl entstand, dankbar sein zu müssen für etwas, was man nicht richtig greifen und benennen kann. Ich wusste zwar, dass der Satz etwas mit der Kindheit meiner Eltern zu tun hatte, mit der deutschen Geschichte, dem Aufwachsen unter dem Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg, im Falle meines Vaters mit den Erfahrungen von Flucht und Vertreibung. Aber wie gut ich es wirklich hatte, war mir nie so richtig klar, weil ich es so nicht empfand.

Man ahnt, dass es in Ihren Schreibkursen weniger um Textkritik, Stilistik und Grammatik geht.

Schatanek: In meinen Schreibkursen geht es darum, sich erst einmal Klarheit über sich selbst zu verschaffen. Indem ich schreibe, kann ich meine Gedanken ordnen und verdichten und komme zur inneren Klarheit.

Das klingt nach Psychoanalyse.

Schatanek: Jein. Ich arbeite mit dem Ansatz der Poesie- und Bibliotherapie. Das ist eine Methode der integrativen Kunsttherapie, die beeinflusst ist von humanistisch-psychologischen Verfahren, von Psychoanalyse, Gestalttherapie und Psychodrama. Das ist kein eigenständiges psychotherapeutisches Verfahren. Schreiben und Lesen können aber therapeutische Momente beinhalten. Wer schreibt, wird sich über sich selbst bewusst.

Müssen die Teilnehmer befürchten, dass sie zu viel von sich preisgeben?

Schatanek: Ja, das schwingt immer mit. Wer schreibt, zeigt immer auch etwas von sich selber. Das ist nicht zu vermeiden. Max Frisch hat einmal gesagt: »Schreiben heißt, sich selber lesen.« Manchmal gibt es die Scheu, eigene Texte vorzulesen. Deswegen sind meine Kurse keine Schreibwerkstätten, wo Texte analysiert, besprochen und vielleicht auch zerrissen werden. Textkritik ist immer auch Kritik am Menschen, ob man will oder nicht. Mir geht es eher um eine wertschätzende Atmosphäre.

Gehen wir gedanklich zurück in die Sechzigerjahre: Es wurde in der Familie nicht oder nur bruchstückhaft von der Vergangenheit erzählt. Sind Ihre Kurse auch der Versuch, dieses Schweigen aufzubrechen?

Schatanek: Ja, wobei man sich aber immer fragen muss: Was will ich schreiben? Was ist mein Thema? Wem möchte ich es erzählen? Der Hauptadressat des eigenen Schreibens sollte immer die eigene Person sein, auch wenn das Erzählte stets im Kontext der Generation der Nachkriegskinder steht. Wir sind gesellschaftliche Wesen, existieren nicht nur individuell. Gerade in den Kriegsenkel-Gruppen zeigt sich, dass es Erfahrungen gibt, die wir generationenübergreifend teilen. Wenn von Familienkonstellationen erzählt wird, heißt es oft: »Ach, das habe ich doch auch erlebt. Woher kennst du denn meine Familie?« Den Satz »Du weißt ja gar nicht, wie gut du es hast« haben viele in der Kindheit gehört. Aber was heißt das? Sind wir undankbar? Wissen wir zu wenig? Sollen wir uns bescheiden? Was schwingt da mit? Das gilt es schreibend herauszufinden.

Es geht beim autobiografischen Schreiben also um Erfahrungen, die man hinterfragen muss.

Schatanek: Vor allem geht es um Kernbotschaften, die uns unbewusst leiten. Zum Beispiel dieses Funktionieren-müssen, das Gutsein-müssen, die Erbringung von Leistung: Das kann man vor dem Hintergrund der Eltern- und Großelterngeneration, die Deutschland aufgebaut haben, erklären. Diese Mentalität war weit verbreitet. Vorwärts schauen, Ärmel hochkrempeln, los geht’s! Da muss man sich nicht wundern, wenn es uns schwerfällt, uns Ruhe zu gönnen, was Gutes zu tun, für sich zu sorgen. Das Burn-out-Syndrom ist nicht umsonst in unserer Generation weit verbreitet. Schaffen bis zum Umfallen, lautet die Devise.

Wie schaffen Sie es, das Schreiben in Gang zu setzen und den Kursteilnehmern ihre Geschichten zu entlocken?

Schatanek: Durch Schreibübungen aus dem poesie- und bibliotherapeutischen Methodenspektrum. Nur zu sagen: »So, jetzt schreibt Eure Geschichte auf!«, funktioniert nicht. Ich setze spielerisch Schreibimpulse.

Nennen Sie ein Beispiel.

Schatanek: Wir werfen Kindheitsworte aus den Sechziger- und Siebzigerjahren in die Runde: Ölkrise. Willy Brandt. Beatles. Meister Proper. Damit kann man einen Vierzeiler basteln, ein Farb-Elfchen oder eine andere lyrische Kurzform. Statt gleich mit den ersten drei Kapiteln der Autobiografie zu beginnen, sollen die Schreibenden zunächst kleinere Formen ausprobieren. Diese Texte erzeugen dann Bilder: Die Großmutter aus Böhmen. Das Fotoalbum auf dem Tisch. Der Satz »Geh doch nach drüben!« Daraus entstehen Impulse zum Weiterschreiben.

Wie wichtig ist es, dass man die Texte vorliest und eine Rückmeldung bekommt?

Schatanek: Erst mal gar nicht. Es gibt manchmal eine Scheu, das vorzutragen. Das ist in Ordnung, bei mir gibt es kein »Muss«. Alle können ihre Texte vortragen, keiner muss es. Schließlich sind die Texte sehr persönlich. Deshalb möchte ich den Texten auch nicht mit einer in Schreibwerkstätten üblichen Textkritik begegnen. Es steckt ja mehr dahinter als nur Wörter, die irgendwelchen formalen Kriterien genügen sollen.

Nun hat ein Teilnehmer, ermuntert durch einen ihrer Kurse, ein Buch geschrieben und möchte es veröffentlicht sehen. Was raten sie ihm?

Schatanek: Ich rate ihm davon ab, zu einem Selbstkostenverlag zu gehen, bei dem die Autoren Herstellung und Druck des Buches zahlen. Ich glaube nicht, dass man dadurch seine Zielgruppe erreicht. Und ich rate, den Text einer Lektorin oder einem Lektor zu geben. Das ist in vielen Fällen dringend nötig. Wer einen Verlag sucht, sollte sich vorher die Programme anschauen und sich fragen, ob das eigene Buch da reinpasst. Und man sollte sich fragen: Interessiert das, was ich schreibe, andere Menschen? Ist mein Leben relevant? Würde ich das auch von anderen Autoren lesen wollen? Ich habe im Lektorat gearbeitet und weiß: Von 100 eingeschickten Manuskripten wird vielleicht eines gedruckt, wenn’s hochkommt. Die eigene Autobiografie an den Suhrkamp Verlag zu schicken, ist also wenig sinnvoll.

Die Veröffentlichung ist demnach gar nicht das Maß aller Dinge?

Schatanek: Nein. Wenn man den Gedanken an ein etwaiges Lesepublikum aus dem Kopf raus hat, schreibt man vielleicht auch ehrlicher und authentischer. Und umgekehrt: Wer von Anfang an die Leserschaft im Blick hat, stellt sich womöglich besser dar, als er ist. Beim autobiografischen Schreiben gilt: Man sollte sich seine Geschichte selber erzählen.

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