19. Oktober 2018, 09:35 Uhr

Verfügung und Vollmacht

Rechtsanwalt erklärt: Das ist bei Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht zu beachten

Nach einem Unfall liegt der Ehepartner im Wachkoma. Eine Horror-Vorstellung. Darum ist es wichtig, sich frühzeitig mit einer Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht für den Ernstfall zu wappnen.
19. Oktober 2018, 09:35 Uhr
Eine Patientenverfügung und eine Vollsorgevollmacht sichern den Patienten für den medizinischen Ernstfall ab. (Foto: A3250 Oliver Berg (dpa))

Klaus Ruppert, haben Sie eine Patientenverfügung und Vollsorgevollmacht?

Klaus Ruppert: Natürlich, schon längere Zeit. Für meine Mutter habe ich das schon gemacht. Mit meiner Frau habe ich wechselseitig eine Vorsorgevollmacht, und wir haben jeder eine Patientenverfügung.

Warum ist das so wichtig?

Ruppert: Im Ernstfall kann es sein, dass man eine Entscheidung über Behandlungen vor dem  Tod eines Familienangehörigen treffen muss. Wenn der Patient vorher schriftlich festgelegt hat, wie mit solchen Fällen umgegangen werden soll, ist das für die Angehörigen eine große Erleichterung. 

Wie hängen Verfügung und Vollmacht zusammen?

Ruppert: Die Patientenverfügung ist für den Fall, dass sich ein Patient selbst nicht mehr erklären kann. Vor einer Behandlung muss er aufgeklärt werden und einwilligen. In der Verfügung legt man im Vorfeld fest, wie man eine Behandlung will oder nicht will. Der Bevollmächtigte hat nun die Aufgabe, die Verfügung mit dem Arzt umzusetzen.

Wie sieht das in der Praxis aus?

Ruppert: Ein Patient liegt im Wachkoma und hat vorher erklärt, dass er nicht künstlich ernährt werden will, wenn keine Heilungschance besteht. Wenn dem so ist, hat der Bevollmächtigte im Sinne des Patienten zu entscheiden und die Behandlung möglicherweise einstellen zu lassen.

Dass nicht einfach der Ehepartner oder das Kind entscheiden kann, ist meistens die erste Überraschung

Der Autor

Ist es auch möglich, nur eine Verfügung oder nur eine Vollmacht zu haben?

Ruppert: Ja, ohne Patientenverfügung ist ein Bevollmächtigter verpflichtet, nach dem mutmaßlichen Willen des Patienten zu handeln. 

Ein sehr dehnbarer Begriff.

Ruppert: Klassischer Fall: Die Ehefrau des 90-Jährigen sagt: Im Koma weiterbehandelt zu werden, das hat er nicht gewollt. Das ist dann der mutmaßliche Wille.

Warum schieben es viele Menschen so lange vor sich her, bis sie sich formell absichern?

Ruppert: Ein Grund ist sicher, weil es mit der Endlichkeit des Lebens zu tun hat, mit schwersten Krankheiten. Davon will keiner betroffen sein. Es ist für viele schon ein Problem, innerhalb der Familie über ihren Nachlass zu reden, vielmehr natürlich noch über den eigenen Tod und den Weg dorthin.

Was ist der Auslöser, warum sich ihre Mandanten doch dafür entscheiden? 

Ruppert: Der Großteil kommt aus aktuellem Anlass. Beispielsweise steht eine Operation bevor, und im Krankenhaus sind die Leute nach einer Patientenverfügung oder Vorsorgevollmacht gefragt worden.

Bei 95 Prozent meiner Fälle sind bei Eheleuten die Frauen die treibende Kraft

Der Autor

Viele sagen, sie seien zu jung, um sich für einen Ernstfall zu wappnen. Kann man sich für eine Patientenverfügung oder Vorsorgevollmacht zu jung fühlen?

Ruppert: Sicher ist es so, dass die Wahrscheinlichkeit statistisch gesehen mit fortschreitendem Alter gewaltig zunimmt, dass man eine Vollmacht benötigt. Ich erlebe aber auch viele junge Menschen, die sich für ihre Eltern damit befassen. Oft kommen ganze Familien zu mir. Wenn ich dann den Eltern erkläre, warum das ganz hilfreich sein kann, sagen sich deren Kinder: Das machen wir auch.

Laut Gesetz kann man als 18-Jähriger Verfügung und Vollmacht auf den Weg bringen. Sollte es vielleicht sogar Pflicht sein?

Ruppert: Das würde für mich zu weit gehen. Es wird viel über die Themen aufgeklärt, man sollte sich freiwillig entscheiden können.

Welche Schlüsselmomente gibt es noch?

Ruppert: Dass nicht einfach der Ehepartner oder das Kind entscheiden kann, ist meistens die erste Überraschung. Im besten Fall führt es dazu, dass man sich um Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht kümmert. Manche kommen auch, weil sie in der Bekanntschaft mitbekommen haben, was passiert, wenn nicht der Partner entscheiden darf.

Nämlich?

Ruppert: Dann wird ein Betreuer eingesetzt. Das ist ein riesiger Aufwand. Der muss Unmengen an Formularen ausfüllen und jährlich berichten. Das ist manchmal schon Anlass genug, sich mit einer Vollmacht abzusichern.

Wird der Berater auch eingesetzt, wenn der Bevollmächtigter aus welchen Gründen auch immer nicht entscheidungsfähig ist?

Ruppert: Eine gute Vorsorgevollmacht hat immer einen Vertreter für den Fall, dass der Bevollmächtigte verhindert ist 

Ist es also immer eine Gemeinschaftsaktion?

Ruppert: Bei 95 Prozent meiner Fälle sind bei Eheleuten die Frauen die treibende Kraft. Der Mann sagt, dass sich das doch alles von selbst regelt. Die Frau kümmert sich dann.

Die Wenigsten wissen, an was man alles denken muss und sind dann mit den Formularen überfordert

Der Autor

Was sind die größten Irrtümer in Sachen Vollmacht?

Ruppert: Wenn Menschen mehrere Bevollmächtigte einsetzen wollen, um von ihren Kindern niemanden zu benachteiligen. Aber die müssen sich dann im Ernstfall alle einig sein. Eine Frau hat mehrere Jahre im Koma gelegen, weil sich Ehemann und Sohn nicht einig über die Vorgehensweise waren. Es macht höchstens Sinn, die Vollmächte thematisch aufzuteilen. 

Haben Sie oft mit mitgebrachtem Halbwissen aus dem Internet zu kämpfen?

Ruppert: Durchaus. Manche kommen mit selbst formulierten Dokumenten. Das macht aber wenig Sinn. Die Wenigsten wissen, an was man alles denken muss und sind dann mit den Formularen überfordert. 

Eine Bevollmächtigung beschränkt sich ja nicht nur auf medizinische Fragen. 

Ruppert: Nein, es geht auch darum, Bankgeschäfte abzuwickeln oder Verträge zu kündigen oder abzuschließen. In von uns beratenen Patientenverfügungen haben wir zum Beispiel eine Demenz-Klausel eingebaut.

Was ist in dieser Klausel festgelegt?

Ruppert: Dass der Betreffende bei einer Demenz-Erkrankung ins Heim möchte wenn er, sein Umfeld und seinen sorgenden Ehepartner nicht mehr erkennt. Ob es dann so kommt, ist eine andere Frage. Aber man hat unter den Eheleuten darüber gesprochen, was geschehen soll. Da sehe ich meine Aufgabe: als Berater mit meinen Mandanten diese schwierigen Fragen anzusprechen. Hat man darüber gesprochen, hat man auch das gute Gefühl, gewappnet zu sein.

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