12. Dezember 2018, 17:00 Uhr

Inklusives Wohnen

Oekogeno-Projekt im Kloster: Ein Dorf im Dorf

Es war Zufall. Eigentlich wollte die Genossenschaft Oekogeno in Frankfurt bauen. Doch Regionalleiter Joerg Weber kam an den seit 20 Jahren leer stehenden Gutshöfen am Ilbenstädter Kloster vorbei. Der perfekte Ort für ein inklusives Wohnprojekt.
12. Dezember 2018, 17:00 Uhr

In die alte Schmiede kommt ein Café. Vielleicht auch eine kleine Weinstube. Vorne, unter dem Kastanienbaum, können Gäste sitzen. Und hinten auf der großen Grünfläche, die einst Klostergarten war, sollen Obst, Gemüse und Kräuter wachsen. Joerg Weber erzählt begeistert von den Plänen, davon, was alles gemacht werden muss. »Dieses Gebäude«, er deutet auf die alte Scheune, »wird bis Weihnachten abgerissen.«

Joerg Weber ist der Regionalleiter der Oekogeno-Genossenschaft und betreut das Projekt in Ilbenstadt.	(Fotos: Nici Merz)
Joerg Weber ist der Regionalleiter der Oekogeno-Genossenschaft und betreut das Projekt in ...

Noch sieht nichts danach aus, dass schon in zwei, drei Jahren viele Menschen auf dem Gutshof in Ilbenstadt wohnen werden. Die Gebäude sind alt. Innen riecht es muffig, im Garten liegt tonnenweise Bauschutt. Die Zeit des jahrelangen Leerstands ist dem Anwesen neben dem Kloster anzusehen. Hier ein modernes inklusives Wohnprojekt? Kaum vorstellbar. Und doch: Die Zahl der Interessenten liegt bereits bei rund 140, erzählt Weber. Er ist Regionalleiter der Genossenschaft Oekogeno, die in Baden-Württemberg schon einige inklusive Mehrgenerationenwohnprojekte umgesetzt hat. Nun steht das erste in Hessen an. Konkret bedeute inklusives Mehrgenerationenprojekt, dass bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden soll, »in dem Menschen mit und ohne Handicap, Senioren und Familien zusammenleben« – es solle sowohl die Möglichkeit geben, eine Wohnung zu mieten als auch in einer Wohngemeinschaft zu leben.

Pläne, die zeigen, wie das aussehen soll, gibt es schon. Alt und neu werden verbunden; die ehemalige Schmiede wird saniert, daran wird ein Neubau angeschlossen – mit Flachdach; »sonst sieht man die Basilika vom Dorf aus nicht mehr«. Unter das Haus kommt eine Tiefagrage. Geplant sind an die 25 Wohnungen; die Bewohner werden keine Mieter, sondern Nutzer sein, erklärt Weber. »Jeder, der hier wohnt, ist Mitglied in der Genossenschaft« – das bedeute auch, zum Einzug müsse eine zinslose Einlage gezahlt werden (es soll auch Unterstützungsmöglichkeiten geben), ein Betrag voraussichtlich zwischen 10 000 und 30 000 Euro, der aber beim Auszug wieder zurückgezahlt werden.

 

Verdichten, statt Acker bebauen

 

An das Thema Auszug denkt Joerg Weber aber noch gar nicht. Im Gegenteil. Zumal es noch viele Ideen gibt. Der Garten zum Beispiel. Die ein Hektar große Fläche ist umgeben von der zum Teil noch aus dem 11. Jahrhundert stammenden Klostermauer. »Wir versuchen, den Garten so aufzubauen, wie er im 18. Jahrhundert war«, sagt Weber – damals führte ein kleiner Rundweg hindurch. So soll es wieder werden – damit auch die Ilbenstädter das Areal für Spaziergänge nutzen könnten. Zudem sollen sich die Bewohner teilweise selbst versorgen, deswegen die Idee, Gemüse und Obst anzubauen.

Ein Treffpunkt – sowohl für Bewohner als auch für Ilbenstädter – soll vor allem der Hof sein. Das Tor, das zurzeit geschlossen ist, wird allen offen stehen. »Wir wollen nicht abgeschlossen hier auf dem Hügel leben und als Kommune abgestempelt werden.« Nein, das Anwesen stellt sich Weber eher als »Dorf im Dorf« vor. Damit werde auch ein Grundsatz von Oekogeno umgesetzt: »Wir zeigen damit, wie man mitten im Ort bauen kann, statt immer mehr Äcker zuzubauen.«

Für die Genossenschaft ist diese Bauart Neuland. Überhaupt, dass ein Vorhaben in Hessen umgesetzt wird. Oekogeno sitzt in Freiburg und geht zurück auf die Gründung der genossenschaftlichen Ökobank in den 80ern (siehe Kasten). Wegen der hessischen Wurzeln wollte Oekogeno ein Projekt um Frankfurt initiieren – fand aber keinen geeigneten Standort. Dann kam Joerg Weber ins Spiel, der seit einiger Zeit in Assenheim lebt, und der bei der Genossenschaft den alten Gutshof zur Sprache brachte. Wenig später, im Oktober 2017, kaufte Oekogeno das Anwesen vom Land. Die Planungen haben begonnen, kommenden Januar soll der Bauantrag gestellt werden. Vorerst hat die Wohnfläche Priorität. Wenn erst einmal Bewohner eingezogen sind, soll aber auch das Pächterhaus (das Gebäude zur Straße hin) in Angriff genommen werden. Weber kann sich vorstellen, dort Hospizplätze einzurichten oder eine Tagespflege. »Theoretisch kann jemand hierher ziehen und bis zu seinem Tod bleiben.«

Grafik: Oekogeno

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