06. Dezember 2018, 17:00 Uhr

Elterntaxi

Neue Strategie gegen Elterntaxis an der Degerfeldschule

Immer mehr Eltern fahren ihre Kinder direkt vor das Schultor und gefährden damit andere. So war es auch jahrelang an der Degerfeldschule in Butzbach. Dort geht man inzwischen mit neuen Strategien gegen sogenannte Elterntaxis vor – ohne Verbote und Strafen. Ein Ideal ist aber nicht mehr umzusetzen.
06. Dezember 2018, 17:00 Uhr
An der Degerfeldschule in Butzbach versucht man zu verhindern, dass immer mehr Eltern ihre Kinder mit dem Auto direkt bis vor die Schule fahren. (Fotos: dpa)

In kleinen Gruppen laufen Grundschüler an einem frühen Herbstmorgen die Astrid-Lindgren-Straße in Butzbach hinunter. Viele Kleine noch an der Hand eines Elternteils. Nur vereinzelt fährt ein Auto in die Sackgasse hinein, an deren Ende die Degerfeldschule liegt. »Früher war das hier echt heftig, da stand alles mit Autos zu und die Kinder kamen kaum durch«, erzählt Mutter Sarah Pellny. Mit ihrer heute elfjährigen Tochter hatte sie miterlebt, welches Chaos sogenannte »Elterntaxis« vor Schulen anrichten können. Seit der Einschulung ihres Sohnes im Sommer sei aber alles anders.

Seit Jahren beklagen Pädagogen, Ärzte, Polizei und Politik, dass immer mehr Eltern ihre Kinder mit dem Auto zur Schule fahren. Der Helikopter-Papa oder die Mama, die ihren Nachwuchs mit dem Wagen bis fast auf den Schulhof fahren und gleichzeitig im Bio-Markt einkaufen, sind zum Sinnbild geworden für einen egoistischen und heuchlerischen Umgang mit Umwelt und Gesellschaft. Doch so einfach ist es aus Expertensicht nicht: Um nachhaltige Lösungen zu finden, müsse man das Problem differenziert und ohne erhobenen Zeigefinger betrachten.

»Wir beobachten, dass immer mehr Eltern ihre Kinder mit dem Auto zur Schule bringen «, sagt ein Sprecher des hessischen Kultusministeriums. Das Land plädiere dafür, dass bereits Erstklässler möglichst eigenständig zur Schule gehen. »Das Thema Elterntaxis wird uns noch viele Jahre erhalten bleiben«, sagt der Leiter der Geschäftsstelle der Landesverkehrswacht in Hessen, Thomas Conrad.

 

Lange Wege und großer Zeitdruck

»Es gibt keinen einzigen Vorteil von Elterntaxis«, sagt auch die Sprecherin des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Hessen, Barbara Mühlfeld. Jede Art von Bewegung im Alltag sei für Kinder wichtig, auch für die Sozialkompetenz und das Selbstbewusstsein. »Kinder brauchen Freiräume, in denen sie sich selbstständig bewegen können.« Durch den wachsenden Autoverkehr nähmen auch Atemwegsinfekte zu und dauerten länger, so die Ärztin.

Doch Ansätze wie Strafzettel oder Aufklärungskampagnen für Eltern bringen aus Expertensicht wenig. Das Ideal, dass die Mehrheit der Kinder so wie früher zur Schule laufe, sei heute nicht mehr umzusetzen, sagt Conrad. »Es geht einfach in vielen Fällen heute nicht mehr anders als zu fahren.« Als Beispiele nennt er lange Wege, gefährliche Kreuzungen oder Eltern unter Zeitdruck.

Dazu gehören auch Jenny Mott und ihre Tochter Zoe. »Sie hätte einen zwei Kilometer langen Schulweg und müsste am Gefängnis vorbei, das möchte ich in der ersten Klasse nicht«, sagt die Mutter. Da sie kurz nach Schulbeginn bei der Arbeit sein müsse, würde sie es zeitlich nicht schaffen, mit ihrer Tochter hin- und zurückzulaufen. Auch Sarah Pellny hat ihren Sohn den größten Teil des Wegs mit dem Auto gefahren. Doch statt direkt vor das Schultor zu fahren, parken beide in einer extra eingerichteten Hol- und Bringzone mehrere Hundert Meter entfernt – Teil des neuen Konzeptes der Schule.

 

 

Fußstapfen zeigen Weg zur Schule

»Elterntaxis gibt es nach wie vor. Der Verkehr verlagert sich jedoch ein Stück von der Schule weg. Es herrscht keine so konzentrierte, chaotische Situation in Schulnähe mehr«, fasst die Schulleiterin der Degerfeldschule, Cornelia Jüttner-Tunkowski, ihre Erfahrungen zusammen. Sie begann Anfang 2018 mit der Planung des neuen Konzepts, ab den Sommerferien startete es dann mit zwei Hol- und Bringzonen. Rote Fußstapfen auf dem Gehweg zeigen den Kindern den Weg zur Schule, Eltern haben eine »Parkkarte« bekommen, und Kinder können Punkte für ihre Klasse sammeln.

»Es war entscheidend, alle miteinzubeziehen«, sagt die Schulleiterin. Glücklicherweise habe sie weder beim Kollegium noch bei Ämtern oder dem Bürgermeister Überzeugungsarbeit leisten müssen. Laufen sei plötzlich »cool«, Kinder täten sich teils selbstorganisiert in Gruppen zusammen. »Alles mit dem Auto zu machen ist inzwischen gesellschaftlich angekratzt, da tut sich was.«

 

Drei-Säulen-Modell

Urheber des neuen Konzeptes an der Degerfeldschule ist unter anderem der Verkehrswissenschaftler Jens Leven aus Wuppertal. Er hat ein Drei-Säulen-Modell entwickelt. Nach seiner Erfahrung fürchteten viele Eltern um die Sicherheit ihrer Kinder. Neben der Gefahr eines Übergriffs gebe es auf den meisten Schulwegen klar definierbare Sicherheitsmängel. Erst wenn diese behoben seien, steige die Bereitschaft, zu laufen. Die zweite Säule sind die Hol- und Bringzonen einige Hundert Meter von der Schule entfernt. Diese können Eltern ohne schlechtes Gewissen ansteuern. Als dritte Säule will Leven die Kinder mit verschiedenen Aktionen motivieren, gar nicht erst ins Auto zu steigen. Ärger vom Nachwuchs funktioniere besser, als wenn das Ordnungsamt schimpfe.

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