14. Juni 2018, 14:00 Uhr

Displaced Persons

Nach dem KZ Erholung in Bad Nauheim

Nach 1933 verschwand die jüdische Gemeinde Bad Nauheim. Diese Bürger wurden vertrieben, deportiert, umgebracht. Trotzdem lebten hier bald nach Kriegsende tausend Juden. Wie das?
14. Juni 2018, 14:00 Uhr
In der Karlstraße 28 hat einst das jüdische Hotel Flörsheim existiert. Nach dem Krieg werden hier Displaced Persons wie Mendel Gutt einquartiert. (Fotos: Nici Merz/Stadtarchiv, pv)

Nach Kriegsende 1945 lebten in der Kleinstadt Bad Nauheim (rund 10 000 Bewohner) bis zu 1000 Menschen jüdischen Glaubens. Diese Zahl nennt Stephan Kolb, Experte für die Geschichte der Juden in der Kurstadt. Zum einen gab es in der US-Armee, die Ende März eingerückt war, viele jüdische Soldaten. Doch die größte Gruppe der Juden waren Displaced Persons, Überlebende aus Arbeitslagern und KZs.

Sie irrten durchs Land und kamen auch deshalb nach Bad Nauheim, weil hier eine halbwegs intakte Synagoge stand, in der am 27. April 1945 der erste Gottesdienst seit 1938 gefeiert wurde. Zudem wurden Juden – vor allem Kinder und Jugendliche – gut versorgt und auf die Ausreise nach Israel oder in die USA vorbereitet (siehe weiteren Artikel).

Leben auf den Kopf gestellt

Zu diesen Displaced Persons gehörte der Pole Mendel Gutt. Er schilderte in einer Schriftenreihe der KZ-Gedenkstätte Vaihingen (Baden-Württemberg) eindrucksvoll, was er nach 1939 erlebt hat. Nach Recherchen von Stadtarchivarin Brigitte Faatz hielt sich Gutt etwa dreieinhalb Jahre in Bad Nauheim auf.

Mendel Gutt wächst behütet in einer Kleinstadt bei Warschau auf. Sein Vater betreibt eine Mühle, die Mutter kümmert sich um die drei Kinder. Im Alter von zehn wird sein Leben auf den Kopf gestellt. Nach dem Überfall der Deutschen auf Polen werden Juden enteignet, Kinder dürfen nicht mehr zur Schule gehen. 1941 landet die Familie im Warschauer Ghetto.

Ganze Familie ermordet

»Manchmal denke ich, dass ich gestorben und in einer anderen Welt wieder aufgewacht bin, weil das so unbeschreiblich ist, was die Deutschen mit uns gemacht haben«, schreibt Gutt in seinem 2001 verfassten Bericht »Als alles anfing, war ich zehn«. Die Ghetto-Bewohner wissen, was ihnen in Treblinka droht. Ihr blondes Nesthäkchen Mendel, das als nicht-jüdischer Pole durchgeht, schickt die Mutter fort. Monate später werden Eltern und Schwester im KZ ermordet. Der Bruder wird später ebenfalls umgebracht.

Der 12-jährige Mendel flieht aus dem Ghetto, wird aufgegriffen und für Bauarbeiten eingesetzt. Er flüchtet erneut, schlägt sich 18 Monate durch, lebt in Wäldern, schlüpft in Dörfern unter. Im Winter 1942/43 hält er Hunger und Kälte nicht länger aus. Der 14-Jährige schleicht sich ins Ghetto Radom, lebt mit Papieren eines Verstorbenen. Später kommt der Junge in ein Arbeitslager und im Juli 1944 nach Auschwitz, wo ihn der berüchtigte KZ-Arzt Mengele nicht ins Gas schickt.

Von Bürgermeister-Frau bekocht

Da die Sowjetarmee näher rückt, werden die Gefangenen bald in Waggons gepfercht und nach Süddeutschland gefahren. Gutt landet im Lager Bietigheim, wo er durch einen Kolbenhieb schwer verletzt und auf einem Auge blind wird. Nächste Stationen sind Vaihingen und Hessental, Gutt tritt den Todesmarsch nach Dachau an. Nächstes Ziel ist Tirol, unterwegs wird er befreit.

Als sich der 15-Jährige erholt hat, will er Angehörige suchen. Im ehemaligen KZ Bergen-Belsen gibt es Auskünfte. Doch der Güterzug Richtung Norden bleibt im Oktober 1945 in Bad Nauheim stehen. Mendel und seine Freunde besuchen Bürgermeister Adolf Bräutigam. Er lädt die Jungs ein, sie werden von seiner Frau bekocht. »Es war himmlisch«, blickt Gutt 2001 zurück. Bräutigam, der sie kurz darauf bei einem Ehepaar und dann im früheren jüdischen Hotel Flörsheim (Karlstraße 28) unterbringt, erscheint ihm wie ein »Engel«. Eines Tages erfährt der Pole in Bergen-Belsen vom Tod seiner Familie.

Über Berlin nach Mannheim

1947 oder 1948 besucht er das US-Auswanderungslager in Frankfurt. Für den 18-Jährigen ein Tiefschlag. Weil er auf einem Auge blind ist, wird sein Antrag abgelehnt. »Ich habe vor Wut und Enttäuschung geheult, musste zurück nach Bad Nauheim.« Wie laut Stadtarchivarin Faatz aus der Meldekartei hervorgeht, lebt Mendel Gutt bis 1949 in der Frankfurter Straße 65 und 58.

Wann er geht, ist nicht bekannt. Er zieht nach Berlin, dann nach Mannheim, betreibt ein Tanzlokal. Dort verstirbt Mendel Gutt am 5. Dezember 2004. In seinem Bericht heißt es: »Die meiste Zeit meines Lebens habe ich in Deutschland verbracht – ohne dass ich dies gewollt hätte. Aber ich hatte keine andere Wahl.«

 

Infokasten

Versorgung hat höchste Priorität

Die Stadtverwaltung Bad Nauheim, der neue Bürgermeister Adolf Bräutigam sowie die Stadträte Josef Mangold und Robert Wiedermann hatten ab April 1945 alle Hände voll zu tun, um Displaced Persons wie Mendel Gutt unterzubringen und zu versorgen. Das hatte laut Stadtarchivarin Brigitte Faatz höchste Priorität. Falls ehemalige NSDAP-Mitglieder nicht »freiwillig« spendeten, wurde bei ihnen beschlagnahmt. Ab Juni 1947 kümmerte sich die Organisation UNRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration) in den Häusern Frankfurter Straße 58, 65 und 103 (ehemaliges Israelitisches Männerkurheim, Frauenkurheim und jüdische Bezirksschule) um oft traumatisierte Kinder und Jugendliche, die KZ und Arbeitslager überlebt hatten. Sie wurden auf die Auswanderung nach Israel oder in die USA vorbereitet. (bk)

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