12. November 2018, 20:08 Uhr

Musik wie ein Gebet

12. November 2018, 20:08 Uhr
Sie spielt alles auswendig, ohne große Geste, aber mit wachen Augen: Die »Queen of Klezmer« Irith Gabriely. (Foto: hms)

Zwei Königinnen treffen sich: die eine altersschwach und etwas zickig, die andere quicklebendig und von natürlicher Eleganz. Doch die ›Königin der Instrumente‹ erblühte geradezu unter dem Spiel von Kantor Frank Scheffler, als die »Königin des Klezmer«, Irith Gabriely, sie zum Tanz bat. Von Bach und Mozart bis Swing und Klezmer labten sie ihre Gäste mit den ergreifendsten und fröhlichsten Klängen. Es war ein Konzert der feinen Schwingungen, das in einem langen stehenden Applaus endete.

Zu Bachs Zeiten war die Klarinette noch nicht spielfertig entwickelt, folglich gab es keine Kompositionen dafür. Daher klang seine dreisätzige temperamentvolle Sonate g-Moll zunächst etwas exotisch. Doch das Publikum war sofort umhüllt von Gabrielys hautnah erfahrbarer einschmeichelnden Dynamik und Tonwärme, als sie spielend durch den Mittelgang schritt. Darüber wölbte sich in der großartigen Akustik der Dankeskirche der Orgelklang zu einem göttlichen Dialog der Instrumente. Das berühmte Adagio aus Mozarts Klarinettenkonzert A-Dur rührte so manche Besucher zu Tränen. Auf die Distanz von Orgelempore und Kirchenschiff eine perfekte Harmonie zu schaffen, zeichnet die beiden großen Künstler aus.

Eine ganz andere Ebene zeigte die gefühlvolle Interpretation der Bach-Arie »Wohl mir, dass ich Jesum habe« auf: Lebendiger kann der christlich-jüdische Dialog nicht sein, als in der Begegnung des tiefgläubigen Lutheraners Bach mit der Jüdin Irith in einer christlichen Kirche. Sie wollte an diesem denkwürdigen 10. November lieber in die Zukunft als zurückblicken. »Christen, Juden und Muslime leben in der Verflechtung der Kulturen und in Frieden miteinander – wie schön wäre das?« fragte sie. Und fügte mit dem ihr eigenen Mutterwitz an: »Dann hätten wir Freitag, Samstag und Sonntag frei.« Das Gedenken verband die weltweit bekannte Musikerin und Komponistin mit dem swingenden Song »Susi« von Erwin Schulhoff. Der »Vergessene Komponist« starb 1942 im Konzentrationslager. Dazu griff Gabriely zu ihrem C-Saxofon, Baujahr 1923. Auch dies ungewöhnlich aber spannend: Ein Adagio von Corelli mit Saxofon.

Netzwerk Deutsche Orgelstraße

Und noch etwas begeisterte an der großen Künstlerin von kleiner Statur: Sie spielt alles auswendig, ohne große Geste, aber mit wachen Augen, die in jedem Moment die Zuhörenden einfangen und die Musik in ihnen wachsen lassen. Das galt für Klassik wie für Klezmer, wo sie ihrem Temperament freien Lauf ließ, Geschichten erzählte oder der Melancholie Raum gab. Frank Scheffler bereitete dem Publikum mit der virtuosen Bach-Fantasie G-Dur für Orgel Solo eine große Freude. Die Orgel war gnädig und muckte nur einmal auf.

Scheffler erinnerte jedoch daran, dass für den Neubau der großen Orgel in der Dankeskirche zwar schon 170 000 Euro Spendengelder vorhanden seien, aber noch viel nötig sei. Zu Beginn des Konzerts hatte er die Urkunde zur Mitgliedschaft im Netzwerk Deutsche Orgelstraße in Empfang genommen.

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