Mordfall Johanna Bohnacker

Mordfall Johanna Bohnacker: Erleichterung in Bobenhausen - die Erinnerungen bleiben für immer

18 Jahre bestimmte der unaufgeklärte Mord an Johanna Bohnacker das Leben in Bobenhausen. Nach der Festnahme des mutmaßlichen Täters ist Erleichterung spürbar. Ein Ortsbesuch:
26. Oktober 2017, 18:19 Uhr
An dieser Stelle stand das Haus der Familie Bohnacker. (Foto: sax)

Das Jahr 2017 geht seinem Ende entgegen. Auch in diesem Jahr gab es Triumphe, Tragödien, Unglaubliches und Unvergessliches. Der Streifzug blickt auf die pärgenden Momente in der Wetterau zurück.
Heute: Im Mordfall Johanna Bohnacker kommen die Ermittler dem Täter auf die Spur.

Gepflegte Einfamilien- und Fachwerkhäuser prägen die Ortsmitte von Bobenhausen. Dazwischen führen einige Betonstufen in ein Gestrüpp, das einmal ein Garten war. Ein Hoftor aus Stahlprofilen in der Klinkermauer daneben ist der letzte Hinweis auf das Wohnhaus der Familie Bohnacker, das hier früher stand. Das Schicksal des Hauses, das verfiel und schließlich abgerissen wurde, ist ein Sinnbild für die Folgen, die der Mord an ihrer Tochter für die Familie hatte.


Wie das verfallende Haus und das zuwuchernde Grundstück, war auch der ungeklärte Mordfall eine Wunde im Dorfleben. Mit seiner Familie wohnt Ortsvorsteher Armin Dechert schräg gegenüber des ehemaligen Hauses der Familie Bohnacker. Seine Tochter, die ein Jahr vor Johanna geboren wurde, habe auch manchmal mit ihr gespielt. »Man hat die Kinder gerade in die Selbständigkeit geführt, das war alles wieder vorbei«, erinnert sich an die direkte Auswirkung des Verbrechens und der damit verbundenen Ängste auf Bobenhausen.
 

+++ Mordfall Johanna Bohnacker: Chronologie der Ereignisse +++

 

Ich bin erleichtert, dass es niemand aus dem Umfeld von uns allen war

Cäcilia Reichert-Dietzel


    

In der Nähe des Sportplatzes wurde Johanna gewaltsam verschleppt.	(Foto: sax)
In der Nähe des Sportplatzes wurde Johanna gewaltsam verschleppt. (Foto: sax)


Misstrauen gesät

Wenn er über den Tag, an dem Johanna Bohnacker verschwand spricht, scheint es, als wäre es gestern geschehen, so lebendig sind die Ereignisse in seiner Erinnerung. Er weiß noch genau, wie er von dem Fußballplatz, den Johanna nicht mehr erreicht hat, nach dem Spiel nach Hause kam, um als Presswart des KSV Bobenhausen den Bericht für die Zeitung zu schreiben. Als er das Polizeiauto auf der anderen Straßenseite bemerkte, habe er sich keine großen Gedanken gemacht.
 

+++ Mordfall Johanna B.: Die schwierige Suche nach der Wahrheit +++


Dann heulte die Feuerwehrsirene. »Da ist langsam durchgesickert, die Johanna Bohnacker wird gesucht.« Drei Tage dauerte die Suche nach dem Kind an, bei der ihr Fahrrad gefunden wurde. Dechert lobt den guten Zusammenhalt der Bürger, die bei der Suche geholfen oder die Suchmannschaften unterstützt hatten. Sogar Taucher wurden eingesetzt um Fischteiche abzusuchen.

 


Kritik am Boulevard

So positiv der Ortsvorsteher die Hilfe der Bobenhäuser beschreibt, so deutlich ist seine Kritik an den Boulevardmedien. Mit einer Schlagzeile, die pauschal und ohne Grundlage Nachbarn in Verdacht brachte, habe eine Zeitung Misstrauen unter den Bürgern gesät. Reporter der »Bild«-Zeitung hätten stundenlang im Auto gegenüber dem Haus der Bohnackers gesessen und auf Sensationen gelauert. Kinder seien auf dem Schulhof von Journalisten angesprochen worden.

 

+++ Mordfall Johanna Bohnacker: Das brachte die Ermittler auf die Spur +++

  

 

Ansehen in Mitleidenschaft gezogen

Walter Bauer ist froh, dass der Mord an Johanna offenbar aufgeklärt ist. »Der Fall hat das Ansehen des Ortes schwer in Mitleidenschaft gezogen«, sagt der Ehrenortsvorsteher von Bobenhausen. Auch 18 Jahre danach belaste die Tat den Ort noch immer. Von 1979 bis 2001 war Bauer der Sprecher des 500 Einwohner kleinen Ortsteils von Ranstadt. Als die Polizei Ende 2002 einen Massentest durchführte, war er es, der seine aufgebrachten Mitbürger beschwichtigte, deren Emotionen gerade hochkochten. Denn der Grund für diesen ersten Massentest war die Vermutung, dass Johannas Mörder aus Bobenhausen oder dem zwei Kilometer entfernten Bellmuth komme. »Die Bevölkerung hat sich schwer angegriffen gefühlt«, erinnert sich Bauer.

 

 

 
Fotostrecke: PK zur Festnahme im Mordfall Johanna Bohnacker




Dieser Verdacht ist jetzt endgültig aus der Welt geräumt. »Dass es nun tatsächlich zu einem Erfolg gekommen ist, nach so vielen Jahren, ist überraschend«, sagt Bauer. Er hoffe, dass die Ermittlungen noch Genaueres über die Tat und die Hintergründe zu Tage fördern werden.


Jeder kannte die Bohnackers

»Das Kind ist hier begraben, die Familie ist schon lange weggezogen«, berichtet Bauer. Natürlich kannte er die Bohnackers persönlich, »hier kennt jeder jeden«. Johanna hatte eine Schwester. »Das waren sehr lebhafte Kinder«, erinnert sich Bauer. »Durch den Gartenzaun habe ich miterlebt, wie die beiden fröhlich herumgesprungen sind.«
Cäcilia Reichert-Dietzel ist in Gedanken bei Johannas Mutter. Die Bürgermeisterin von Ranstadt hat selbst Kinder. »Man fühlt mit, auch wenn man es natürlich nicht nachempfinden kann.« Auch an Johannas Vater muss sie denken. »Es tut mir leid, dass er nicht mehr mitbekommen hat, dass wir nun hoffentlich wissen, wer der Täter war.« Richard Bohnacker starb 2017.

 

 

An ihrer Schule wurde für Johanna ein Baum gepflanzt. (Foto: sax)
An ihrer Schule wurde für Johanna ein Baum gepflanzt. (Foto: sax)




Die Nachricht, dass ein Tatverdächtiger festgenommen wurde, erreichte Reichert-Dietzel am Mittwochabend. »Zuerst war ich erschrocken – und dann erleichtert.« Erleichtert, dass in Deutschland ein solches Verbrechen jahrelang verfolgt werde, sagt die Juristin. Erleichtert, »dass es niemand aus dem Umfeld von uns allen war«, sagt die Bürgermeisterin. Erleichtert, weil »diese lange Schockstarre« nun vorbei sei. Es habe keine Ortsbeiratssitzung gegeben, in welcher der Mordfall Johanna nicht zur Sprache gekommen sei, erzählt Reichert-Dietzel. Vor allem, wenn es um das Thema Sicherheit ging.
 

+++ Mordfall Johanna Bohnacker: Akte nie geschlossen +++


Ungewissheit vorbei

Nun sei die Ungewissheit vorbei. »Das bringt uns Johanna nicht wieder. Die Wut und die Trauer gehen nicht weg.« Doch nun könne ein neuer Abschnitt der Bewältigung und Verarbeitung beginnen. Reichert-Dietzel denkt dabei auch an die Feuerwehrleute und die anderen ehrenamtlichen Helfer, die nach Johannas Verschwinden tagelang bei der Suche halfen, »ununterbrochen«. Sie seien immer noch schockiert gewesen, dass man den Täter bislang nicht gefasst habe. Deren erste Redaktion nun sei gewesen »Gott sei dank«, berichtet Reichert-Dietzel, die mit einem von ihnen zusammensaß, als man den mutmaßlichen Täter präsentierte. Sofort kam die Erinnerung an 1999 wieder hoch. Der Mann habe erzählt, wie damals die Hoffnung, das Mädchen lebend zu finden, allmählich der Erkenntnis wich, dass dem nicht so sein wird.
 

Johanna und ihre Schwester, das waren sehr lebhafte Kinder

Walter Bauer


»Es sind so viele Gedanken, die einem durch den Kopf kreisen«, sagt Reichert-Dietzel. So auch die Frage nach dem Grund. »Warum tun Menschen so etwas?« Darauf werden sicher die Ermittler noch Antworten liefern. Auch wenn sie nicht befriedigend sein dürften.

Täter, Familie, Mitbürger – in Ranstadt sind die Menschen jetzt in Gedanken aber auch bei Johanna. Sie sprechen darüber, wie alt sie jetzt wäre und wie sie ihr Leben wohl gestaltet hätte – wenn sie eine Chance dazu gehabt hätte.

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