Lange nicht mehr hat eine Veranstaltung im Bibliothekszentrum Klosterbau so viele Besucher gesehen wie am Dienstagabend. Über hundert Menschen kamen zur vom Internationalen Zentrum Friedberg (IZF) veranstalteten »Lesung für Demokratie und Pressefreiheit«. Gelesen wurde aus dem Buch »Wir sind ja nicht zum Spaß hier« des fast ein Jahr lang wegen angeblichem Terrorismus in einem türkischen Gefängnis inhaftierten deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel. Yücels Buch versammelt Zeitungsartikel aus »taz« und »Welt«, enthält aber auch Tagebuchaufzeichnungen aus Yücels Haftzeit unter dem Titel »Damit wir nicht die Wolken berühren«.

Die Frankfurter Studentin Elif Mencoglu trug Texte vor, in denen sich Yücel mit dem Aufstieg des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan zum Quasi-Diktator in den vergangenen vier Jahren befasst. Als charismatischer Herrscher instrumentalisiert und degradiert Erdogan, so Yücel, den Islam zur Herrschaftslegitimation und beschwört im Namen der »nationalen Einheit« eine »Wiedergeburt« der Türkei. Wer diesem »neo-osmanischen« Kurs nicht bedingungslos folge, werde als »Terrorist« verleumdet; viele wurden, meist ohne offizielle Anklage, inhaftiert.

Es sei, so Yücel, zu einfach, Erdogans Wähler pauschal als ungebildete Hinterwäldler zu bezeichnen. So stimmten bei der von ihm inszenierten Volksabstimmung zur Verlängerung seiner Amtszeit vor zwei Jahren 63 Prozent der in Deutschland lebenden wahlberechtigten Türken für Erdogan, während es in der Türkei selbst nur wenig mehr als 50 Prozent waren. Erdogans einige Jahre erfolgreiche Strategie, durch prestigeträchtige Großprojekte wie den Istanbuler Flughafen Loyalität zu erkaufen, habe Schiffbruch erlitten, schreibt Yücel. Die türkische Lira befinde sich im Sinkflug. Deutliche Kritik übt Yücel an der Türkeipolitik Angela Merkels und des ehemaligen französischen Staatspräsidenten Sarkozy. Beide hätten die Verhandlungen über den EU-Beitritt der Türkei scheitern lassen und die demokratischen Kräfte in der Türkei geschwächt.

Nach der mit viel Beifall bedachten Lesung Mencoglus berichtete die ebenfalls in Frankfurt studierende Cemile Dincer über die Zustände in türkischen Gefängnissen, die sie mit eigenen Augen im Rahmen ihrer Tätigkeit für eine Gefangenenhilfsorganisation beobachten konnte.

Misshandlungen und Folter

Angesichts von mittlerweile 300 000 Inhaftierten (eine Vervielfachung innerhalb weniger Jahre) herrschten dort katastrophale hygienische Verhältnisse. Misshandlungen bis hin zu Folter seien an der Tagesordnung. Viele Gefangene seien seit Jahren ohne offiziellen Haftbefehl inhaftiert.

Die türkische Justiz sei nach Entlassung der meisten verfassungstreuen Beamten zu einem Willkürapparat und beflissenen Handlanger Erdogans verkommen. Kurdische Inhaftierte sind dem inhumanen Gefängnisregime am direktesten ausgesetzt. Den schwelenden Konflikt mit der türkischen Ditib-Gemeinde sprach IZF-Mitglied Florian Uebelacker an. Man sei weiterhin gesprächsbereit. Angesichts der Entwicklung der Türkei zu einer Diktatur sei nun aber »Schluss mit lustig«: Gespräch und Verständigung ja. Aber nicht zulasten von Minderheiten, Frauen, Presse- und Reisefreiheit, weder in der Türkei noch hier unter uns.«

»Leben bedeutet auch Widerstand gegen Gewalt«: Nach so viel deprimierenden Informationen klang der Abend im Klosterbau mit Dincers Interpretation dreier Lieder zur türkischen Laute aus. Neben einer türkischen Weise erklangen ein kurdisches und ein armenisches Lied. Neben der Beschwörung des Widerstands gegen Unterdrückung ließ die Musik die unzerstörbare Hoffnung auf eine Besserung der Lage aufscheinen.

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