28. Oktober 2017, 09:01 Uhr

Pflegerin klagt an

Kritik an Zuständen im Assenheimer Altenheim

Es sind deprimierende Zustände, die der WZ aus dem Assenheimer »Haus Taunusblick« geschildert werden. Der Betreiber des Seniorenheims spricht von »abstrusen Behauptungen«.
28. Oktober 2017, 09:01 Uhr

Von David Heßler , 7 Kommentare
Symbolfoto: dpa

Bewohner, die sich nachts einnässen, weil Personal fehlt. Die mit Bettbezügen gewaschen werden, weil keine Waschlappen da sind. Die abends kein Brot mehr bekommen, wenn sie Pech haben. Die Vorwürfe wiegen schwer.

Seit das 2013 in Assenheim eröffnete Seniorenheim vor gut einem Jahr von Inter Pares an die Alloheim-Gruppe verkauft wurde, gehe es bergab, sagt die Pflegerin im »Haus Taunusblick«. »Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht.« Sie sei entmutigt, mit den Kräften am Ende. Auch dem Rest des noch vorhandenen Stammpersonals gehe es so. »Wir kämpfen jeden Tag und wollen die Einrichtung nicht aufgeben. Aber ich muss ein Zeichen setzen, dass es so nicht weitergehen kann«. Sie vertraute sich der WZ an.

"Das ist Wahnsinn"

Bernd Hogen aus Burg-Gräfenrode bestätigt die Ausführungen der Angestellten – und erhebt weitere Vorwürfe. »Da betreut eine Pflegekraft 43 Leute im Spätdienst. Das ist Wahnsinn.« Hogens Mutter wohnt im »Haus Taunusblick«; sein Vater starb dort im April. In den vergangenen Wochen hat er sich ein eigenes Bild von den Zuständen gemacht, sei beinahe täglich vor Ort gewesen – zu unterschiedlichen Zeiten. »Da gibt es externe Pfleger, die haben noch nie Nachtdienst gemacht. Die lassen die Leute bis zum Frühdienst im Urin liegen« – vermutlich auch, weil die Zeit fehlt.

Ständige Personalwechsel?

Hauptproblem in der Einrichtung sei die Personalknappheit, sagt Hogen. »Es gibt einen Wechsel ohne Ende. Gute Leute haben unter Tränen gekündigt. Sie haben mir gesagt, sie können so nicht mehr weitermachen.« Anderen werde mit Abmahnung gedroht, wenn sie sich über die Zustände beschwerten.

Im »Haus Taunusblick« in Assenheim soll Einiges im Argen liegen. Angestellte und Angehörige sprechen von Personalknappheit und enormem Kostendruck. 	(Foto: udo)
Im »Haus Taunusblick« in Assenheim soll Einiges im Argen liegen. Angestellte und Angehörig...

»Alle haben Angst um ihre Jobs, deshalb meldet keiner etwas«, sagt die Altenpflegerin, die nach eigener Aussage zuletzt mit ständig wechselndem Führungspersonal zu tun hatte. Es gebe keine Bezugspersonen in der Führungsetage, die Festangestellten seien am Limit, der Krankenstand hoch. »Es mangelt an allem.« Zuletzt sei gar das Essen rationiert worden. »Es gibt nur noch eine Kelle Joghurt pro Patient, abends immer weniger Brot.«

 

Es geht nur um Gewinnmaximierung

Eine frühere Führungskraft
 

 

Auch eine frühere Führungskraft im »Haus Taunusblick« spricht von großen Problemen nach der Übernahme durch Alloheim. Deren Zentrale habe den Übergang so gut wie gar nicht begleitet. »Es geht nur um Gewinnmaximierung. Da wird erst gehandelt, wenn die Behörden hellhörig werden.« Die geäußerten »Hilferufe« der Angestellten hätten in Düsseldorf niemanden interessiert.

Mehrfach habe er die Heimaufsicht kontaktiert, sagt Hogen. Dann gebe es kurzzeitig eine Besserung, die aber nicht lang andauere. Seine Mutter will er trotzdem in der Assenheimer Einrichtung lassen. »Ich habe noch nie gekuscht.«

Alloheim: Vorwürfe sind abstrus

Philipp Koelders von der Regionalleitung der Alloheim-Gruppe, die im Wetteraukreis Altenheime in Rosbach (früher AGO), Bad Vilbel und Nidderau betreibt, spricht gegenüber der WZ von Verleumdungen. »Es ist immer wieder erstaunlich, mit welch abstrusen Geschichten sich offenbar ehemalige oder in der Kündigung befindliche Mitarbeiter an die Presse wenden.« Aus Datenschutzgründen könne er über personelle Um- oder Neubesetzungen keine Auskunft geben – eine Aussage, die rechtlich nicht haltbar ist.

Der Nachtdienst sei exzellent besetzt, es gebe keinen Personalmangel im »Haus Taunusblick«, betont Koelders. Auf die Frage, welcher Personalschlüssel hier zugrundeliegt, antwortet er jedoch nicht. Falsch seien auch die Behauptungen, dass Waschlappen fehlten oder Nahrungsmittel rationiert würden. Das Haus werde ständig intern wie extern kontrolliert. »Man muss wahrscheinlich nur kurz nachdenken, um zu dem Schluss zu kommen, dass hier wohl eine mit dem Arbeitgeber unzufriedene Quelle (...) Schaden anrichten möchte.« Alloheim werde derartige »Verleumdungen« strafrechtlich verfolgen.

Dass früheren Mitarbeitern Rachefeldzüge gegen das Unternehmen unterstellt werden, ist nicht neu. Als sich in Erfurt Ex-Angestellte öffentlich über die Zustände beschwerten, wurden sie von Alloheim als Denunzianten betitelt. Auch anderenorts gab es bereits Beschwerden über Personalnot und Kostendruck. In Ludwigsburg soll sich die Lage gebessert haben; in Simmerath hatte die Heimaufsicht die Einrichtung dicht gemacht.

Info

Ein Spekulationsobjekt?

Als der US-Finanzinvestor Carlyle 2013 das Düsseldorfer Pflegeunternehmen Alloheim kaufte, betrieb dieses 13 Alten- und Pflegeheime. Mittlerweile sind es 165 stationäre Pflegeeinrichtungen, 27 mit Betreutem Wohnen und 17 Ambulante Dienste. Laut FAZ verhandelt Carlyle derzeit mit US-Investmentbanken über den Verkauf, unter anderem mit JP Morgan. Laut Verdi gehört Alloheim »zu den schlechteren Arbeitgebern in der Branche«. Die Gewerkschaft warnt, dass die Altenpflege zunehmend zum Spekulationsobjekt von Finanzinvestoren und Großkonzernen wird. (hed)

 

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