14. April 2019, 06:00 Uhr

Artenvielfalt

Kräuter locken Insekten in Wetterauer Gärten

Blumen sehen nicht nur schön aus, sie dienen Insekten und Vögeln auch als Nahrungsquelle. Frank Uwe Pfuhl vom NABU Wetterau hat Tipps, wie Balkon und Garten zu Orten der Artenvielfalt werden.
14. April 2019, 06:00 Uhr
Wer im Garten oder auf dem Balkon die richtigen Pflanzen setzt, kann Insekten eine wichtige Nahrungsquelle bieten. (Foto: dpa)

Herr Pfuhl, das Artensterben ist derzeit ein großes Thema. Der Kreis legt Blühflächen an, wie kürzlich in Friedberg, und stellt Infotafeln auf. Der NABU sammelt allerorts »blühende Quadratmeter«. Und der Auenverbund Wetterau soll zum Schutz der Artenvielfalt ausgebaut werden. Wer ist denn eigentlich vom Artensterben betroffen?

Frank Uwe Pfuhl: Im Prinzip ist die gesamte Nahrungspyramide betroffen – bis hin zum Menschen. Es gibt kaum noch Blütenpflanzen in der Landschaft, und Gräser kommen nicht mehr zum Aussamen. Damit fehlt vielen Tieren die Nahrungsgrundlage. Die Intensivierung der Landwirtschaft und das Ausbringen von Pestiziden haben viele Insekten vernichtet. Gleichzeitig werden die Äcker immer größer, und es gibt immer weniger Grenzlinien und Grasstreifen. Und wenn, dann werden die schon Anfang Mai gemäht oder gemulcht, bevor die Gräser Samen tragen und die Blütenpflanzen zum Blühen kommen. Viele Vogelarten sind auf die Sämereien von Gräsern angewiesen, Insekten auf den Nektar der Blumen. Vögel ernähren sich und ihre Jungtiere mit Insekten. Alle heimischen Fledermausarten ernähren sich von Insekten, genauso wie die Amphibie. Denen allen fehlt die Nahrung, und das setzt sich in der Nahrungskette fort.

Gibt es dazu Zahlen?

Pfuhl: Es gibt verlässliche Zahlen, dass in den letzten 25 Jahren etwa 75 bis 80 Prozent der Insektenmasse verloren gegangen ist. Das bedeutet auch 70 bis 80 Prozent Nahrungsverluste für alle höheren Arten. Man müsste sich mal vorstellen, was passieren würde, wenn man der Menschheit 75 Prozent der Nahrungsmittel wegnehmen würde. Dann gäbe es eine humanitäre Katastrophe. Im Vogelreich haben wir Verluste von über 50 Prozent. Trotz aller Schutzbemühungen gehen die Zahlen bei den Fledermäusen weiter zurück, und wir haben dramatische Einbrüche bei den Amphibienarten. 2006 haben wir an manchen Krötenzäunen 2000 Kröten über die Straße gebracht, in diesem Jahr waren es nur noch 200. Die Kurve ist weiter fallend. 170 Schmetterlingsarten können hier potenziell vorkommen, heute sieht man vielleicht drei oder vier Arten. Es fehlen Futterpflanzen. Um Nachwuchs zu produzieren, nutzt jede Schmetterlingsart eine bestimmte Pflanze. Der Schwalbenschwanz – der größte heimische Tagfalter – braucht die wilde Möhre. Nur wenn die nicht abgemäht wird, kann sich die Art entwickeln.

Selbst auf dem kleinsten Balkon kann Gutes für Insekten getan werden

Frank Uwe Pfuhl

Was kann man dagegen tun?

Pfuhl: Jeder einzelne kann zu mehr Artenvielfalt beitragen – ob mit einem Balkon, einem kleinen Vorgarten oder einem großen Hausgarten. Der Garten sollte naturnah und mit einheimischen Arten gestaltet sein. Das heißt, am besten keine Rhododendren, Tannen und andere Koniferen pflanzen, sondern Sträucher, wie sie auch hier in der Landschaft wachsen. Das sind zum Beispiel Schneeball, Hartriegel oder die Eberesche. Bei den Stauden und Gräsern sollte man auf artenreiche Blühmischungen zurückgreifen. Sauber gepflegter englische Rasen dagegen trägt nicht zur Artenvielfalt bei.

Im Beet oder im Topf wird Lavendel zur Nahrungsquelle. 	(Foto: dpa)
Im Beet oder im Topf wird Lavendel zur Nahrungsquelle. (Foto: dpa)

Auf einem kleinen Balkon ist kein Platz für eine blühende Wiese. Wie kann ich auch dort etwas für die Artenvielfalt tun?

Pfuhl: Selbst mit dem kleinsten Balkonkasten kann Gutes getan werden. Man kann zum Beispiel mit Gartenkräutern arbeiten. Viele Gartenkräuter haben lange Blühphasen, und die Blüten bieten Nektar und Pollen an. Salbei, Minze oder Rosmarin etwa. Und der Mensch hat auch noch was davon – wenn er die Kräuter beim Kochen verwendet. Artenreiches Saatgut lässt sich entgegen Ihrer Annahme aber auch im Balkonkasten oder in einem Kübel säen. Bei richtiger Pflege und an einem sonnigen Standort kommen auch da 20 bis 30 verschiedene Arten raus.

Und welche Möglichkeiten habe ich bei einem größeren Garten?

Pfuhl: Für eine Hecke eignen sich eben genannte heimische Sträucher. Natürlich darf auch mal eine Forsythie dabei sein – aber nur vereinzelt. Die sieht schön aus, bietet den heimischen Insekten aber nichts. In den Blüten ist kein Nektar, sie sind unfruchtbar, und an den Blättern knabbert noch nicht mal eine Raupe. Ganz im Gegensatz zur Eberesche, die nachweislich den meisten heimischen Insekten und Vögeln Nahrung bietet. An Sträuchern geht alles, was auch draußen in der Natur steht. Das kann auch eine Wildrose sein. Bei den Stauden ist der Rittersporn eine gute Wahl. Wer Platz hat, für den ist ein Gartenteich optimal. Das ist eine richtige Lebensquelle, wenn er gut angelegt ist. An flachen Ufern können Vögel trinken. An matschigen Stellen holen sich Schwalben und Wespen Nistmaterial. Das Wasser zieht Libellenlarven und Amphibien an. Stein- und Altholzhaufen bieten Zauneidechsen oder Erdkröten Lebensräume. Letztere macht sich sogar im Garten nützlich und frisst im Sommer die ganzen kleinen Nacktschnecken. Am Gebäude selbst sind Wandbegrünungen sinnvoll. Sie sind natürliche Klimaanlagen.

Bei einer Blumenwiese denke ich immer an etwas, das wild vor sich hin wuchert. Das könnte am Ende zu Streit mit den Nachbarn führen, wenn meine Pflanzen über das Grundstück hinaus wachsen. Ist das tatsächlich so?

Pfuhl: Diese Bedenken höre ich oft, ist aber ein Missverständnis. Im Garten kann der Mensch eingreifen. Als Gärtner kann er natürliche Entwicklungsprozesse unterbrechen und immer wieder für Artenvielfalt sorgen. Zu starke Pflanzen werden reguliert, andere dazwischen gesetzt, so kann sogar eine noch höhere Artenvielfalt generiert werden. Natürlich muss man beim Pflanzen gewisse Abstände zum Nachbarn einhalten. Die erfährt man bei der Stadt- oder Gemeindeverwaltung. Aber auch ein kleiner Garten kann Nahrung für Insekten bieten. Brennnesseln, über die man sich vielleicht manchmal ärgert, sind wichtig für Schmetterlinge. Wer also beim Mähen eine kleine Insel Brennnessel stehen lässt, kann Schmetterlinge anlocken. Die sind ja auch schön anzusehen. Artenvielfalt erfreut die Natur und das Herz, wenn man beobachtet, was da von April bis Oktober alles blüht.

Für den Balkon eignen sich Gartenkräuter wie Schnittlauch besonders gut.
Für den Balkon eignen sich Gartenkräuter wie Schnittlauch besonders gut.

Wie viel Arbeit macht so eine Blumenwiese?

Pfuhl: Das ist natürlich immer relativ. Wer einen englischen Rasen pflegt, der muss vertikutieren, düngen, wässern und einmal pro Woche mähen. Ich glaube, das ist mehr Arbeit als ein naturnaher Wiesenbestand, der ein- bis zweimal im Jahr gemäht werden muss. Die meisten Mäher mit Motor kommen da auch durch, man muss keine Angst haben.

Seit einigen Tagen erhält man bei Ihnen in Assenheim kostenlose Samentütchen mit Blühmischungen zum Aussäen im eigenen Garten. Wie kommt die Aktion an?

Pfuhl: Besser, als wir uns erhofft haben! Der Andrang hat uns sehr überrascht. Wir hatten viele Anrufe, haben Hunderte E-Mails bekommen und die Leute haben sich die Klinke in die Hand gegeben. So viel Interesse gab es noch bei keinem Thema. Es bewegt offensichtlich viele Leute. Doch der Einsatz für mehr Artenvielfalt ist keine einmalige Sache, sondern muss auch in den nächsten Jahren weitergeführt werden.

Info

Mehr Ideen

Jeden vierten Montag im Monat veranstaltet die Umweltwerkstatt des NABU-Wetterau einen offenen Treff. Am Montag, 29. April, werden noch mehr Ideen für Balkonkästen für Bienen und Insekten vorgestellt. Die Veranstaltung beginnt um 19.30 Uhr im Alten Rathaus in Assenheim (Wirtsgasse 1). Zunächst gibt es einen kurzen Vortrag, dann ist Zeit für Fragen und Gespräche.

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