Kopfkino der besonderen Art

15. Mai 2018, 20:43 Uhr
Drehscheibentelefone, Trenchcoat und Fliege: Dr. Perkins (Wolfgang Vater l.) und Kommissar Derrick Yale (Klaus Krückemeyer) vertonen das turbulente Geschehen. (gk)

Ja, der Nebel – er ist das einzige optische Zugeständnis bei der umjubelten Aufführung des HR2-Radio-Live-Theaters in der fast voll besetzten ehemaligen Schwimmhalle des Alten Hallenbads. Edgar Wallace’ »Hexer von London« war ein 70-minütiger faszinierender Ohrenschmaus. Bekanntlich ist das Gehör der elementarste unserer fünf Sinne. Kein noch so gut gemachter Kinofilm mit Spezialeffekten kommt in seiner Wirkung einem guten Hörspiel gleich, in dem eine vielfältige, komplexe Geräuschkulisse »aufgebaut« wird.

Um dies zu erleben, kann man entweder am Samstagnachmittag HR 2 einschalten, um dort Hörspiele auf hohem Niveau zu genießen – oder man lässt sich von der in Friedberg wohlbekannten Crew des RadioLiveTheaters faszinieren.

Viele ältere Zeitgenossen werden die Edgar-Wallace-«Straßenfeger« der frühen 60er Jahre kennen. Unbestrittener Klassiker unter diesen Streifen ist »Der Hexer von London«. Klaus Krückemeyer und Wolfgang Vater sind Regisseure eines turbulenten Geschehens, in dem alle sechs Akteure an einem langen Tisch sitzen, um in ihre Rollen zu schlüpfen.

Opfer in der Themse

Am linken Ende der Tafel befindet sich das von Michael Bibo meisterhaft gehandhabte Mischpult. Wie ein Pianist bringt er die diversen Regler in ihre jeweilige Position – einfach köstlich. Rechts gegenüber agiert Axel Senn als Meister der unzähligen Geräuscheffekte – vom Schuhgetrappel über zufallende Türen und zu Boden fallende Whiskeygläser bis hin zum gluckernden Wasser der Themse, in dem der »Hexer« seine Opfer gerne verschwinden lässt.

Klaus Krückemeyer als Kommissar Derrick Yale versucht den Mord an Sir Charles Stapleton aufzuklären und begegnet dabei verschiedenen – jeder auf seine Weise obskuren – Personen. Der Kleinkriminelle Richie Bonwit (Axel Senn) scheint ein Mordmotiv zu haben – ebenso wie der sich als Neffe Stapletons ausgebende Frank Sutton (Johan H. Hein). Dem honorigen Dr. David Perkins (Wolfgang Vater) – ehemaliger Anwalt und jetziger Testamentsvollstrecker des ermordeten Sir Charles – traut man den Mord am wenigsten zu. Auch seine Sekretärin Nora Sanders (Tina Wurster) macht einen seriösen Eindruck. Aber was heißt das schon bei Edgar Wallace? Mehrmals zerreißen Schreie kurz vor ihrem Hinscheiden stehender Personen die Nacht. Richie Bonwitt wird – in zwei Teile zersägt – am Themseufer gefunden. Dieser Anblick ist sogar für den hartgesottenen Dr. Bryan Higgins (Michael Bibo) eine Zumutung.

Laute Schreie

Das Geschehen wird schließlich immer turbulenter, überschlägt sich fast: Dr. Perkins scheint plötzlich überführt, wird aber dummerweise kurz vor einem möglichen Geständnis von seiner Sekretärin, die in Wirklichkeit aber Molly Oaks – die Gangsterbraut des Hexers – ist, ins Jenseits befördert. Der zwielichtige »Neffe« Sutton entpuppt sich als Versicherungsdetektiv; Higgins ist alles andere, nur kein Mediziner. Und der Hexer: bleibt unsichtbar.

Die »Aufführung« ist weit davon entfernt, todernst zu sein – was ja angesichts mehrerer bestialisch Ermordeter durchaus denkbar wäre. Es ist köstlich zu erleben, wie hier auf der Bühne mit Spaß an der Freude agiert wird, wie gern man sich selbst auf die Schippe nimmt. 70 Minuten vergehen wie im Flug. Schade, schade: Man möchte noch stundenlang zuschauen beziehungsweise -hören. Denn nicht zuletzt dafür sind sie ja gekommen, die Dame und die Herren von HR2: Um zu werben für, um Lust zu machen auf ein zu Unrecht fast vergessenes Genre – das Hörspiel.

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