15. Mai 2018, 11:00 Uhr

Vorwurf des Missbrauchs

JVA Rockenberg: Katholischer Seelsorger soll junge Häftlinge missbraucht haben

Hat er seine Stellung als katholischer Seelsorger im Rockenberger Gefängnis ausgenutzt, um sich an Häftlingen zu vergehen? Der Pastoralreferent schweigt zum Prozessauftakt zu den Vorwürfen.
15. Mai 2018, 11:00 Uhr
Hinter den Mauern des Rockenberger Gefängnisses soll es zu sexuellen Übergriffen gekommen sein. Ein Seelsorger muss sich nun vor Gericht verantworten. Er arbeitet inzwischen nicht mehr in der Haftanstalt. (Foto: WZ-Archiv)

Klaus Ernst, Leiter des Rockenberger Jugendgefängnisses, sitzt am Montag vor Richterin de Nève und versucht sich an ein Gespräch zu erinnern. Er hat es vor über zwei Jahren geführt. Damals standen die Vorwürfe im Raum, der katholische Seelsorger der JVA habe sich an einigen Inhaftierten vergangen. Ernst hatte den Mann darauf angesprochen. »Hinsichtlich der sexuellen Kontakte kam von ihm keine klare Aussage, dass so etwas nie passiert ist«, erinnert sich der JVA-Leiter. Der Seelsorger schweigt zum Prozessauftakt am Friedberger Amtsgericht zu den Vorwürfen der Anklage.

Diese haben es in sich. Demnach soll sich der 54-jährige Pastoralreferent zwischen 2015 und 2016 mehrfach an seinen jungen Schützlingen vergangen haben. Diese durften laut Anklageschrift im Gegenzug aus dem Büro des Seelsorgers mit Freunden oder Familie telefonieren, bekamen Tabak oder Fernsehgeräte. Konkret soll der Kirchenmann in einem Fall einem jungen Inhaftierten, während dieser meditierte, in die Hose gefasst haben. Einen anderen Insassen habe er während der Meditation versucht zu überreden, Geschlechtsverkehr mit ihm zu haben. Er soll einen dritten Häftling, ebenfalls während einer Meditationseinheit, erst im Intimbereich gestreichelt und dann gefragt haben, ob dieser ihn oral befriedigen wolle. Bei einem zweiten Treffen mit dem aus Tunesien stammenden Mann soll es dann zum Oralverkehr gekommen sein.

 

Mutmaßliches Opfer nicht greifbar

 

Jener Mann wollte im Prozess ursprünglich als Nebenkläger auftreten. Zum Auftakt des Verfahrens erscheint er jedoch nicht, Richterin de Nève teilt mit, er sei nach seiner Haftentlassung zwar mehrfach von der Frankfurter Polizei aufgegriffen worden, es gebe jedoch keine Hinweise auf seinen Verbleib. Der Mann sei zur Fahndung ausgeschrieben.

Ein Bediensteter der Haftanstalt sagt als Zeuge aus. Im Februar 2016 habe sich ein Häftling an ihn gewandt. Dieser habe ein Aufnahmegerät bei sich getragen und erzählt, Inhaftierte versuchten mit einem Mittschnitt eines sexuell motivierten Gesprächs zwischen einem Häftling und dem Seelsorger letzteren zu erpressen. Der Name des Tunesiers sei im Laufe des Gesprächs gefallen, berichtete der JVA-Bedienstete. Er habe daraufhin den Leiter der Gefängnisses informierte. Gemeinsam habe man noch am selben Tag mit besagtem Tunesier geredet. Dieser habe abgestritten, Drahtzieher der Erpressung zu sein, habe jedoch von den sexuellen Übergriffen berichtet. Der Häftling nannte wiederum den Namen eines anderen Gefangenen, der ursächlich hinter der Erpressung stecke. »Der wollte dann aber keine Angaben machen.« Der Tunesier habe auch den Namen eines anderen angeblichen Opfers genannt. Unter den Insassen sei bekannt gewesen, dass der Pastoralreferent schwul sei. »Ich selbst wusste es von einer Kollegin«, sagt der Zeuge.

 

Verteidigung will Glaubwürdigkeitsgutachten

 

JVA-Leiter Ernst gibt sich hingegen unwissend. »Das ist bei uns kein Thema.« Er habe an jenem Tag im März 2016 das Gespräch mit dem Seelsorger gesucht. »Er sagte, er werde nicht erpresst.« Die Aussage des Tunesiers sei ihm glaubwürdig erschienen, berichtet Ernst, der selbst Psychologe ist. »Er hat das nicht erzählt wie jemand, der einen anderen belasten möchte. Sondern, weil eben der Moment war, darüber zu sprechen.« Der Tunesier habe sich geschämt und geekelt, habe herumgedruckst. Grundsätzlich sei der junge Mann ein »auffälliger Gefangener« gewesen, der sich im Gefängnis schwer getan und viele Konflikte gehabt habe. »Anfangs hatten die Bediensteten alle Hände voll mit ihm zu tun«, der Tunesier sei von einer Krise in die nächste geraten.

Die Verteidigung möchte, dass ein Gutachter die Aussage aller mutmaßlichen Opfer auf ihre Glaubwürdigkeit hin überprüft. Bei Oberstaatsanwältin Yvonne Vockert löste der Antrag Kopfschütteln aus. Der Prozess wird fortgesetzt.

Infobox

Drei Monate bis fünf Jahre Haft

Der sexuelle Missbrauch Gefangener ist im Strafgesetzbuch in Paragraf 174 a geregelt. Darin heißt es, wer »sexuelle Handlungen an einer gefangenen oder auf behördliche Anordnung verwahrten Person, die ihm zur Erziehung, Ausbildung, Beaufsichtigung oder Betreuung anvertraut ist, unter Missbrauch seiner Stellung vornimmt oder an sich von der gefangenen oder verwahrten Person vornehmen lässt, wird mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft«. (lk)

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