20. März 2018, 20:48 Uhr

In herzlicher Abneigung verbunden

20. März 2018, 20:48 Uhr
Oh, Schreck: Mit ausdrucksstarker Mimik und seiner einzigartigen Sprache erweckt Jo van Nelsen die Gestalten zum Leben. (Foto: emh)

Im Hause Hesselbach ist wieder einmal Nachwuchs unterwegs: Aber die Geburt des vierten Enkels lässt ungewöhnlich lange auf sich warten. Es herrscht gespannte Erwartung. Alles wuselt durcheinander, spricht gleichzeitig. Schließlich wagt er sich – was bleibt ihm anderes übrig? – aus Heidis schützendem Mutterleib hinein ins grelle Licht der Welt. Mit einer »Kussorgie« (so Babbas zynische Beschreibung des Vorgangs) und reichlich Champagner wird das Ereignis gebührend gefeiert. Jeder umhalst jeden und babbelt mit dem neuen Erdenbürger im schönsten »Babydeutsch«. Da der Kleine gleich sechs Vornamen tragen soll, nennt man ihn der Einfachheit halber Bubi beziehungsweise Bubili.

Dem Schneechaos in »Hessisch-Sibirien« rechtzeitig entronnen, hat Jo van Nelsen – in Friedberg ebenso sehnsüchtig erwartet wie das Bubili in Steintal – am Sonntagabend Wolf Schmidts Minidrama »Der Kinderwagen« ins Kesselhaus des Alten Hallenbads mitgebracht.

Einfach köstlich

Mamma Hesselbach und Heidis Schwiegermutter, Frau Lindner (genannt Tutti), nehmen als erzieherisches »Duumvirat« das Bubili unter ihre fürsorglichen Fittiche, wogegen die Eltern keine Chance haben. Einander in herzlicher Abneigung verbunden, laufen die beiden Damen mit mehr oder weniger subtilen verbalen Fußtritten zur Höchstform auf. Frau Lindner alias Tutti – gönnerhaft-herablassende Großstädterin – erweist sich dabei raffinierter als die von ihr süffisant »Ohhmahh« titulierte Mamma Hesselbach. Es ist einfach köstlich, wie Jo van Nelsen diese dem Alkohol zugetane Frau in all ihrer Blasiertheit präsentiert.

Den Streit der Damen um einen passenden Kinderwagen für das klei’ Bubili beendet Babba Hesselbach, den gordischen Knoten mutig durchschlagend, mit einem käuferischen Alleingang. Stolz präsentiert er das teure Luxusgefährt – um gleich darauf von Mamma ob seiner Inkompetenz und Großmannssucht niedergemacht zu werden. Wolf Schmidt als begnadeter Autor lässt ein Highlight aufs Nächste folgen. Und Jo van Nelsen bietet als kongenialer Interpret seine geradezu chamäleonhafte sprachlich-gestisch-mimische Wandlungsfähigkeit auf, um diese erzählerischen Höhepunkte akustisch Gestalt werden zu lassen.

Wie Babba vor dem Schaufenster eines Bekleidungshauses – darin seine das Bubili rabenmutterhaft vernachlässigende Tochter wähnend – aus Übereifer den dort geparkten Kinderwagen mit nach Hause nimmt, um hier konsterniert festzustellen, dass darin nicht das Bubili, sondern ein fremdes Mädili liegt: Dieses Bravourstück Jo van Nelsens miterleben zu dürfen, ist nicht nur einen Asbach Uralt wert, sondern mindestens eine Flasche Dom Pérignon. Mit diesem edlen Gesöff betrinkt sich Tutti in einer anderen Szene – auch dies einer der zahlreichen Auftritte, für die der Meister begeisterten Zwischenapplaus einheimst. Nachdem Babba den Verdacht der Kindesentführung zerstreuen konnte, wird Bubilis Geburt feuchtfröhlich gefeiert. Selbst Mamma greift nun beherzt zur Flasche.

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