01. Oktober 2018, 20:53 Uhr

In einer Zeit ohne Glocken

01. Oktober 2018, 20:53 Uhr
Johannes Kögler vor der Tafel des Erinnerns. (Fotos: K. Augustin/Stadtarchiv Friedberg)

»Kapitulation – Zusammenbruch – Novemberrevolution« so lautet der Titel des vierten und letzten Teils des Ausstellungszyklus zum Ersten Weltkrieg, der aktuell im Wetterau-Museum zu sehen ist. Der Friedberger Geschichtsverein hatte seine Mitglieder zu einer Führung eingeladen und die beiden Macher der Ausstellung, Johannes Kögler, Leiter des Wetterau-Museums, und Lutz Schneider, Leiter des Stadtarchivs, konnten sich über ein reges Interesse freuen.

Wie Johannes Kögler erläuterte, liegt dem Ausstellungszyklus ein besonderes Konzept zugrunde. Analog zum Kriegsverlauf folgten und folgt der Zyklus dem damaligen Geschehen mit 100 Jahren Abstand von 1914 bis in die revolutionäre Nachkriegszeit des Januar 1919. Dabei stehen die eigentlichen Kriegsereignisse nicht im Vordergrund. Vielmehr wird das Weltgeschehen heruntergebrochen auf die jeweils konkrete Situation in Friedberg und in der Wetterau.

Genau hier zeigt sich die Stärke der Ausstellung und die Möglichkeiten von Wetterau-Museum und Stadtarchiv werden offenbar. Die Exponate stammen nahezu alle aus den reichen Beständen der beiden Häuser. In enormer Material- und Detaildichte werden die Lebensumstände der Friedberger Bevölkerung, ihre Sorgen und Nöte während des letzten Kriegsjahres sichtbar. Wenn Bilder und Dokumente von der Sammelstelle der Wetterauer Glocken in der Burg berichten oder stolz vermeldet wird, dass 500 Kilogramm Aluminium allein im Juli in Friedberg zusammengetragen wurden. Wie Lutz Schneider ausführt, verlangt die Front nach Rohstoffen und die Bevölkerung gibt, was sie kann. Ob Suppenkelle oder Topf, alles, was irgendwie entbehrt werden kann, wird gesammelt. Eicheln und Kastanien sind ebenso begehrt wie getrocknetes Laub.

Versorgt werden müssen auch die vielen Soldaten in Friedberg, seien es Angehörige der hier stationierten Garnison, kriegsgefangene ausländische Offiziere oder Verwundete in einem der Lazarette. Und auch die Kriegsversehrten, die vom Kriege Gezeichneten gehören zum Stadtbild und erinnern die Familien an die Gefahren, denen ihre Söhne, Männer und Väter im Felde ausgesetzt sind.

400 Soldaten sterben

Die große Schauwand im Hintergrund gerinnt so zum zentralen und ergreifendsten Element der Ausstellung. Im Verlaufe der vier Jahre des Krieges wie der Ausstellung hat sich die Wand unerbittlich gefüllt und gibt nun dem Unbekannten Soldaten von Friedberg viele Gesichter. Mit Stolz oder nachdenklich schauen uns die jungen Burschen und gestandenen Männer, die Söhne, Ehemänner und Väter in ihren neuen Uniformen aus den Fotografien entgegen. Aber jeder Lebenslauf ist kurz und endet mit einer Traueranzeige und den Worten »gefallen«. Über 400 Friedberger Soldaten sterben auf den Schlachtfeldern Europas.

Viele Themen finden in den zeitgenössischen Zeitungen ihren Niederschlag. Die großen schweren Zeitungsbände der drei in Friedberg erscheinenden Zeitungen werden im Stadtarchiv verwahrt und konnten bislang nur per Mikrofilm eingesehen werden. Als Pilotprojekt eröffnet die Ausstellung nun barrierefreie Recherchemöglichkeiten über das neue Internetportal »Der Erste Weltkrieg im Spiegel hessischer Regionalzeitungen«. Eine Möglichkeit, die gerne von den Mitgliedern des Geschichtsvereins wahrgenommen wurde.

Die Ausstellung »Kapitulation – Zusammenbruch – Novemberrevolution. Friedberg und Friedberger im Ersten Weltkrieg« wird noch bis 30. Juni 2019 gezeigt.

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